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Mittagsschlaf für Kinder: Wie wichtig ist er wirklich?

Kinder brauchen ein Nickerchen, oder?
Kinder brauchen ein Nickerchen, oder? Der Mittagsschlaf 00:02:02
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Studien sprechen Zweifel am Mittagsschlaf von Kindern aus

Im Leben einer Mutter gibt es eine Zeit, deren Qualitäten ihr leider oft erst im Nachhinein bewusst werden: Es ist die Zeit, in der der kleine Hendrik nach dem Mittagessen sein Schläfchen machte, weil er sonst den ganzen Nachmittag "ganz unausstehlich und überdreht" war. Eine Zeit, in der Kindswohl und Mutterglück aufs trefflichste korrespondieren. Wann sonst liefert einem das Leben einen so allgemein akzeptieren Grund, das Telefon auf leise zu stellen, um sich selbst auch mal ein paar Minuten Ruhe zu gönnen? Dieses Privileg haben ansonsten nur Rentner. Und für ein paar kostbare Monate eben auch die Mütter. Vorausgesetzt natürlich, sie wissen das Privileg zu schätzen und nutzen die Ruhe nicht dazu, schnell mal das Bad durchzuwischen oder die Steuer zu erledigen. Außerdem ist das Nickerchen ja sowas von gesund für das Kind. Heißt es. Eine neue Studie meldet da Zweifel an.

Mittagsschlaf ja oder nein?
Mittagsschlaf ja oder nein? Daran scheiden sich die Geister © Fotolia Deutschland

Von Ursula Willimsky

Das Ergebnis kurz zusammengefasst: Kinder brauchen eine bestimmte Menge Schlaf. Punkt. Ob sie aber dieses Kontingent auf mehrere Intervalle verteilen oder en bloc genießen, ist unerheblich. Weshalb es auch nicht viel Sinn mache, einen hellwachen Zweijährigen zum Mittagsschlaf zu zwingen. Der persönliche Biorhythmus des Kindes bestimmt – und gibt damit auch den Tagesrhythmus der Familie vor.

Für alle, die gegenüber der Oma eine Rechtfertigung brauchen, weshalb Lisa-Marie mit ihren zarten zweieinhalb Jahren mittags nicht mehr schläft, liefert die Studie auch gleich eine prima Steilvorlage: Kinder, die recht früh damit anfangen, den Tag durchzumachen, sind den anderen in der Sprachentwicklung voraus. Wahrscheinlich, weil sie mit Mama ganz viele pädagogisch wertvolle Bilderbücher durchackern, während die anderen schlummern. Beziehungsweise, während anderen Mamas ein bisschen Ruhe gegönnt wird. Der Ausgewogenheit halber haben wir aber natürlich auch eine Studie für alle Mamas, deren Kinder sich mittags gerne hinlegen: Von der Universität Massachusetts ist zu hören, dass ein Mittagsschläfchen die Lernleistung um zehn Prozent erhöht. Bereits dösen gibt den grauen Zellen Power.

Das Mittagsschläfchen an und vor allem für sich ist ja schon eine gesunde Sache. Auch für Erwachsene: 80 Prozent von ihnen haben zwischen 13 und 15 Uhr ein Leistungstief – wer dreimal die Woche mittags etwa 30 Minuten ruht, baut deutlich Stress ab und kann dadurch sogar sein Herzinfarkt-Risiko senken.

Zu wenig Schlaf fördert Übergewicht

Und um es klarzustellen: Es schadet auch Kindern nicht. Solange die Kleinen das Bedürfnis haben, sich mittags ins Gitterbettchen zu legen – gerne! Selbst manches Schulkind genießt ja die stille Zeit nach dem Essen. Experten empfehlen, bis zum vierten Lebensjahr das Mittagsschläfchen beizubehalten, in vielen Kitas wird es ähnlich gehandhabt. Eine ruhige Umgebung soll den Schlaf fördern. Was ja auch den Vorteil hat, dass durch die "langweilige" Mittagsphase gar nicht erst der Gedanke aufkommt, man könne etwas versäumen, wenn man schläft. Soweit die gängige Empfehlung, an die sich aber schon so mancher Zweijährige nicht mehr halten will. Der holt sich dann eben seine Portion Schlaf am Abend, wenn er früh todmüde ins Bett fällt. Im Gegensatz zu den Mittagsschläfern, die eventuell erst später in den Schlaf finden. Passt beides, sagt die Studie. Wichtig sei nur, dass die Bilanz stimmt.

Denn insgesamt zu wenig Schlaf rächt sich. Im Tiefschlaf werden zum Beispiel Wachstumshormone ausgeschüttet (beim Erwachsenen regenerieren sich Körperzellen). Zudem gelten vor allem Tiefschlafphasen als Schlaumacher. Aus der Forschung gibt es Hinweise, dass Gelerntes besser abgespeichert wird, wenn man in der darauffolgenden Nacht tief und lange schläft. Außerdem hat das Immunsystem Zeit, sich wieder auf Vordermann zu bringen. Aus einer Studie an 591 Siebenjährigen weiß man gar, dass sie zu Übergewicht neigten, wenn sie im Durchschnitt weniger als 9 Stunden schliefen – unabhängig davon, wie viel sie sich tagsüber bewegten. Zudem entwickelten sie öfter Verhaltensauffälligkeiten.

Gründe genug also, sich möglichst lange an Fynns Mittagsschläfchen zu freuen und ihm noch mal die Bettdecke zurechtzuzubbeln, bevor man sich selbst aufs Sofa legt. Oder alternativ dazu Lisa-Marie liebevoll und zeitig ins Bett zu bringen und sich eben danach einen langen, entspannten Abend zu gönnen.

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