GESUNDHEIT GESUNDHEIT

Mutismus: Die panische Angst, mit Menschen zu sprechen

Über 10.000 Menschen in Deutschland leiden darunter

Mit Menschen zu sprechen ist für die meisten von uns etwas ganz Alltägliches. Doch es gibt Menschen, für die belanglose Fragen auf der Straße der absolute Albtraum sind. Denn sie leiden unter Mutismus, der schwersten Form einer Sozialphobie, die dazu führt, dass sie panische Angst haben, mit anderen Menschen zu sprechen. Etwa 10.000 Menschen in Deutschland leiden daran - und die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

Meist ist Mutismus genetisch veranlagt oder entsteht durch ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Doch die Störung kann auch durch eine Hirn-Stoffwechselstörung entstehen. Die Stoffwechselstörung führt dazu, dass sich das Gehirn in einer permanenten Alarmbereitschaft befindet. So empfinden Mutisten auch völlig harmlose Situationen als bedrohlich und verfallen in eine Art Angststarre. Medikamente und Therapien helfen den Betroffenen nur bedingt.

Bei vielen Menschen wird Mutismus nicht auf Anhieb erkannt. Es kann bereits im Krabbelgruppenalter erkennbar werden, wenn ein Kind sich zum Beispiel der Gruppe entzieht. Für solche Kinder sind besonders Notsituationen gefährlich, denn sie schaffen es meist nicht, um Hilfe zu rufen. Durch die richtige Therapie oder Medikamente kann die Sprachlosigkeit überwunden werden. Doch völlig geheilt, sind Mutisten nie. Jeder spontane Small-Talk kann wieder zum Auslöser für den absoluten Schockzustand werden.

Diese Ängste sind für die Betroffenen nicht eingebildet, sondern durchaus real. Die Angst vor dem Sprechen ist so groß, dass es ihnen trotz allem Willen einfach nicht gelingt, den Mund aufzumachen. Viele sind deshalb fast ständig auf andere Personen angewiesen und schaffen es nur schwer, selbstständig zu werden.

Andreas (24) ist seit seiner Kindheit Mutist

Andreas Pahlow leidet unter einer besonders schweren Form des Mutismus. Bereits als Kind sprach Andreas kaum. Als er dann in der Schule gehänselt wird, hört er komplett auf. Insgesamt gibt es heute nur fünf Menschen, mit denen er überhaupt kommuniziert. Einer von ihnen ist Heilerziehungspfleger Lars Niemuth. Mit ihm trifft sich Andreas seit zwei Jahren zweimal in der Woche.

Lars und Andreas unternehmen etwas zusammen und der 24-Jährige schafft es, mit Lars zu sprechen - aber auch nur solange niemand anderes im Raum ist. "Wenn jemand drittes in den Raum kommt, ist die Sprache weg. Weil das Vertrauen nicht da ist und es ihn richtig Angst und Überwindung kostet, die Sprache anzuwenden", erklärt Lars Niemuth. Da der Mutismus Andreas so stark einschränkt, lebt er noch zu Hause und schafft es nicht, eine Lehrstelle zu finden.

Andreas wäre gerne selbstständiger und arbeitet deshalb mit viel Training und Therapien daran. Irgendwann möchte er ohne Hilfe von Lars klarkommen. Es sind viele kleine Schritte, die Mutisten gehen müssen, um die Panik in ihren Köpfen zu bewältigen. Leicht ist nicht - aber auch nicht unmöglich.

Anzeige