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Nicht nur Shades of Grey: Darum lesen Frauen so gerne!

Shades of Grey: Heiße Fakten
Shades of Grey: Heiße Fakten Holy Cow ist Anastasias Lieblingsausdruck 00:02:38
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"Frauen tauchen gern in seelische Abgründe ab, Männer brauchen die Realitätskeule!"

"Ich lese wahnsinnig viel", das ist ja nach wie vor einer der Sätze, mit denen man beim Small Talk so gar nichts falsch machen kann. Nur Randgruppen wie Jugendlichen, die wahnsinnig viele Whatsapp-Meldungen lesen und sonst kaum etwas, gelingt es nicht, mit so einem Satz ein Glimmen der Bestätigung in die Augen des Gegenübers zu zaubern. Vor allem uns Frauen wird ja nachgesagt, dass wir besonders gerne lesen. Warum eigentlich greifen erwachsene Frauen so gerne zu Büchern, obwohl sie als 14-Jährige 'Die Judenbuche', ein Sittengemälde des gebirgigen Westfalens, über lange Schulstunden hinweg interpretieren mussten? Eine Frage, die zu Zeiten der Frankfurter Buchmesse einfach gestellt werden muss.

Von: Ursula Willimsky

Eine recht einfache, aber dennoch nachvollziehbare Antwort darauf hat die Deutsche Buchbranche: "Frauen tauchen in seelische Abgründe ab." Männer dagegen, so fand die Branche bei einer Umfrage heraus, "brauchen die Realitätskeule". Ach so. Vermutlich spielen da dieselben Mechanismen eine Rolle, nach denen morgens die Zeitung in Sport/Wirtschaft und Vermischtes/Kultur aufgeteilt wird. Und so scheint auch der Büchermarkt geteilt zu sein: Hüben die Sachbücher, drüben Romane in jedweder Spielart.

Anscheinend stimmen hier noch die Klischees von der einen Bevölkerungshälfte, die sich mehr für die Gefühle und Lebensgeschichten anderer interessiert und sich auch allzu gerne in andere hineinversetzt. Beziehungsweise im Falle von Büchern hineinfallen lässt. Und wo könnte man das besser machen als bei einem Buch, das einem ja sogar zwischen den Zeilen die Chance gibt, die Hauptdarstellerin ganz ähnlich wie man selbst oder ganz anders aussehen zu lassen. Und sich an ihrer Seite (Stelle) für ein paar Stunden in ein anderes Leben zu träumen – wie gut das funktionieren kann, beweisen die Erfolge von Romanen wie 'Shades of Grey."

Belletristik – das ist Sex and Crime and Fantasy, aber auch der gepflegte Roman. Was alles schon sehr frauenaffin klingt, rein statistisch betrachtet. Denn natürlich wird jede einen Mann kennen, der abends gerne in einem Roman schmökert. Und natürlich gibt es auch Frauen, die gerne Sachbücher lesen, und zwar nicht nur über die neuesten Yoga-Trends oder Ähnliches.

Mehr als die Hälfte der Krimis wird von Frauen gelesen

Aber an irgendetwas müssen wir uns ja festhalten - und das ist in diesem Fall die Mehrheit. Und die weibliche Mehrheit sucht, das wusste schon Elke Heidenreich zu berichten, beim Lesen Entspannung und Unterhaltung. Am liebsten greift sie dafür zur sogenannten Spannungsliteratur – Krimis also, aber auch Thriller. Ein Viertel der verkauften Belletristik kommt aus diesem Genre – und mehr als die Hälfte wird von Frauen gekauft. Tatsächlich bieten Krimis ja eine ganz breite Palette an seelischen Abgründen, in die eine Frau abtauchen kann. Angefangen bei witzigen Regionalkrimis, die inzwischen so beliebt sind, dass es wahrscheinlich einfacher ist, ein Dorf zu finden, das noch keine eigene Krimireihe hat als umgekehrt. Bis hin zu den ultrabrutalen, bluttriefenden Schockern, die man allein schon deshalb in einer Nacht durchlesen muss, weil man sich nach Seite 12 ohnehin nicht mehr traut, die Augen zu schließen.

Warum tun Frauen sich das an? Bisher hatten wir immer gedacht, dass Krimis gelesen werden, weil sie spannend sind. Aber nein! Eine US-Studie behauptet, dass Frauen vor allem deshalb Krimis lesen, weil sie sich stärker vor Gewalttaten fürchten als Männer – und sich aus den Krimis Tipps erhoffen, wie sie eine Notsituation am besten überstehen können. Wichtig sei ihnen folgerichtig auch der Alltagsbezug – also jenes Quäntchen "Das könnte tatsächlich passieren", das einen Krimi erst so richtig gruselig macht. Dumm nur, dass mit den Schreckens-Szenarien auch die Angst wächst – vielleicht erklärt das ja die hohen Verkaufszahlen von Krimis.

Bücher scheinen ohnehin noch weit vom Aussterben entfernt zu sein: 9,536 Milliarden Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für Bücher und Fachzeitschriften aus, Tendenz wieder steigend. Den Löwenanteil (mehr als ein Drittel) davon machte die Belletristik aus – nicht die allgegenwärtigen Kochbücher, auf die wir getippt hätten. Aber der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt muss es ja wissen.

Das Buch ist also immer noch in Mode. Auch wenn es manchmal keine Seiten mehr hat, sondern ein beleuchtetes Display. Selbst die 'Stiftung Lesen' tritt für eine "Gleichwertigkeit aller Medien" ein – und sieht im Digitalen sogar eine Chance – animiert es doch auch Menschen (Jugendliche) zum Lesen, die ansonsten nicht ohne weiteres ein Buch zur Hand nehmen würden. Beide können einen mitnehmen in eine Phantasiewelt, in der man nicht unbedingt in Wirklichkeit leben möchte. Aber ein bisschen in fremden Leben träumen ist schon okay. Und wenn man drüber einschläft, ist es auch nicht schlimm. Sondern sehr entspannend.

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