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Mit Kindern über den Terror reden: "Was soll ich ihnen sagen?"

Anschläge wie der in Berlin machen uns allen Angst
Auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin legen Menschen Kerzen, Bilder und Blumen ab, um der Opfer zu gedenken. © REUTERS, FABRIZIO BENSCH, RKR/

Zwölf Tote, 48 Verletzte und die endgültige Gewissheit, dass der Terror nun auch unser Land definitiv erreicht hat. Das hatten zwar auch schon die Anschläge im Süden Deutschlands in den Sommermonaten gezeigt, aber diese Tat hat nun endgültig das zur Wahrheit werden lassen, wovor sich viele von uns in den letzten Jahren insgeheim gefürchtet haben: Dass wir nämlich nirgends mehr sicher sind. Und dass sich mit dieser jetzt wahrhaftigen Erkenntnis unser Land höchstwahrscheinlich sehr verändern wird, vielleicht nicht unbedingt zum Guten. Man kann jedenfalls nur hoffen, dass die Rechtspopulisten diese Tat und das Leid der Angehörigen der Verstorbenen nicht für ihre Zwecke missbrauchen.

​Von Merle Wuttke

Mich persönlich überfielen die Fassungslosigkeit und das Entsetzen erst heute morgen – meine Familie und ich waren gestern Abend auf einem Geburtstag, wir haben überhaupt nichts mitbekommen. Umso größer fiel der Schock heute aus. Ich lese die Nachrichten dazu, ich sehe die Bilder und weiß nicht, was ich denken oder sagen soll. Und wenn ich etwas denke, dann denke ich zwar als Erstes an diese armen Menschen, deren Leben einfach mal so ausgelöscht wurde, aber ich denke auch kurz danach: „Das hättest du sein können. Deine Kinder. Dein Mann.“ Und dann schäme ich mich und bin noch trauriger.

Meine Kinder haben noch nichts von der Tat gehört, aber spätestens, wenn sie nachher aus der Schule kommen oder heute Abend, wenn sie die Kindernachrichten im Fernsehen schauen wollen, wird dies der Fall sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie überhaupt heute die Nachrichten gucken lasse. Was soll ich ihnen sagen? Wie kann ich mit ihnen sprechen ohne ihnen Angst zu machen? Wie kann ich meine eigene Angst beherrschen?

Große Trauer um die Opfer
Große Trauer um die Opfer Lkw raste in Weihnachtsmarkt 00:02:04
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Auch Kinder müssen die Wahrheit kennen

Reden müssen wir darüber miteinander. Denn selbst, wenn ich versuchen würde, das Thema weitgehend auszuklammern, spätestens im Weihnachtsgottesdienst wird es wahrscheinlich auf die ein oder andere Weise zur Sprache kommen. Und das muss es ja auch. Berlin gehört jetzt unserer Realität. Die Verstorbenen werden nicht mehr lebendig. Und wenn Kinder nur mitbekommen, dass etwas Schlimmes geschehen ist, das aber nicht einordnen können, ist das meiner Meinung schlimmer, als es ihnen zu erklären. Auch, weil ich nicht möchte, dass sie diffuse Ängste entwickeln und etwa nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt gehen möchten. Ich werde also versuchen altersgemäß mit ihnen über das Geschehen zu sprechen. Klar, nüchtern und nicht mit vielen Details. Es bringt ja auch nichts sie unnötig zu beruhigen. Und ich möchte, dass sie zumindest ein Stückweit ihre Unschuld, ihren Glauben an den Schutz, denen unsere Gesellschaft ihnen bieten sollte, auch weiterhin möglichst lang bewahren können. Deshalb werde ich in den nächsten Tagen auch weiterhin mit ihnen auf den Weihnachtsmarkt gehen. Nicht auf die großen Märkte in der Innenstadt, aber auf einen der kleinen Stadtteilmärkte, die überschaubar und beschaulich sind. Das mag ein trügerisches Gefühl der Sicherheit sein, in dem mich dann dort wiege, denn natürlich kann auch an dieser Stelle etwas Furchtbares passieren, aber immerhin gewinnt die Angst so nicht die Oberhand. Ein Miteinander, in dem sich alle nur noch misstrauisch begegnen, das ist doch genau das, was diese bösen Menschen mit ihrem Terror bezwecken. Nicht mit mir.

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