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Neuanfang nach Trennung: Das große Nichts oder die große Chance?

Bettina Wulff muss sich nach ihrer Trennung neu positionieren.
Bettina Wulff auf dem Titel des Süddeutsche Zeitung Magazin. Sie steht für viele Frauen ihrer Generation.

Wie kann der Neuanfang nach einer Trennung aussehen?

"Ich bin jetzt vierzig Jahre alt. Soll ich jetzt mein Jodeldiplom machen?" Bettina Wulff hat es in einem Interview mit dem 'Süddeutsche Zeitung Magazin' (Ausgabe 35) sehr schön auf den Punkt gebracht, dieses Dilemma namens mangelnde Perspektive, in das eine Trennung Frauen oft manövriert. Nun hat die studierte Medienmanagerin an der Seite des ehemaligen Bundespräsidenten vermutlich keine typische Hausfrauenehe geführt. Aber nach dem Aus als First Lady und dem Aus als Frau an der Seite Wulffs hat sich ihr Leben dramatisch verändert. So wie das Leben von vielen, vielen Frauen, die nach einer Trennung plötzlich vor der Aufgabe stehen, sich ein neues Leben aufzubauen. Im privaten und im beruflichen Bereich. Und das in einer Situation, in der man selbst sich nicht unbedingt als Überfliegerin sieht: Zu lange aus dem Job raus, vielleicht auch das Gefühl, den Anschluss verpasst zu haben. Die Sorge um die Kinder und eine Scheidung, die ganz schön am Selbstbewusstsein genagt hat …

Von Ursula Willimsky

Wulff selbst geht einen hochprofessionellen Weg: Sie hat sogar einen PR-Berater engagiert, mit dessen Hilfe sie ihr Image verbessern will. Unter anderem ließ sie sich von Redakteuren des SZ-Magazins über Wochen begleiten – heraus kam die Titelstory mit der Schlagzeile "Weiblich, erledigt, jung sucht …". Eine Überschrift, wie gemacht für das Leben vieler Frauen in einer ähnlichen Situation.

Das durchschnittliche Scheidungsalter in Deutschland liegt bei etwa 42 Jahren. Zu viel, um sich um die Zukunft noch keine Sorgen zu machen und einfach nochmal durchzustarten. Zu wenig, um gedanklich schon in den Ruhestand zu gleiten. Zudem stehen nach einer Trennung viele Frauen plötzlich vor dem nichts. Mit dem Partner verschwindet oft auch die finanzielle Sicherheit. Und der emotionale Rückhalt. Werde ich einsam alt werden? Für wen werden sich die ehemals gemeinsamen Freunde entscheiden? Werde ich einen neuen Lebensgefährten finden? Wird mein Ex eine neue Partnerin finden? Vielleicht sogar noch einmal Kinder mit der Neuen bekommen – in einem Alter, in dem das für mich nicht mehr möglich wäre?

Ausbildung mit Ü-40 oder späte Selbstständigkeit?

Die Sorgen und Ängste, die eine Trennung mit sich bringen kann, sind so unterschiedlich wie die Gründe, die zum Bruch führten. Jede Frau wird sich in dieser Situation in irgendeiner Form der harten Arbeit des Loslassens, des Neuanfangens stellen müssen, um eine individuelle Lösung zu finden. Manche brauchen viel Raum und Zeit für die Trauerarbeit, vielleicht auch professionelle Hilfe. Für andere ist eine Trennung der Kick, um endlich und am besten sofort eine selbstbestimmte Karriere zu beginnen. Manche arrangieren sich mit einem Leben, das nahezu unverändert weitergeht, mit dem einzigen Unterschied, dass die Kinder jetzt jedes zweite Wochenende bei Papa übernachten. Andere ziehen den ganz großen Schluss-Strich, manchmal sogar verbunden mit einem Umzug in eine andere Stadt und einem neuen Job.

Wobei der vielzitierte Wiedereinstieg in den Beruf häufig einem Hindernislauf mit Jonglage-Elementen gleicht. Das Familienministerium nennt ein schönes Beispiel: Wer Kinder hat, ist nicht völlig flexibel. Die Krippe schließt nun mal um 16.30 Uhr. Im Gegenzug müssen die Mitarbeiter, die keine Kinder haben, flexibler sein. Und schon ist der Konflikt da. Eine Hürde, die für alleinerziehende Mütter besonders hoch ist: Sie haben ja keinen Partner mehr, der Betreuungsengpässe mit abfedern könnte. Und oft fehlt es auch an anderen familiären Unterstützern, weil Oma in einer anderen Stadt wohnt.

Doch selbst die scheinbar auswegslosesten Situationen können manche Frauen mit einer Portion Engagement und Glück zum Karrieresprungbrett ummünzen: Miese Betreuungszeiten und ein Hort, dessen Konzept ihr so gar nicht gefiel – für eine dreifache Mutter aus dem Rheinland waren das Hürden, die sie daran hinderten, nach der Trennung wieder zu arbeiten. Heute arbeitet sie selbst in der Leitung eines Hortes – ein Job, der erst wegen ihres Engagements für sie maßgeschneidert wurde.

Nur 34 Prozent aller Frauen arbeiten laut BMFSFJ Vollzeit - bei den Männern sind es 81 Prozent. 42 Prozent der Frauen haben Verträge mit reduzierter Stundenzahl, in Minijobs oder als freie Mitarbeiterinnen. Wenig Geld. Wenig Sicherheit. Nicht wenige stellen, wenn die Kinder kommen, ihre eigenen beruflichen Perspektiven zurück - auch, weil der Familienalltag ja unter bestimmten Voraussetzungen (einer verdient den Hauptanteil am Einkommen, eine kümmert sich schwerpunktmässig um die Kinder) organisiert wurde. Der Wunsch, eigenes Geld zu verdienen, etwas zu leisten und finanzielle und emotional unabhängig zu sein, verblasst hinter anderen Vorgaben. Manchmal mit fatalen Folgen, wenn die Ehe nicht wie geplant bis ins Rentenalter hält.

Vermutlich trifft Wulff die Regelung des nachehelichen Unterhaltes nicht ganz so hart wie manch andere Frau, die nach langjähriger Ehe als arbeitsloser Single dasteht. Trotz – oder vielleicht sogar wegen – ihrer Bekanntheit steht aber auch Wulff vor der Aufgaben, sich nach der Trennung neu zu positionieren. So wie viele Normale-Frauen auch. In den alten Job kann und will nicht jede zurück. Manche entscheiden sich für ein Aufbau-Studium. Manche machen sich selbstständig mit einem hübschen Laden oder einer Dienstleistungs-Idee. Und manche gehen noch einmal in die Lehre. Einige große Unternehmen – von der Bank bis zu Bäckerei – haben inzwischen sogar spezielle Ausbildungsangebote für Spätberufene ab 40. Sie profitieren gerne von einer gewissen Lebenserfahrung und Motivation der Alt-Lehrlinge.

Und für die Ü-40-Azubis kann so eine Lehre der perfekte Neustart sein für ein erfülltes Leben nach der Trennung. Oder um es mit Wulff zu sagen: "Ich möchte Dinge gut machen und dass meine Umgebung zufrieden ist. Jetzt nur noch auf dem Stein sitzen und über das Leben sinnieren - also wenn wir schon über das öffentliche Bild reden, dann wäre das etwas, was nun wohl keiner verstehen würde: ,So, jetzt macht sie nur noch Dolce Vita, ne?'" Die öffentliche Wahrnehmung, wirtschaftliche Notwendigkeit oder das eigene Selbstbewusstsein können Antrieb sein, nach einer Trennung aus dem Nichts durchzustarten. Und aus "Weiblich, erledigt, jung sucht…" eine ganz persönliche Erfolgsstory zu machen…

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