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'Mutter Corsage': Heide Meyer über ihr Leben im Dienst der Dessous

Heide Meyer: Mutter Corsage
'Mutter Corsage' von Heide Meyer © RTL interactive/ Knaur

Leseinfo zu 'Mutter Corsage'

Nach eigener Beschreibung hatte sie dicke Stampfer: "Modelmaße sind kein Aushängeschild für eine gute Miederwarenverkäuferin." Einer ihrer Chefs formulierte das charmanter: "Du bist so schön mollig, du gehörst in die Miederwarenabteilung."

Und dort hat Heide Meyer auch ihren Platz gefunden - fürs Leben. Über 50 Jahre stand sie im Dienst der Unterwäsche (die sich zunächst Miederwaren, später "Dessous" nannte). In großen Warenhäusern und in eigenen Boutiquen. Hat steife Schnürmieder an schwäbische Bäuerinnen und Tangas und Push-ups ans Berliner Großstadtpublikum verkauft - und so nebenher in der Umkleidekabine den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland hautnah miterlebt. Getrieben von Ehrgeiz, dem Wunsch, eigenes Geld zu verdienen - und dem Streben nach Schönheit.

Über 'Mutter Corsage'

'Mutter Corsage', so hat sie ihre Erinnerungen getauft, die nun als Taschenbuch erschienen. 'Enthüllungen einer Dessous-Verkäuferin' lautet der Untertitel. Wer nun allzu große Enthüllungen in eine bestimmte Richtung erwartet, der wird von dem Buch wohl einen Hauch enttäuscht werden. Das eigentlich spannende, so empfanden wir es beim Lesen, ist der Lebensweg von Heide Meyer. In die letzten Kriegsjahre hineingeboren hat sie die neuere Geschichte mit allen Schattenseiten und allen Aufbruchszeiten miterlebt. Ein Vater, der im Krieg fällt. Bombennächte. Wiederaufbau. Handgestrickte Badeanzüge aus kratziger Wolle. Korsetts, die nicht sexy sein sollten, sondern der "Stütze" der Frau dienten und nur einmal im Jahr zur Wäscherei gegeben wurden. Eiskalte Winter zu einer Zeit, als es noch keine Strumpfhosen gab, aber man als Frau noch Rock trug. Immer blieb ein Stückchen Schenkel blank, außer man schlüpfte in die extra langen Liebestöter. Die ersten Petticoats, eine Geschäftsreise mit dem Flieger - als einzige Frau unter lauter Männern im dunklen Anzug …

Ihre Karriere begann Meyer zu einer Zeit, als Frauen noch der Zustimmung des Ehemannes bedurften, um überhaupt arbeiten zu dürfen oder ein eigenes Konto führen zu können. Sie war eine der jüngsten Einkäuferinnen des KaDeWe. Initiierte die ersten Dessous-Modenschauen. Und später machte sie sich selbständig mit der Standhaftigkeit eines stahlverstärkten Korsetts. Denn sie musste auch böse Niederlagen meistern: Wenn die Frauen auf der Straße demonstrativ ihre BHs verbrennen oder die ersten Sex-Shops eröffnen, hat es ein Dessous-Laden schwer. Wenn man Meyer auf ihrem Weg in die Umkleidekabinen und zu dezenten Verkaufsgesprächen folgt, merkt man erst, wie sehr sich das Leben der Frauen in Deutschland gewandelt hat. Wie sehr das "drunter" auch Spiegelbild des "Draußen" ist: Ein bisschen weniger Stoff - ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit. Eine Kulturgeschichte des BHs, bei der man lernt: "Die Geschichte der Miederwaren ist eben auch Emanzipationsgeschichte".

Nachkriegs-Mief. Frauen in Jeans. Sexuelle Revolution. Baader-Meinhof. Dallas und Denver. Der Fall der Mauer. All das spiegelte sich auch in den schmeichelhaft beleuchteten Umkleidekabinen der Dessous-Abteilungen und -läden wider. In den Materialien, Schnitten, Preisen - und der Mentalität der Kundinnen.

"120.000 Frauen mit ihren Wünschen und Unsicherheiten sind durch meine Hände gegangen. Schon die Großmütter meiner jetzigen Kunden haben bei mir gekauft", erzählt Heide Meyer. Frustrierte, gelangweilte Hausfrauen waren darunter. Prominente. Öko-Frauen, die sich ganz korrekt Unterwäsche aus reiner Seide leisteten. Frauen, die mit ihrer Figur haderten. Ihnen allen wollte sie helfen, sich schön zu fühlen. Und mächtig: "Ein Büstenhalter ist Magie. Besinnen Sie sich in einer schwierigen Diskussion mit ihrem Geschäftspartner einmal auf ihren neuen Büstenhalter. Wie der sitzt. Wie der Sie hebt. Wie Sie sich fühlen. Halten Sie kurz inne. Und Sie haben das Match gewonnen."

Über die Autorin Heide Meyer

Heide Meyer, Jahrgang 1943, begann mit 15 Jahren eine Lehre als Einzelhandelskauffrau im Bereich Miederwaren. Über 50 Jahre hat sie in der Dessous-Branche gearbeitet und alle Entwicklungen hautnah miterlebt. Sie arbeitete unter anderem im Berliner KaDeWe und eröffnete schließlich ihr eigenes Geschäft Lady M. Zudem schult sie Verkäuferinnen in der Dessousbranche. Heide Meyer lebt in Berlin.

(Text: Ursula Willimsky)

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