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"Nimm mich, Bezahl mich, Zerstör mich!": Mein Leben als minderjährige Prostituierte

Lisa Müller - Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich
Lisa Müller ist heute 20 Jahre alt und hatte etwa 500 Mal bezahlten Sex mit fremden Männern.

"Soll ich deine Tochter spielen?" lockte Freier an

"Wenn ich heute die Geilheit in den Augen eines Mannes sehe, möchte ich sie ihm am liebsten auskratzen", das sagt Lisa Müller, heute 20 Jahre alt. Zwischen 14 und 18 hatte sie mit etwa 500 Männern bezahlten Sex. Sie tat es angeblich freiwillig. Nicht für Alkohol und auch nicht für Drogen. Sie tat es einfach nur für Geld- ohne Zwang und immer ohne Zuhälter.

Von Ann-Christin Gebhardt

Lisa Müller ist in einem 7.000-Seelen-Ort in Baden-Württemberg aufgewachsen und hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie und viele Freunde. Doch während andere Teenager Hausaufgaben machen oder ins Kino gehen, traf sich Lisa mit Männern zum Sex. Nach vier Jahren steigt sie schließlich aus. Sie ist gerade einmal 18 Jahre alt und ein psychisches Wrack.

Heute lebt Lisa mit ihrem 47-jährigen Freund zusammen und arbeitet in einem Büro. Über ihre Zeit als minderjährige Prostituierte hat sie jetzt ein Buch geschrieben.

Auf den ersten Blick würde keiner erahnen, was diese zarte, junge Frau alles erlebt hat. Beim Interview trägt sie einen schwarzen Rollkragenpullover, hat ein nettes Lächeln und einen sehr schwäbischen Akzent. Doch was bewegt eine 14-Jährige dazu, ihren Körper für Geld anzubieten? Und was hat das mit ihrer Psyche angestellt? Ich habe mit Lisa über ihre bewegende Zeit gesprochen.

"Es gibt so viele Kranke da draußen"

Lisa Müller - Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich
Das sexuelle Interesse der Männer erregte sie.

Warum entscheidet sich eine 14-Jährige zur Prostitution?

Lisa Müller: Mit neun Jahren habe ich einen Film im Fernsehen gesehen, in dem ein junges Mädchen zur Prostitution gezwungen wurde und seitdem war ich wie besessen von der Idee, mit Sex Geld zu verdienen. Ich habe es immer nur des Geldes wegen gemacht, brauchte aber auch die Bestätigung. Ich war noch sehr jung und hatte kaum Selbstbewusstsein. Die Vorstellung, dass ein Mann für Sex mit mir bezahlt, hat mich erregt. Es war etwas Geheimes, etwas worüber man nicht sprach, ich genoss den Kick.

Wie war das 1. Mal mit einem Freier?

Lisa Müller: Den ersten Freier traf ich in einem Park als ich mit Freunden unterwegs war. Er war 43, bat mich um meine Handynummer und bombardierte mich von da an mit SMS. Ich witterte schnell meine Chance und traf mich später mit ihm zum Sex. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Dreckiges und Beschämendes getan zu haben. Ich hatte schnell viel Geld verdient und fühlte mich gut.

Warum mit 18 dann der Ausstieg?

Lisa Müller: Mit 18 fing ich an, mich immer schlechter zu fühlen. Ich empfand den Männern gegenüber plötzlich nur noch Ekel, bekam Depressionen, heulte ständig und mein Optimismus, den ich mir die ganze Zeit bewahrt hatte, war verschwunden. Ich war psychisch völlig am Ende und fühlte mich wie ein Stück Dreck. Ich war irgendwann nicht mehr in der Lage für Geld mit fremden Männern zu schlafen. Als ich mich dann später wieder aufgerappelt hatte, war ich froh, dass dieses Kapitel abgeschlossen war und wollte von da an auch nie mehr zurück.

Wie sind Sie mit den Freiern in Kontakt gekommen?

Lisa Müller: Ich war, wie fast alle meine Freunde auch, in einer Jugend-Community im Internet angemeldet und habe dort natürlich auch Fotos hochgeladen, woraufhin mich viele Männer angeschrieben haben. Mit 16 begann ich schließlich Anzeigen auf Erotikplattformen zu schalten. Wenn ich schrieb: "Soll ich deine Tochter spielen?" wurde ich mit Angeboten regelrecht überschüttet.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Freier ausgewählt und was waren das für Männer?

Lisa Müller: Es ging mir ausschließlich ums Geld. Wenn sie mir genug boten und mir nicht total gestört und abartig vorkamen, fuhr ich mit ihnen auf einen Parkplatz, ins Hotel oder später in meine Wohnung. Die Männer waren zwischen 26 und 60 Jahren alt und viele von ihnen hätten meine Väter sein können. Besonders absurd war, dass sie mir nach dem Sex oft von ihren Frauen und Kindern erzählten.

Wie haben Sie sich geschützt?

Lisa Müller: Ich war zu der Zeit wirklich sehr naiv und blauäugig und habe mich kaum um meine Sicherheit gesorgt. Ich war mir nicht im Klaren darüber, in welche Gefahr ich mich brachte. Später begleitete mich dann mein damaliger Freund Max zu manchen Treffen mit Freiern und überwachte mich über ein GPS-Gerät, mit dem er mich hören und orten konnte. Trotzdem ging es nicht immer glimpfig ab: Einmal versuchte mich ein Freier zu entführen und ich konnte gerade noch flüchten. Eine Vergewaltigung durch einen Freier habe ich auch erlebt.

Haben Ihre Eltern/Freunde davon gewusst? In welchen Situationen fiel Ihnen das Lügen besonders schwer?

Lisa Müller: Das Lügen fiel mir nie besonders schwer. Ich mochte den Reiz des Geheimen und war stolz darauf. Deswegen wusste zunächst auch niemand, dass ich anschaffen ging. Aber ich komme aus einem kleinen Dorf und es war bekannt, dass ich nicht die Unschuld vom Lande war. Das Gerücht ging also immer mal wieder um, ich habe es aber hartnäckig verneint. Als meine Familie später davon erfuhr, ging sie ganz unterschiedlich damit um. Mein Vater machte sich bis zu seinem Tod 2010 Vorwürfe, dass er nicht genug für mich da gewesen sei und meine Mutter kann die Tatsache, dass ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehe, nicht akzeptieren und hat den Kontakt abgebrochen.

"Es hat sie erregt, dass ich minderjährig war"

Lisa Müller - Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich
Sie betrachtet ihre Erlebnisse heute als wertvolle Erfahrung.

Wie präsent war das Thema Sex in ihrer Familie/Freundeskreis?

Lisa Müller: Ich hatte mein erstes Mal mit 13 und würde mich als sehr frühreif bezeichnen, denn Sex hat in meiner Jugend immer eine große Rolle gespielt. In meinem Freundeskreis haben wir sogar einen regelrechten Wettstreit veranstaltet, wer mit mehr Jungs schlief.

"Zerstör mich": Was heißt das für Sie?

Lisa Müller: Ich habe mich zwar selbst dazu entschieden mit fremden Männern Sex zu haben und meine Psyche somit selber zerstört, aber die Männer haben mich auch zerstört. Sie haben mich nur als Fickobjekt und nicht als liebenswerte Person gesehen.

Wie prägen Sie heute die Erinnerungen?

Lisa Müller: Obwohl vieles in mir, vor allem in Bezug auf Männer, kaputt gegangen ist, habe ich ein großes Selbstbewusstsein entwickelt. Ich bin längst nicht mehr so unsicher und naiv wie früher. Ich habe in den vier Jahren außerdem einiges an Menschenkenntnis gewinnen können, was mir jetzt zugutekommt.

Wie viel haben Sie verdient? Gab es einen Zweck wofür Sie das Geld benötigten?

Lisa Müller: Ich hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Geld und wollte es einfach nur besitzen. Meine Familie war zwar nicht arm, trotzdem hatte ich immer Angst nicht genug zu haben. Ich verlangte zwischen 100 und 300 Euro pro Stunde, manchmal verdiente ich auch wesentlich mehr. Davon ging ich dann Shoppen und Feiern und fühlte mich ein Stück weit sicher.

"Ich bereue nichts"

War den Männern bewusst, dass das was sie tun, illegal ist?

Lisa Müller: Die Männer wussten genau, dass sie sich strafbar machten. Aber das war denen egal. Und mir auch. Wenn die Männer meinen Ausweis gesehen und sich vergewissert hatten, dass ich noch minderjährig bin, hat sie das richtig erregt und sie haben sogar noch tiefer in die Tasche gegriffen.

Wie "normal" war ihre Jugend?

Lisa Müller: Ich habe schon sehr viel Zeit mit der Suche nach Freiern verbracht und traf mich manchmal mir drei oder vier am Tag. Ansonsten habe ich ganz normale Dinge getan: Schule, Shoppen, Feiern. Trotzdem war meine Jugend alles andere als durchschnittlich. Ich liebte das Extreme und verabscheute alles Normale und Angepasste.

Wie groß ist die Angst rückfällig zu werden?

Lisa Müller: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich keine Angst davor habe. Das viele Geld ist schon verlockend. Ich kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass ich es niemals wieder versuchen werde. Vor allem wenn ich einen finanziellen Engpass habe, kommen mir solche Gedanken. Momentan schiebe ich das aber ganz weit von mir weg und darauf bin ich sehr stolz.

Wie hat sich ihr Männerbild verändert?

Lisa Müller: Mein Bild von Männern ist für immer zerstört. Wenn mir einer auf der Straße hinterher schaut und ich die Geilheit in seinen Augen sehe, würde ich sie ihm am liebsten auskratzen. Dann überkommt mich richtiger Hass. Abgesehen von meinem Freund, hasse ich die Männer abgrundtief.

Sie leben in einer festen Partnerschaft. Wie hat ihr Freund auf ihre Vergangenheit reagiert?

Lisa Müller: Gleich zu Beginn unserer Beziehung habe ich meinem Freund alles erzählt und habe immer mit offenen Karten gespielt. Ich habe gelernt, dass Ehrlichkeit das A und O in einer funktionierenden Partnerschaft ist. Natürlich war er anfangs geschockt, vor allem weil er eine 14-jährige Tochter hat, doch er akzeptiert es. Er sieht es genau wie ich: Vergangenheit ist Vergangenheit und hat nichts mit der Gegenwart oder der Zukunft zu tun.

Wenn Sie an die Zeit zurückdenken, bereuen Sie ihre Entscheidung?

Lisa Müller: Mittlerweile habe ich mit meiner Vergangenheit Frieden geschlossen. Was ich erlebt habe, kann ich nicht mehr ändern, aber es hat mich zu dem Menschen reifen lassen, der ich heute bin. Ich bin froh, dass es mir heute gut geht und ich gesund bin, denn es gibt so viele Kranke da draußen. Jemand der eine 14-Jahrige für Sex treffen will, kann doch nicht normal sein. Ich war zu früh erwachsen und habe viele dumme Entscheidungen getroffen, dennoch bereue ich die Zeit nicht.

Vielen Dank für das Interview!

"Nimm mich, Bezahl mich, Zerstör mich!" erscheint am 01. April 2013 im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag (9,95 Euro).

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