Nebenjobs: Sollten Kinder ihr eigenes Geld verdienen?

Nebenjobs: Sollten Kinder ihr eigenes Geld verdienen?
© James Whatling / Splash News

Wie wichtig sind Nebenjobs für Kinder?

Die Beckhams, Englands Vorzeige-Elternpaar, grätschen gerade erfolgreich in ein Terrain, das Promis bisher nur selten in die Schlagzeilen brachte: Sie haben sich als bodenständige Eltern geoutet. Ihr Sohn Brooklyn muss nämlich am Wochenende in einem Coffee-Shop arbeiten. Für umgerechnet 3,20 Euro. „Damit der Junge den Wert von Geld schätzen lernt“, ließ Papa David (zusammen mit Gattin Victoria etwa 100 Millionen Euro schwer) verlauten. Das einzige, was gegen diese Entscheidung spräche, wäre ein Einwand wie: "Jetzt nimmt der reiche Schnösel auch noch weniger privilegierten Jugendlichen den Job weg! Soll er doch lieber eine Badehosen-Kollektion entwerfen oder ein Skandal-Rap-Video rausbringen wie all die anderen!" Mehr Negatives fällt uns zu der Meldung aber ohnehin nicht ein.

Ursula Willimsky

Brooklyn arbeitet, obwohl er es finanziell nicht nötig hat. Und das ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit in einer Welt des Überflusses. Zwar "arbeiten" sehr viele Kinder der Reichen und Schönen, aber vor allem eben im Spannungsfeld Mode-Musik-Reality-TV. Lily Collins (die Tochter von Phil) schrieb schon als Teenager für "Elle Girl". Lourdes (die Tochter von Madonna) hat eine eigene Modelinie seit sie 13 ist. Die Zwillinge von J. Lo modeln und Conner (Sohn von Tom Cruise) firmiert als DJ C-Squared, und so weiter und so fort. Sie alle verdienen ihr Geld in der Welt des Glamours.

Die sprichwörtliche harte, ehrliche Arbeit sieht anders aus. Und nicht immer bekommen Kinder aus gutem oder reichen Hause diese Welt zu sehen, bevor sie erwachsen sind. Man kann auch groß werden, ohne "the real life" kennengelernt zu haben. Das gilt übrigens auch für Normalo-Kinder. Wenn man sich in Elternkreisen umhört, beschleicht einen manchmal das Gefühl, dass es für Jugendliche fast selbstverständlich ist, das neueste Handy, die neueste Konsole, das neueste Tablet und die neuesten ultrateuren Spiele einzufordern – und zu bekommen. Nicht erst an Weihnachten, sondern jetzt, sofort.

Schön, wenn manche die Chance bekommen, zu erfahren, dass zum konsumorientierten Leben auch die Basis für den Konsum gehört. Und damit ist nicht der Verbraucherkredit gemeint, sondern selbst erarbeitetes Geld. In die Erfüllung von Wünschen eigene Energie und Arbeit stecken zu müssen, formt den Charakter – eine zugegebenermaßen altmodische Formulierung, aber ihr Inhalt gefällt uns. Genauso wie der Gedanke, dass der, der weiß, was arbeiten ist, gute Chancen auf ein erfülltes, selbstbestimmtes Erwachsenenleben hat.

Noah, der Sohn von Boris Becker, wusch Autos, bevor er Designer wurde. Brooklyn füllt Kaffeetassen. Zumindest die beiden können oder konnten lernen, wie ein Job ohne Hofstaat, ohne Sonderbehandlung und ohne exorbitanten Stundensatz sich anfühlt. Und wie lange man für 3,30 Euro die Stunde schuften muss, bis man sich das Designer-T-Shirt für 196 Euro leisten könnte. Solche Erfahrungen können ein Weltbild ganz schön zurechtrücken.

Lernen, dass einem nicht alles geschenkt wird, ist wichtig, finden wir. Nur wer das weiß, kann später einmal schätzen, was er hat. Und kann stolz auf sich sein, weil er sich selbst etwas erarbeitet hat. Geldverdienen ist ja neben der wirtschaftlichen Notwendigkeit auch immer ein Akt der Selbstbestätigung. Der einen mit Stolz erfüllt und unabhängig macht.

Was Kinder dadurch lernen

Jugendlichen, die aus eher geld- und beschäftigungsarmen Haushalten stammen, haben da anscheinend besonders schlechte Karten. Kinder aus Hartz IV-Haushalten dürfen gar nicht so viel arbeiten, wie sie wollen. Das heißt: Sie dürfen schon, aber es bringt ihnen kaum etwas. 100 Euro im Monat verdienen ist okay, jeder Euro mehr wird angerechnet – sprich: von den staatlichen Leistungen abgezogen. Man muss schon sehr willensstark sein, um dann noch mehr als das nötigste zu tun.

Kinder aus der Mittelschicht haben andere Startvoraussetzungen. Aber ihnen erfüllen die Eltern oft auch nicht willenlos jeden Wunsch.

Jugendliche, die später mal einen Betrieb übernehmen sollen, werden gerne zu Ferienjobs in der Branche – manchmal gar im elterlichen Betrieb – verdonnert. "Damit der Junge später weiß, was seine Leute machen". Und damit die Tochter mehr ist als die Erbin, die sich ins gemachte Nest setzt. Viele Jugendliche und jungen Erwachsene verpacken in den Ferien im Akkord Schmelzkäseeckchen, knüllen Donnerstags in aller Herrgottsfrühe die Gratiszeitungen in die Briefkästen. Sitzen abends – dank langer Ladenöffnungszeiten – im Supermarkt an der Kasse.

Wobei es ja natürlich einen Unterschied macht, ob man an der Drogeriemarkt-Kasse von einer völlig unbekannten Kundin mit einem "Ach Gott! Bist du die Bärbel? Weißt du nicht mehr, dass du früher so gern meinen Hund gestreichelt hast?" begrüßt wird oder ob man quasi durch Geburt schon so bekannt wird, dass man mit Dienstantritt die eigentliche Sehenswürdigkeit des Ladens wird.

Aber darum geht es ja nicht. Es geht ja darum, dass Beckham Junior lernen soll, dass "harte Arbeit wichtig" ist, wie Papa David betont. Und vielleicht – das unterstellen wir jetzt einfach mal – auch lernen soll, wie harte Arbeit sich anfühlt. Und das kann auf keinen Fall schaden, bevor man ins elterliche Mode-Lifestyle-Imperium eintritt.

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