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Narzissmus im Kindesalter: Die selbstverliebte Generation

Kinder müssen auch einmal "Nein" hören
Kinder müssen auch einmal "Nein" hören Sind unsere Kinder kleine Narzissten? 00:02:16
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Immer mehr Kinder sind krankhaft selbstverliebt

Sie halten sich für etwas Besseres, erwarten eine Sonderbehandlung und können mit Kritik nur schwer bis gar nicht umgehen: Immer mehr Kinder in westlichen Ländern sind krankhaft selbstverliebt, kleine Narzissten, wie Wissenschaftler um Eddie Brummelman von der Universität Amsterdam schreiben.

Narzissmus im Kindesalter: Die selbstverliebte Generation
Immer mehr Kinder in westlichen Ländern werden zu kleinen Narzissten erzogen. © picture-alliance / beyond/beyond, beyond/beyond foto

Brummelman hat mit seinem Team die Ursachen von Narzissmus untersucht. Den wichtigsten Grund dafür fanden sie, wen wundert es, natürlich bei den Eltern. Die Eltern von heute würden ihre Kinder vielfach überhöhen, ihrem Nachwuchs ständig das Gefühl geben, etwas ganz Besonderes zu sein und eine besondere Behandlung erwarten zu können. Das stärke nicht, wie vielleicht vielfach gewünscht, das Selbstbewusstsein der Kinder, sondern erziehe den Nachwuchs zum Narzissten. Selbstverliebt und absolut sicher in der Annahme, die ganze Welt müsse sich nur um sie kreisen. Das berichtet das internationale Forscherteam in den 'Proceedings' der US-nationalen Akademie der Wissenschaften ('PNAS').

Die Psychologen und Erziehungswissenschaftler befragten für ihre Studie 565 niederländische Kinder zwischen sieben und elf Jahren sowie deren Eltern zwei Jahre lang alle sechs Monate. Es zeigte sich, dass jene Heranwachsenden, deren Eltern der Meinung waren, ihr Kind sei "besonderer als andere Kinder" oder "verdiene im Leben etwas Außergewöhnliches", später mit höherer Wahrscheinlichkeit einen narzisstischen Charakter aufwiesen: Sie besaßen wenig Einfühlungsvermögen und reagierten überempfindlich, manchmal sogar aggressiv auf Kritik.

"Kinder glauben ihren Eltern, wenn die ihnen sagen, sie seien besser als andere", wird Ko-Autor Brad Bushman von der Ohio State University in Columbus in einer Mitteilung der Universität zitiert. "Für sie selbst und auch für die Gesellschaft kann das nicht gut sein." Die Forscher kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass übertriebene elterliche Zuwendung zur Persönlichkeitsstörung Narzissmus führen kann.

Lob ja, ständige Überhöhung Nein

Diese permanente Überhöhung und übertriebene elterliche Zuwendung sollte jedoch nicht mit der Stärkung des Selbstbewusstseins verwechselt werden, da sind sich die holländischen Forscher einig. Eltern, die ihre Kinder mit viel emotionaler Wärme behandelten, stärkten das Selbstwertgefühl ihres Nachwuchses. Im Unterschied zur Persönlichkeitsstörung Narzissmus führt ein gesundes Selbstbewusstsein dazu, dass man sich anderen gleichwertig fühlt und entsprechend agiert. "Menschen mit hohem Selbstwertgefühl sehen sich auf Augenhöhe mit anderen, während Narzissten denken, sie ständen darüber", so Koautor Brad Bushman.

Also, Lob ja, Liebe und Zuwendung auch. Aber eben nur in Maßen. Und nicht grenzenlos. In einer Gesellschaft in der viele Grenzen aufgehoben sind und (fast) alles möglich ist, ist es für Eltern schwierig, Grenzen aufzuzeigen. Auch oder gerade in der Erziehung. Wir wollen unseren Kindern alles geben, alles ermöglichen und alles ganz richtig machen. Und vergessen dabei vielleicht manchmal, dass gerade Enttäuschungen, Zurückweisung oder auch Kritik unsere Kinder fit macht fürs Leben. Denn bei aller Liebe, bei allem Engagement und bei aller Förderbegeisterung: Unsere Kinder sind (nur) Kinder unter vielen, sie sind weder der Nabel ihrer, noch der Nabel unserer Welt. Und das sollten wir uns immer wieder in Erinnerung rufen.

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