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Nach Sophia Thomallas Statement: Was Forschung und Medizin zu Übergewicht sagen

Sie findet: Frauen sollten weniger als 70 Kilo wiegen
Sie findet: Frauen sollten weniger als 70 Kilo wiegen Sophia Thomalla über Idealgewicht 00:01:27
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Gesundes Moppel-Ich oder „gefährliches Körperbild“ – was die Medizin zum Thema Übergewicht sagt

Stellen wir uns mal vor, Hermann Gröhe (amtierender Bundesgesundheitsminister, keine Panik, wir mussten den Namen auch erst googeln) würde einen Satz sagen wie: „Weder Über- noch Untergewicht sind gesund und gut.“ Dann würden seine Worte vermutlich auf nicht geringes Desinteresse stoßen. Nun hat sich statt seiner allerdings Moderatorin und Jury-Mitglied Sophia Thomalla an das Thema gewagt und ein paar Thesen zur Gefahr von Über- und Untergewicht von sich gegeben. Das kam nicht ganz so gut an. 

Von Ursula Willimsky 

„Gesunde Rundungen“

Sie bezog sich mit ihrer Äußerung auf eine Casting-TV-Show, die nach Nachwuchs-Plussize-Models sucht. Das perfekte Nachwuchsmodel soll kurvig sein, von adipös ist bei dieser Show nicht die Rede. 

Aber egal. Darum geht es nicht. Doch. Irgendwie geht es schon darum – um das Bild der Frau nämlich, das in der Öffentlichkeit als schön und damit nacheifernswert dargestellt wird. Und es geht darum, dass Facebook-Star und Schauspielerinnen-Tochter Sophia Thomalla die kommende Show zum Anlass für ein Statement nahm. „Wenn man auf einmal ein Körperbild darstellt, was übergewichtig ist, dann finde ich das genauso gefährlich, als wenn jemand sagt: Uh, du musst jetzt 50 Kilo wiegen, um perfekt zu sein", sagte sie dem Magazin „Closer".  „60 Kilo - völlig in Ordnung. 70 Kilo - auch völlig in Ordnung. Aber alles, was dann drüber geht, ab einer bestimmten Körpergröße, da sage ich dann auch: aufpassen!"

Das Netz reagierte mit viel Unwillen. Riet der 26-Jährigen dazu, „das Hirn einzuschalten“, Worte wie „dumm“ und „Blödsinn“ fielen zuhauf. Aber hat Sophia sooo unrecht? Wir finden: Ja. Nein. Vielleicht.

Zu postulieren, dass man bei einem Gewicht jenseits der 70 aufpassen müsse, ist … erfrischend. (Fairerweise muss hier angemerkt werden, dass Thomalla die Zahl später bei Facebook auf 90 hochkorrigierte.)

BMI 26 schon bedenklich?

Aber bleiben wir bei der ursprünglichen 70: Die absolut durchschnittliche deutsche Frau ist 1,64 Meter groß. Bei 71 Kilogramm Gewicht hätte sie einen BMI von 26,04 – und wäre laut WHO leicht übergewichtig.  Würde irgendjemand von uns ihre Figur deshalb in die Thomalla-Kategorie „gefährliches Körperbild“ einordnen? Wohl kaum.

Jetzt wird es schwierig, denn laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung haben bereits Menschen mit geringem Übergewicht ein „gering erhöhtes“ Risiko für Begleiterkrankungen. Andererseits gibt es zum Beispiel diese dänische Meta-Studie, laut der Menschen mit einem BMI von 27 die höchste Lebenserwartung haben. Ob das nun daran liegt, dass ein Moppel-Dasein tatsächlich gesünder ist (gern genommene Schlagworte: Entspannter. Gemütlicher. Größere Lebensfreude) oder eher daran, dass die Medizin in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht hat und gewichtsbedingte Folgekrankheiten besser begleitet oder kuriert werden können - wer kann das schon genau sagen?

Zumal – jetzt wird´s noch komplizierter – das Verhältnis Gewicht/Körpergröße auch nicht allzuviel aussagt. Das Alter spielt eine Rolle: Für junge Frauen wird ein anderer BMI empfohlen als für 70-jährige Männer. Fettanteil und Fettverteilungsmuster müssen berücksichtigt werden. Und die Lebensumstände: Raucherin? Zu wenig Bewegung? Genug Spaß am Leben? Es gibt unzählige Faktoren, die unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden mitbestimmen.

Und Ja: Jeder kennt ihn, den ketterauchenden, dicken Weinliebhaber, der kerngesund seinen 90. Geburtstag feiert. Aber es gibt nun mal auch die Warnungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Sie weist darauf hin, dass bereits jeder fünfte Deutsche adipös ist: „Präadipositas und Adipositas stellen eine der größten Herausforderungen für das Gesundheitswesen im 21. Jahrhundert dar. Sie sind bedeutende Risikofaktoren für chronische Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychosoziale Probleme.“

Aber wo hört gesund auf und wo fängt bedenklich an? Bei 70 Kilo? Oder beim persönlichen Wohlfühlgewicht, das sich vielleicht nicht hundertprozentig an die Empfehlungen der WHO halten will? Da fragen wir statt Sophia Thomalla ehrlich gesagt lieber die Ärztin unseres Vertrauens. Die kennt uns und unsere Werte nämlich persönlich.

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