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Nix für Doofe: Sapiosexuell ist das neue 'Must be'

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Sapiosexualität
Sapiosexualität liegt voll im Trend. Foto: Symbolbild. © ©RichVintage Photography, iStock, A.J. Rich

IQ schlägt dicke Hose: Eigentlich nicht neu

Nur für den Fall, dass Ihnen unverhofft jemand den Satz „Ich bin sapiosexuell, ich finde dich so was von sexy“ ins Ohr raunt – hier kurz die Erklärung, was er damit meint, damit Sie nicht zum Googeln aufs Klo verschwinden müssen. Das Prädikat „sapiosexuell“ ist quasi die neue Königsdisziplin in Sachen Beschreibung der eigenen Vorlieben. Sapiosexuelle fühlen sich weniger vom Körper des Gegenübers (oder dem dicken Sportwagen vor der Tür) angezogen, als vor allem von dessen Verstand. Ein hoher IQ macht sie heiß, um es mal unsapiomässig platt zu formulieren. 

Von Ursula Willimsky

Intelligenz und Intellekt schlagen die dicke Hose: Das hat uns jetzt wenig überrascht. Wir kennen keine Frau, die sich mittel- bis langfristig als Lebensbegleiter einen Mann wünscht, der literarisch bei Bilderbüchern aus verstärkter Pappe stehengeblieben ist. Und auch wenn die Mehrzahl der bekennenden Sapiosexuellen angeblich Frauen sind: Wir kennen auch keine Männer, die es schätzen, mit ihrer Partnerin nur auf Augenhöhe sprechen zu können, wenn sie dafür in die Hocke gehen müssen.

Was also soll diese angebliche neue sexuelle Orientierung? Spielt da vielleicht eine gewisse Koketterie mit hinein? Wer sich selbst als sapiosexuell bezeichnet, deutet ja zumindest an, dass sie selbst auch nicht gerade eine Low-IQlerin ist. Oder ist es gar Sehnsucht nach dem überlegenen Mann? Geld verdienen können wir Frauen ja inzwischen selbst, auch ansonsten herrscht mehr oder weniger Gleichberechtigung – da bleibt dann eben nur noch, sich einen Partner zu suchen, zu dem man wenigstens intellektuell aufblicken und an dessen Esprit man sich erfreuen kann.

Vielleicht auch der schnöde Versuch, von vorneherein bestimmte Männer auszusortieren? Aber wo zieht man da die Grenze? Eine Art IQ-Kastendenken? IQ mag ein Kriterium sein, aber es gibt auch noch andere denkbare Auswahlkriterien: Niveau zum Beispiel. Oder Humor. Humor heißt übrigens auf lateinisch "lepor". "Ich bin leposexuell" – das hat das Zeug zum Nachfolgetrend, wenn sapiosexuell vom Zeitgeist verschluckt worden ist. Auch "sapiosexuell" hat – natürlich – einen lateinischen Ursprung. Es kommt von "sapiens": weise, gescheit, klug. Vielleicht auch von "sapere": schmecken; aber auch verstehen, verständig sein.

Interessante Gespräche sind ja sowas von sexy

Ja. Da drehen wir uns im Kreis. "Ich wünsche mir einen klugen Mann, der mich versteht" – bitte, das klingt nicht nach neuem Trend, das klingt nach "so war es schon immer".

Aber vielleicht haben wir das alles ja auch falsch verstanden und dem zweiten Teil des Wortes (-"sexuell") zu wenig Beachtung geschenkt. Anscheinend geht es nicht nur um irgendwelche lebensplanerischen Belange, sondern tatsächlich um sexuelle Attraktivität. Bei der sapiosexuellen Nischengruppe eben hervorgerufen durch …  durch … durch interessante Gespräche mit Niveau wahrscheinlich (schon wieder etwas, das man durchaus sexy finden kann, ohne sich gleich als sapiosexuell zu bezeichnen).

Ein Gutes hat das Ganze immerhin: Bei Vertretern dieser sexuellen Nischengruppe kann man guten Gewissens alles geben, um sich selbst zum Sexual-Objekt zu degradieren. Denn die wollen nicht spielen, die wollen sich nur intellektuell auseinandersetzen. Andererseits will man ja auch nicht immer nur auf sein Hirn reduziert werden. Eine zweischneidige Sache also. Wie so oft, wenn es um Attraktivität und Liebe geht.

Auf einschlägigen Dating-Seiten kann man sein eigenes Profil mit dem Hinweis auf die eigene Sapiosexualität upgraden. Praktisch, die ersten Kontakte finden ohnehin virtuell statt, solange die Beziehung noch im Chatstatus steckt, spielt das Aussehen eh keine Rolle. Andererseits – so scheint es uns – lauert da auch die Gefahr, dass man nicht nur an kluge Menschen, sondern mitunter auch an selbstgefällige Schnösel gerät.

Aber vielleicht sind wir auch einfach nur zu doof für diese neue (?) Spielart der sexuellen Neigung. Vielleicht müssen wir unsere primitiven Ganglien einfach mehr anstrengen, dann klappt das auch mit der Sapiosexualität. Äußerst reizvoll stellen wir uns zum Beispiel die einschlägige erotische Literatur vor. (Filme wird es wohl keine geben, entsprechende Bedürfnisse dürften durch anspruchsvolle Literaturverfilmungen bereits abgedeckt sein.)

 '50 Shades of Brain' soll ja ziemlich heftig sein, genauso wie die 'Erschreckende Beichte einer unersättlichen Sapio-Nymphomanin.' 'Ich habe mit drei Intellektuellen gleichzeitig diskutiert!' Hardcore eben. Besonders heftige Sapiosexuelle bezeichnen sich übrigens angeblich als 'Nymphobrainiacs'. Dies nur zur Info, falls Ihnen beim nächsten Date der intellektuelle Gesprächsstoff ausgeht.

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