LIEBE LIEBE

Mutter sein: Das Phänomen der "Vermutterung"

Mutter sein: Birgit Ehrenberg über das Phänomen der "Vermutterung"
Mutter sein

Wenn Mutter sein zum wichtigsten Lebensinhalt wird

Ist Euch schon einmal aufgefallen, wie oft junge Väter miesepetrig aus der Wäsche gucken? Dabei müssten sie doch überglücklich sein. Man sieht sie im Park mit ihren Frauen, wie sie den Kinderwagen durch die Gegend schieben und düster vor sich hinstarren. Ihre Ader am Hals pocht.„Achtung“, sagt meine Freundin Anne immer, wenn so ein übellauniger Mann auf uns zukommt mit seiner Familie: „Da kommt ein Opfer der Vermutterung. Die Tage seiner Treue sind gezählt. Er hat Hunger.“

Mit „Hunger“ meint Anne nicht das Bedürfnis nach einer ordentlichen Mahlzeit in Form eines Schweinebratens. Den kriegt er, der Mann, den Schweinebraten. Nach allen Regeln de Kunst. Denn seine Frau ist „vermuttert“, sie macht alles gut, was mit Mutterschaft zusammenhängt. Kocht, wäscht, bügelt, macht das auch gern und perfekt. Vor allem aber kümmert sie sich hingebungsvoll um ihre Brut. Ausschließlich. Innerhalb der eigenen vier Wände. Und die frohe Botschaft „Die Kinder sind mein Ein und Alles!“ wird mit Leidenschaft nach draußen in die Welt getragen.

Die vermutterte Mutter spricht ausschließlich über ihre Kinder. Mit jedem, der ihr über den Weg läuft. Ich halte es für möglich, dass sie auf der Straße einen wildfremden Menschen am Arm festhält und sagt: „Bitte, ich muss Ihnen sagen, dass mein Sohn heute seinen Brei zwei Mal hintereinander ausgespuckt hat. Es war Pastinake! Das liebt er normalerweise!“ Auch mit dem eigenen Mann spricht eine Frau, die immer Dämmerzustand der Vermutterung lebt, nur über Kinder. Der Mann fühlt sich total vernachlässigt, ist bitter enttäuscht, weil er nie gedacht hat, dass seine Frau so wird. Deshalb hat er sie geheiratet! Gerade sie. Er war sicher: Sie bleibt mir Geliebte und Freundin, selbst nach dem dritten Kind. Pustekuchen.

Die Frau erblüht allein in der Mutterrolle, schenkt ihrem Nachwuchs ihre ganze Liebe. Der Mann guckt in die Röhre, in jeder Hinsicht. Sexuell steht er völlig auf dem Trockenen. Das ist der Grund für seinen hungrigen Blick. Er hat mächtig Appetit auf Sex. Er nimmt Witterung auf, im schlimmsten Fall geht er fremd, und im noch schlimmeren Fall bricht er aus der Ehe aus. In der Hoffnung, die nächste Frau vermuttert nicht.

Ein frommer Wunsch, denn viele Frauen vermuttern. Eine Frau, die der Vermutterung nicht anheimfällt, ist eine echte Perle. Auf dieses beklagenswerte soziologische und psychologische Massenphänomen habe ich bereits 2006 in meinem Buch „Die Mami-Falle. Das etwas anderes Handbuch für glückliche Mütter“ (Goldmann) hingewiesen. Ich habe in meinem Werk ausdrücklich vor der Vermutterung gewarnt. Denn den Mutter-Frauen droht Gefahr! Männer machen das nicht ewig mit. Sie suchen das Weite, Frau bleibt allein zurück. Und das Glück auf der Strecke. Da helfen dann auch all die Kinderlein nichts.

Mutter sein - Männer wollen auch mal über anderes reden

Warum Frauen diesen fatalen Drang zur Selbstaufgabe haben, das konnte ich mir 2006 nicht erklären. Heute bin ich nicht schlauer. Ich möchte nicht über Frauen lästern und ihnen unterstellen, es gehe ihnen im Leben weder wirklich um den Job noch wirklich um die Liebe zu einem Mann. Wie das meine Kollegin Esther Vilar in ihren Buch „Der dressierte Mann“ postuliert hat.

Sie meint, der Mann diene als Versorger und Mittelsmann zur Mutterschaft. Außer Spesen nichts gewesen. Nun, ich halte mich hier zurück. Doch die Vermutung, dass an dieser Theorie etwas dran sein könnte könnte, darf man aufstellen, denn zu irritierend ist die erschreckend hohe Anzahl der vermutterten Frauen. Ich kann noch verstehen, wenn eine Frau im ersten Babyjahr nicht mehr bei Sinnen ist und nur in ihr Baby verliebt. Spätestens nach diesem Jahr sollte sie allerdings die Kurve kriegen. Wegen sich selbst, wegen des Mannes, wegen der Liebe.

Was ich gar nicht mehr nachvollziehen kann, ist, wenn sich die Vermutterung durch das ganze Frauenleben zieht. Ich kenne Frauen, die haben drei Kinder, zwei oder fünf. Alle Kinder aus dem Babyalter raus! Manche Kinder schon aus dem Haus! Manche schon selbst Eltern!

Und es geht diesen Frauen nur um Kinder.

Neulich war ich bei einer solchen Frau eingeladen. Sie erzählte munter von den Erlebnissen und Eigenheiten der Kinder, was sie essen, trinken, wie sie schlafen, wann und wo und warum sie einen Pups gelassen haben, Schulnoten usw. Ich gähnte. Der Mann biss sich die Fingernägel ab, irgendwann schrie er: „Du hast mir versprochen, nicht über Kinder zu reden! Wir waren am Wochenende im Kino. Du hast mir Dein Ehrenwort gegeben, dass wir mit Birgit über den Film sprechen. Ich war fast stolz, dass wir einmal - ein einziges Mal - seit vielen Jahren, ein anderes Thema haben als Kinder! Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch!“. Die Frau schwieg betreten. Der Mann eilte aus dem Wohnzimmer, schmiss die Tür hinter sich zu und ging spazieren. Wahrscheinlich mit genau diesem düsteren und zugleich hungrig-verwegenen Gesichtsausdruck, den diese enttäuschten Männer gern an den Tag legen. Um sich Luft zu verschaffen.

Wer weiß, vielleicht hat der Mann bei diesem Spaziergang eine Frau getroffen, die anders ist, die sich selbst und ihm treu bleibt. Vielleicht kommt er nicht mehr nach Haus zurück. Die Frau jedenfalls war durch sein Weggehen nicht weiter irritiert, hat nach fünf Minuten Schweigen weiter über über ihre Kinder gequatscht. Wenn ihr Mann bei diesem Spaziergang keine Frau trifft, die ihn wahrnimmt und schätzt, dann beim übernächsten. Irgendwann ist er weg. Und am Anfang von allem ist es doch um ihn gegangen...

Ich hoffe, ich habe die Gefahren der Übermutterung hinreichend deutlich gemacht, meine Lieben!

Wehret den Anfängen! Eure Birgit

Anzeige