'Nazi-Bluse' von Mango: Viel Wirbel um nichts?

'Nazi-Bluse' von Mango: Viel Wirbel um nichts?

Ist die Aufregung um die 'Nazi-Bluse' gerechtfertigt?

Nach Military-Overall und Amoklauf-Shirt sind es jetzt vermeintliche SS-Runen auf einer Bluse, die für einen riesigen Aufschrei im Netz sorgen. Nicht nur die Kritiker fragen sich (und andere): Was bitte haben die Designer sich dabei gedacht? Ich frage mich: Ist die ganze Aufregung gerechtfertigt oder überzogen?

Von Maike Nagelschmitz

Schuld an allem ist eine Bluse, die im Onlineshop der spanischen Modekette Mango als 'Hemd mit Blitzmuster' deklariert wird. Kritiker wollen darin aber das Zeichen der SS erkennen, die im Dritten Reich für zahlreiche Morde verantwortlich war. Für zusätzliche Entrüstung sorgt die Outfit-komplettieren-Funktion im Onlineshop: Das Angebot "Ich möchte den Total Look" (des Models auf dem Foto wohlbemerkt, Anm. d. Red.) sei angelehnt an das Zitat "Wollt ihr den totalen Krieg?" aus der Rede von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast. Das zumindest wollen Kritiker erkannt haben. Dass diese Funktion im Onlineshop nicht neu ist und schon immer so hieß, wird dabei vergessen.

Die im Shop angebotenen, zum Outfit passenden "standesgemäßen schwarzen Lederstiefel und Ohrringe, die wie Patronengürtel aussehen" (so schreibt es das Onlineportal 'ruhrbarone.de') habe ich vergebens gesucht. Was ich gefunden habe, waren schwarze Chelsea-Boots aus Lack und Ear-Cuffs mit schwarzen Steinchen. Eine Assoziation mit den typischen Klamotten oder Uniformen des Dritten Reichs wäre zumindest mir an dieser Stelle nicht in den Sinn gekommen.

Ganz ähnlich verhielt es sich kürzlich, als der schwedische Modekonzern H&M im Mittelpunkt der Kritik stand. Ein dunkelgrüner Overall aus der neuen Kollektion sei an die Uniformen der IS-Kämpferinnen angelegt. Ein absolutes No-Go, fanden die Kritiker. Dass der Military-Style bereits seit Jahren im Trend liegt und Overalls wie dieser immer wieder in zahlreichen Kollektionen auftauchen, blieb bei dem ganzen Aufschrei irgendwie unerwähnt. Ein absolutes No-Go, finde ich.

Dinge zu hinterfragen, ist richtig

Natürlich kam auch der Verdacht auf, die Modeketten würden ganz gezielt solche 'Provokations-Modelle' auf den Markt bringen. Ich würde nicht so weit gehen, das zu behaupten, denke aber, dass Labels wie American Apparel oder auch Benetton natürlich gern provozieren. Ich erinnere mich an Werbekampagnen mit zum Tode verurteilten Menschen oder Plakaten, auf denen Staatsoberhäupter wie Barack Obama und Hu Jintao knutschen. Das war kein Fauxpas, sondern ein durchdachter Marketing-Schachzug.

Was sich allerdings die Designer der Modekette Zara beim Entwerfen zweier Artikel gedacht haben, frage auch ich mich. Dass ein geringeltes Kindershirt, auf das auf der linken Seite in Brusthöhe ein knallgelber Stern aufgenäht wurde, an KZ-Kleidung erinnern könnte, war doch wohl vorhersehbar. Von der Tasche mit Hakenkreuz-Symbolen ganz zu Schweigen. In diese Riege einreihen kann sich auch das mit vermeintlichen Blutspritzern "verzierte" Urban-Outfitters-Shirt im Look der Kent-University, in der bei einem Amoklauf 1970 vier Menschen ihr Leben ließen. Ein Schelm, wer Böses denkt? Wohl kaum! Proteste waren hier absolut angebracht.

Es ist richtig, Dinge zu hinterfragen. Aber man kann es auch übertreiben. Shitstorms im Netz können eine enorme Kraft entwickeln – nicht ganz ungefährlich, wie ich finde. Einmal mittendrin verliert man schnell den Blick für die Realität. Zudem verleiten vorangegangene Proteste aus dem gleichen Themenbereich – hier zum Beispiel das Shirt mit dem Stern – auch schnell zur Überinterpretation. Konzerne wie H&M und Mango mussten das jetzt am eigenen Leib erfahren, hatten mit einem solchen Sturm der Entrüstung vermutlich nicht gerechnet.

Ich finde: Man muss differenzieren! Ein mit Blutflecken bedrucktes Shirt ist definitiv geschmacklos – besonders wenn es ganz offensichtlich an ein bestimmtes Attentat erinnert. Ich bezweifle hingegen, dass zahlreiche Designer sich beim Kreieren eines Overalls im - wohlbemerkt seit Jahren (!) angesagten - Military-Style von den Uniformen der IS-Kämpferinnen inspirieren ließen. Oft ist ein Aufschrei angebracht – aber eben nicht immer.

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