LEBEN LEBEN

Nächster Halt: Ernst des Lebens

Junge Frau und junger Mann formen Hände zu Herzen vor der untergehenden Sonne.
Leben-Genießen nur als Instagram-Motto? Davon halte ich nichts. © Getty Images/iStockphoto, m-gucci

"Es muss ja immer irgendwie weitergehen." Das sehe ich anders

Was halbwegs Nützliches gelernt, den Berufseinstieg nicht vermasselt, den richtigen Mann gefunden - und jetzt?

"Bist du schwanger?" scheint das neue "Hallo!" zu sein, mit dieser Frage begrüßt mich die Familie nämlich jetzt regelmäßig. Ich sehe den hoffnungsvollen Glanz in ihren Augen, aber seit unserem letzten Treffen sind lediglich drei Tonnen Plätzchen, literweise Glühwein und joggerfeindliches Wetter passiert. Keine Eizellenakrobatik in meinem Unterleib, entschuldigt bitte, könnten wir jetzt das Thema wechseln?

Von Anke Reuter

Ich kann sie ja verstehen: Ich bin gerade befördert worden und vor kurzem mit dem Freund zusammengezogen. Da ist Kinderkriegen aus ihrer Sicht nicht nur der nächste logische Schritt, sondern auch der einzig mögliche: "Es muss ja immer irgendwie weitergehen.", sprach neulich schon der Bachelor, um eine der Anwärterinnen mit seiner vermeintlichen Lebensweisheit zu beeindrucken. Sie brabbelte zustimmend, ich sah das von der Couch aus anders. Muss es wirklich immer sofort weitergehen, der übernächste Schritt schon geplant und das Leben als eine Kette dicht aufeinanderfolgender Ereignisse durchgetaktet sein? Darf ich mich nach 17 Jahren Ausbildung, sechs verschiedenen Städten und unzähligen Jobwechseln nicht fünf Minuten kurz ausruhen und das, was ich mir aufgebaut habe, genießen? Tatsächlich stößt dieser Wunsch bei meiner Familie sowie bei einigen Freunden auf Unverständnis. Wenn nicht verbal, werfen mir zumindest ihre Augen puren Egoismus vor: Leben genießen? Dafür gibt es ein kurzes Zeitfenster nach der Schule und dann wieder ab Renteneintritt. Das gehört aber nicht zu den Auswahlmöglichkeiten zwischen 30 und 45.

Kein Wunder, dass sechs von zehn Deutschen das Gefühl haben, unter Dauerdruck zu stehen. Daran schuld ist der Bachelor, beziehungsweise das, was er da sagte. Der Job steht zwar als Stressfaktor an erster Stelle, aber dann folgt unser Kopf: Jeder Zweite hat das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, Frauen übrigens häufiger als Männer. Ab dem 18. Geburtstag steigt unser Stressempfinden an und erreicht von 36 bis 45 seinen Höhepunkt. In dieser Zeitspanne steht ja auch viel auf der To-do-Liste des Lebens: die Ausbildung schaffen, wenn möglich noch mit ordentlicher Note. Den passenden Job suchen und dann auch behalten. Von der Partnersuche fange ich lieber gar nicht erst an. Natürlich gehört das dazu, einiges davon macht ja auch Spaß, aber anstrengend ist es eben trotzdem. Ich finde den Wunsch nach einer kurzen Pause da nachvollziehbar. Wir posten unsere Instagram-Accounts mit Sinnsprüchen zu, deren geschwungene Schrift vor Sonnenuntergang fordert, das Leben zu genießen, aber hetzen im realen Leben völlig gestresst von einem Punkt auf der To-do-Liste zum nächsten. Ich mache da nicht mit und halte die entsetzten Blicke weiterhin aus, wenn ich antworte: Nein, ich plane jetzt keine Hochzeit, nein, das ist kein Verlobungsring, nein, ich bin nicht schwanger und nein, wir "basteln" auch nicht daran.

Ich liebe mein Leben gerade jetzt genau so, wie es ist. Für fünf Minuten möchte ich auch noch, dass es so bleibt. Um es zu genießen. Und dann sehen wir mal weiter. 

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