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Mobbing in der Schule: Darf eine Mutter ihr mobbendes Kind öffentlich dafür bestrafen?

Mobbing in der Schule: Das ist keine Seltenheit!
Aber sollte man sein mobbendes Kind wirklich bei Facebook öffentlich an den Pranger stellen? © Facebook

"Mobbing in der Schule: Konflikte sollten in der Schule gelöst werden"

Darf eine Mutter ihr Kind via facebook bloßstellen, weil es angeblich eine Mitschülerin gemobbt hat? In England hat eine aufgebrachte Mutter genau das getan. Angeblich mit großem erzieherischen Erfolg. Wir haben über diese Frage mit einer Expertin für Gewalt- und Mobbingprävention gesprochen – und sie um Tipps gebeten, wie Eltern am besten reagieren, wenn sie erfahren, dass ihr Kind mobbt oder gemobbt wird.

Von Ursula Willimsky

"Mobbing unter Kindern entsteht oft in der Schule. Und dort muss das Problem auch gelöst werden", sagt Ulrike Röthlingshöfer. Die Schulpsychologin an der Staatlichen Schulberatung München beschäftigt sich seit sechs Jahren schwerpunktmäßig mit dem Thema Mobbing. Das öffentliche Anprangern des kindlichen Fehlverhaltens, so wie es die britische Mutter vorexerzierte, ist für sie völlig indiskutabel.

Was hatte der Junge Schlimmes getan, um derart bestraft zu werden? Er trat so lange auf die neuen Schuhe einer Mitschülerin, bis diese kaputt gingen und das Mädchen zu weinen begann. Woraufhin die Mutter sich zu einer drastischen Methode entschied, um eventuelle Mobbing-Neigungen im Keim zu ersticken. Via facebook informierte sie ihr soziales Umfeld über das Fehlverhalten ihres Sohnes: "Solltest du auch nur daran denken, das Mädchen oder irgendjemanden zu mobben, übergebe ich dich persönlich ihren Eltern, damit du dort jede kleine Aufgabe erledigen musst, die sie dir aufbrummen. Und sag deinem Geburtstagsgeld auf Wiedersehen, denn du wirst damit ein neues Paar Schuhe und Blumen für das Mädchen kaufen."

Übrigens der einzige Punkt, dem auch Röthlingshöfer zustimmt: Wenn ein Kind etwas mutwillig zerstört, ist das Sachbeschädigung – es sollte für den Schaden aufkommen. Damit es lernt, dass sein Verhalten Konsequenzen hat.

Bei allen anderen Punkten würde die Psychologin andere Wege gehen. Statt anzuprangern rät sie den Eltern, in Ruhe mit dem Kind zu sprechen und darüber nachzudenken, welcher Schritt der nächste sein sollte. Der Kontakt zur Schule gehört dazu. Hier finden sich Schulpsychologen und Beratungslehrer, die ihrerseits über eine breite Palette an Interventions-Möglichkeiten verfügen, die dort ansetzen, wo das Problem angesiedelt ist: In der Schule.

Die Lehrer sollten informiert werden und die Frage erörtert werden, was alle gemeinsam tun können, um dieses Verhalten abzustellen. "Solche Gespräche sollten ohne Vorwürfe verlaufen. Mobbing wird ja im Verborgenen betrieben – auf dem Schulweg, auf der Schultoilette, hinten in der einen Ecke vom Pausenhof, die schlecht einsehbar ist – oft haben die Lehrer keine Chance, davon etwas zu bemerken. Sie können nur intervenieren, wenn ihnen Eltern davon erzählen".

Zunächst gilt es zu klären, ob die Verfälle überhaupt schon zu Mobbing zu rechnen sind – davor kommen Abstufungen wie Streit oder Konflikte. Mobbing, so Röthlingshöfer, "fängt erst da an, wo über einen längeren Zeitraum ständig gehänselt wird – und zwar zwischen Kindern, bei denen ein psychisches oder physisches Ungleichgewicht herrscht. Die Kontrahenten können diesen Konflikt nicht aus eigener Macht lösen, deshalb müssen Lehrer und Eltern aktiv werden."

"Ich unterstütze dich!"

Aber nicht, in dem sie – falls das eigene Kind das Opfer ist – die Eltern des vermeintlichen Täters anrufen: "Die Mutter wird sich zunächst schützend vor ihr Kind stellen (mein Sohn, meine Tochter macht so etwas nicht!) – danach bekommt das Kind aber vermutlich Druck. Und diesen Druck wird es in der Schule an sein 'Opfer' weitergeben." Stattdessen empfiehlt die Expertin, sich an die Schule zu wenden – und dem eigenen Kind Mut zu machen: "Du bist nicht alleine, ich unterstütze dich". Wenn Mütter ihren Kindern alles abnehmen "signalisieren sie damit, dass das Kind schwach ist." Keine gute Voraussetzung, um bei künftigen Konflikten gleichberechtigt aufzutreten.

Elternschaft braucht Ruhe, Vertrauen, Sicherheit. Und Kinder brauchen die Gewissheit, dass sie sich – egal ob "Opfer" oder "Täter" ihren Eltern anvertrauen können. Ein facebook-Post, das Fehlverhalten öffentlich macht und auch gleich die künftigen disziplinarischen Maßnahmen in die Welt hinausposaunt, geht in die andere Richtung. Die meisten Reaktionen auf die drastische Maßnahme waren übrigens positiv. Kritikern, die ihr selbst Mobbing vorwarfen, lies sie wissen: "Es interessiert mich nicht groß, wem meine Erziehungsmethoden passen und wem nicht. Mein Sohn hat ein Mädchen gedemütigt und bloßgestellt." Der Junge hat sich übrigens inzwischen bei dem Mädchen entschuldigt, seine Mutter den Post wieder gelöscht.

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