Mythos Mathe: Und Mädchen können doch rechnen!

Mädchen können genauso gut Mathe wie Jungen
Mädchen können genauso gut Mathe wie Jungen © dpa, Frank Leonhardt

Mathe: Mit Mädchen ist zu rechnen

Die Tochter meiner Nachbarn wird den Leistungskurs Mathe belegen, alle anderen Mädchen aus ihrer Klasse nehmen Sprachen, Kunst oder Deutsch. Aber jetzt ist klar: Sie ist gar nicht seltsam - denn Mädchen können Mathe, wenn das Umfeld stimmt!

Von Jutta Rogge-Strang

Mädchen können auch gut rechnen - das haben Wissenschaftler nun herausgefunden. Denn mathematisches Verständnis hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit sozialen und kulturellen Faktoren. Das Klischee, dass Mädchen eher Talent für Sprachen haben, Jungen eher für Zahlen, stimmt also nicht!

Die deutsche Pisa-Studie hat gezeigt, dass Jungen im Fach Mathematik eher besser abschneiden als Mädchen. Den inoffiziellen Mathe-Preis 'Fields-Medaille' haben seit mehr als 70 Jahren ausschließlich Männer bekommen. Das kann ja nur bedeuten, dass Mädchen mit der logischen Mathematik-Welt ihre Probleme haben.

Irrtum, fanden nun US-Wissenschaftler heraus. Janet Mertz von der University of Wisconsin hat mit ihrem Kollegen Jonathan Kane die Daten von 500.000 Schülern aus 69 Ländern ausgewertet und eindeutig herausgefunden: Die Daten bestätigen diese Theorie nicht. Zwar schneiden Jungen in den meisten Ländern etwas besser ab als Mädchen. In den Niederlanden, Marokko und Armenien gibt es jedoch keine Unterschiede. In Indonesien erzielten die Mädchen sogar bessere Ergebnisse als die Jungen. In den USA sind die Leistungsunterschiede in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Das wäre alles nicht möglich, wenn die Jungen tatsächlich einen biologischen Vorteil hätten, so die Wissenschaftler.

Mädchen können Mathe - im richtigen Umfeld

Der Mathe-Erfolg der Mädchen liegt an ihrem Umfeld: Je besser Einkommen, Bildung, Gesundheit und politische Teilhabe der Eltern sind, desto besser funktioniert das abstrakte Denken der Mädchen. Je mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft herrscht, umso besser sind die Mathe-Leistungen der Kinder.

Dass in den westlichen Ländern diese Gleichung nur in der Schule aufgeht, sich aber im Berufsleben praktisch nicht auswirkt, führen die Forscher auf ein ganz simples Argument zurück: Der Mangel an Kita- und Hortplätzen sorgt dafür, dass gut ausgebildete talentierte Frauen nicht in Vollzeit arbeiten können. So stellen sie beispielsweise fest: "Es ist so gut wie unmöglich, Spitzenforschung in Teilzeit zu betreiben." Und schon bleiben hochrangige Jobs in den so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) weiterhin vor allem Männern vorbehalten. Klar, dass die auch irgendwann Preise für ihre Arbeit abstauben, während sich die nicht minder intelligenten Frauen derweil um den Nachwuchs kümmern.

Zu schön für Mathe?

In den USA hat Mathe zudem ein schlechtes Image: Wer Spaß am Jonglieren mit Zahlen hat, ist entweder ein Asiate - in dieser Bevölkerungsgruppe hat Mathematik traditionell einen hohen Stellenwert. Oder man gilt als Nerd - also als Sonderling, Streber, Fachidiot. Es gibt sogar T-Shirts mit dem Aufdruck: "Ich bin zu hübsch für Mathe".

Doch zumindest in Deutschland könnte sich das bald ändern: Hier sorgt die demografische Entwicklung schon heute für einen Fachkräftemangel. Im Oktober 2011 fehlten in MINT-Jobs 167.000 qualifizierte Kräfte. Die deutsche Wirtschaft hat deshalb eine Initiative gestartet, um mehr junge Menschen und insbesondere mehr junge Frauen für MINT-Jobs zu begeistern. Und kaum ein Unternehmen kann es sich heute noch leisten, auf familienbewusste Arbeitszeitmodelle und Hilfen bei der Kinderbetreuung zu verzichten. Also, Mädels: Ran an die Jobs!

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