GESUNDHEIT GESUNDHEIT

MS: Die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose

Multiple Sklerose ist nicht ansteckend

Multiple Sklerose ist eine typische Frauenkrankheit: Das Risiko, an MS zu erkranken, ist für Frauen doppelt so hoch wie für Männer. Wir erklären, was MS genau ist, wie sich die Autoimmunkrankheit auf den Körper auswirkt und wie Multiple Sklerose behandelt wird.

MS: Die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose
Multiple Sklerose wird zumeist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr gestellt. Es erkranken mehr Frauen als Männer daran. © Benicce - Fotolia

Multiple Sklerose ist eine chronische entzündliche Krankheit des Nervensystems. Der Verlauf und das Beschwerdebild dieser Autoimmunkrankheit sind allerdings von Patient zu Patient unterschiedlich. Daher ist es auch schwer allgemeingültige Aussagen zu treffen. Nicht umsonst wird Multiple Sklerose die "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern" genannt. MS ist weder tödlich noch ansteckend.     

Weltweit sind etwa 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt, in Deutschland etwa 130.000 Menschen. MS trifft vor allem junge Menschen: Üblicherweise wird MS zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert. Es gibt aber auch Kinder und Jugendliche, die erkranken, Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr sind hingegen eher selten.

MS ist also familiär gehäuft, ein genauer Vererbungsweg ist aber nicht bekannt. Verwandte 1. Grades haben das 15- bis 25-fache Erkrankungsrisiko. Somit kann das Risiko des Kindes eines an MS erkrankten Elternteils, ebenfalls an MS zu erkranken, auch nicht exakt berechnet werden.

Wie wirkt sich Multiple Sklerose auf den Körper aus?

Ärzte sprechen bei der MS auch von Encephalomyelitis disseminata. Übersetzt heißt das soviel wie eine im Gehirn und Rückenmark verstreut auftretende Entzündung. Das Gehirn sendet über das Rückenmark Signale zum Körper oder empfängt sie. Diese Signale werden von verschiedenen Nervenfasern geleitet. Die Fasern sind von einer Schutzschicht umgeben. Entsteht in dieser Schutzschicht ein Entzündungsherd, können die Botschaften nicht mehr richtig, d.h. meist verlangsamt übertragen werden.

Typische Symptome der ersten Schübe sind: Kribbelmissempfindungen, Taubheit von Armen, Beinen oder im Gesicht, Sehstörungen auf einem Auge, leichte Lähmungen der Arme oder Beine, Koordinationsstörungen und Gleichgewichtsstörungen. Faustregel ist, dass die Beschwerden bei einem Schub mindestens 24 Stunden anhalten müssen und nicht schlagartig, sondern mal rasch über wenige Stunden, mal langsam über wenige Tage zunehmend auftreten. Ansonsten ist es möglicherweise kein Schub, sondern etwas anderes wie zum Beispiel ein Schlaganfall oder etwas ganz Harmloses.

Wesen kann sich durch Multiple Sklerose ändern

MS: Die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose
Das Wesen von MS-Patienten kann sich verändern: Depressive, aber auch manische Stimmungslagen sind möglich. © olly, olly - Fotolia.com

Bei schweren Schüben kann es zu Lähmungen, Halbseitenlähmungen oder Querschnittslähmungen kommen. Typischerweise kommen bei den meisten mittelschwer bis schwer verlaufenden Erkrankungstypen im Verlauf Spastiken der Arme und Beine, Blasen- und Mastdarmstörungen sowie Konzentrationsstörungen hinzu.

Das Wesen und die Stimmungslage des Erkrankten können sich verändern. Eine depressive wie manische Stimmungslage ist möglich. Die geistige Beweglichkeit kann abnehmen. Selten sind heute demente Endzustände, diese treten nur bei schwersten Verlaufsformen und nach Jahren/Jahrzehnten auf, meist sind die Betroffenen dann auch schon körperliche Pflegefälle. 

Bin ich mit Multipler Sklerose behindert?

Zu einer schweren Behinderung innerhalb weniger Jahre kommt es in weniger als fünf Prozent der Fälle. Die meisten MS-Patienten erkranken am schubförmigen Verlaufstyp, zehn bis 15 Prozent haben einen langsam voranschreitenden Verlauf (Ärzte sprechen von primär chronisch-progredient).

Nach 10 bis 15 Jahren geht bei vielen Patienten mit anfänglich schubförmigen Verlauf  die MS in einen chronisch voranschreitenden Verlauf über. Bei den schubförmigen Verlaufsformen gibt es solche, bei denen die Symptome komplett wieder zurück gehen (schubförmig remittierende MS) und solche, bei denen die Symptome zwar geringer werden, aber nach jedem Schub ein kleines bisschen zurückbleibt (schubförmig progrediente MS). 

Was sind die Ursachen von Multipler Sklerose?

Noch immer ist die genaue Ursache von MS nicht geklärt. Forscher vermuten ein ganzes Bündel von Ursachen. Wichtig ist hierbei das Immunsystem. Bei der MS ist dieses Abwehrsystem des Körpers falsch programmiert. Die Abwehr richtet sich nicht gegen Krankheitserreger, sondern gegen den eigenen gesunden Körper. So bildet der Körper zum Beispiel Antikörper, die sich an die Schutzhülle der Nervenfasern klettern und diese schädigen können.

Derzeit geht man davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenkommen müssen, um überhaupt eine MS auszulösen. So wird die genetische Vererbung intensiv erforscht. Forscher fanden heraus, dass die Erkrankung bei Menschen auftritt, die eine genetische Vorbelastung haben und dass dann der Ausbruch von Umwelteinflüssen wie zum Beispiel Infektionen im Kindesalter ausgelöst wird.

Wie wird Multiple Sklerose festgestellt?

MS: Die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose
Multiple Sklerose wird mit Hilfe verschiedener Tests durch einen Neurologen festgestellt.

Ein Neurologe muss die Krankheit diagnostizieren. Dafür werden verschiedene Tests und Untersuchungen durchgeführt. Zunächst werden sogenannte versteckte Symptome abgefragt, wie Phasen starker Müdigkeit, depressive Phasen, Missempfindungen oder Blasenprobleme.

Dann wird der Arzt die Funktion der Nerven überprüfen. Hier muss er die Kraft, die Empfindungen, die Spannung der Muskeln, Reflexe und Bewegungsabläufe checken.

Als nächstes folgt die Untersuchung der sogenannten 'evozierten Potenziale'. Dabei werden verschiedene Sinnesorgane gereizt und die dadurch entstehenden elektrischen Impulse im Körper gemessen. Ist die Leitgeschwindigkeit verlangsamt, kann das auf eine MS hindeuten. Hierbei muss man zum Beispiel auf ein Schachbrett gucken.  Dabei wird gemessen, wie lang das Signal von den Augen bis zum Gehirn braucht. An den Armen wird elektrisch gereizt und gemessen, wie lang der Impuls bis zum Gehirn braucht. Dann wird am Kopf eine Magnetspule angesetzt und elektrisch eine Bewegung des Armes oder Beines ausgelöst und die Zeit gemessen, bis die Reaktion kommt. Letztere Untersuchung ist für manche unangenehm. Passieren kann aber bei allen absolut nichts.

Neurologe entnimmt Nervenwasser

Danach werden im MRT Schnittbilder vom Kopf und /oder des Rückenmarks gemacht. Dadurch können Entzündungsherde im Zentralen Nervensystem nachgewiesen werden.

Zuletzt wird häufig noch das Nervenwasser (Liquor) untersucht. Das wird über die Lumbalpunktion aus der unteren Lendenwirbelsäule entnommen. Bei der Lumbalpunktion wird eine feine Hohlnadel in die Lendenwirbelsäule eingeführt. Die Nadel sticht natürlich nicht ins Rückenmark, sondern in den Nervenwasserkanal unterhalb des Rückenmarks. Dieses Nervenwasser wird auf für MS-typische Antikörper untersucht. Die Untersuchung ist für die meisten Patienten erträglich, nur für wenige schmerzhaft.

Wie wird MS behandelt?

MS: Die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose
© dpa, Z1018 Ralf Hirschberger

Multiple Sklerose ist heute noch nicht heilbar. Es gibt aber verschiedene Formen von Therapien, die den Verlauf beeinflussen können. Während eines MS-Schubes wird Kortison eingesetzt. Das ist entzündungshemmend. Die Kortisontherapie findet in der Regel im Krankenhaus statt. Diese Therapieform eignet sich aber nur zur kurzzeitigen Behandlung eines Schubs. Es hat nämlich viele Nebenwirkungen, so dass es zur langfristigen Therapie nicht eingesetzt wird.

Bei der langfristigen Therapie will man vor allem die Anzahl der MS-Schübe verringern und deren Schwere mindern. Außerdem versucht man, das Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Hier werden Wirkstoffe verschrieben, die auf das Immunsystem einwirken.

Physiotherapie wird zusätzlich verschrieben

Bei den chronisch-progredienten Verlaufsformen werden Chemotherapeutika eingesetzt, die meist alle paar Monate im Krankenhaus verabreicht werden.

Bei den bleibenden Schäden durch die MS wird Physiotherapie angeordnet, manchmal muss Ergotherapie oder Logopädie dazu kommen. Gegen die Spastik gibt es Medikamente, auch gegen andere Symptome wie Stimmungsveränderungen oder Müdigkeit. Bei Blasenstörungen muss im fortgeschrittenen Stadium manchmal ein Katheter gelegt werden, vorher wird das auch mit Medikamenten behandelt.  

Multiple Sklerose und Schwangerschaft

MS: Die Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose
MS ist kein Hindernis für eine Schwangerschaft © Tatyana Gladskih - Fotolia

Da gerade viele junge Frauen an Multipler Sklerose erkranken, stellt sich immer wieder die Frage nach dem Risiko einer Schwangerschaft. Aus ärztlicher Sicht spricht in der Regel nichts dagegen. Es scheint sogar so, dass sich eine Schwangerschaft positiv auf den Verlauf der Krankheit auswirkt.

Die Schubrate sinkt oft während der Schwangerschaft. Nach der Entbindung kommt es aber häufig zu Schüben. Die Schwangerschaften und Geburten sind in der Regel komplikationslos.

Allerdings sollten sich MS-Kranke natürlich besonders überlegen, wie das Kind auf lange Sicht betreut wird, wenn sich der Gesundheitszustand der Mutter verschlechtert und ob dann Hilfe in der Nähe ist. Aus ärztlicher Sicht spricht überhaupt nichts gegen das Kinderkriegen.

Normales Leben mit Multipler Sklerose

Die Lebensplanung sollte sich in der Frühphase der Erkrankung ausschließlich an den bereits bestehenden Defiziten orientieren. Jeder soll den Beruf ergreifen, den er will. Jeder kann reisen, sich belasten, unter Stress arbeiten, heiraten, Kinder kriegen, Sport machen.

Erst wenn die Erkrankung fortschreiten sollte, muss man sein Leben eventuell umstrukturieren. Da jedes Jahr neue Medikamente auf den Markt drängen und viel geforscht wird, kann man davon ausgehen, dass in ein paar Jahren die MS noch besser als heute schon behandelbar sein wird. Weder bedeutet die Diagnose MS das Todesurteil, noch endet man automatisch als Pflegefall.  

Anzeige