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Missbrauch im Ferienlager: Wie schütze ich mein Kind?

Missbrauch im Ferienlager: Wie schütze ich mein Kind?
Missbrauch im Ferienlager: Wie kann ich mein Kind schützen? © picture-alliance / dpa, Lehtikuva Marja Airio

Wie schütze ich mein Kind vor Missbrauch?

Missbrauch im Ferienlager - ein Thema, das in den letzten Jahren immer wieder für Empörung sorgte. Einer der bekanntesten Fälle ereignete sich 2010 während einer Jugendreise des Stadtsportbundes Osnabrück auf die holländische Ferieninsel Ameland: An mindestens vier Abenden sollen ältere Jungen sechs jüngere Mitreisende (zwischen 12 und 14 Jahre alt) misshandelt und vergewaltigt haben. Die 60 Betreuer - laut Presseberichten überwiegend Studenten ohne entsprechende Ausbildung - sollen von den Übergriffen nichts bemerkt haben.

Laut einer damaligen Ausgabe der 'Bild'-Zeitung nahm der Vorsitzende des Stadtsportbundes die Betreuer in Schutz: Ihnen hätten die Kinder nur berichtet, dass "die Älteren die Jüngeren im Schlafsaal ärgern." Der SPD-Sozialexperte Uwe Scharz monierte kurz nach Bekanntwerden der Vorfälle in der Osnabrücker Zeitung, dass der Fall Ameland zeige, dass Jugendleiter "nicht überall in ausreichendem Maße sensibilisiert seien" für das Thema Kinderschutz.

Der Fall wirft auch heute noch Fragen auf. Wagten die Kinder nicht, das, was nachts geschah, in Worte zu fassen? Konnten sich die Betreuer einfach nicht vorstellen, dass Jugendliche zu solchen Taten überhaupt fähig sind? Fälle wie dieser versetzen viele Eltern - nicht zuletzt auch angesichts anderer Missbrauchsfälle in Institutionen oder Schulen - in Angst.

Reden schützt Kinder vor Kindesmissbrauch

Gibt es überhaupt noch einen Ort, an dem ich mein Kind sicher aufgehoben weiß? Kann ich mein Kind davor bewahren, Opfer zu werden? Wie schütze ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch? Wir haben mit der Diplom-Psychologin Elke Gleißner vom Deutschen Kinderschutzbund, Kreisverband Erlangen, und mit der Diplom-Pädagogin Gisela Braun von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz, Landesstelle NRW, über dieses Thema gesprochen.

Offenbar schwiegen viele Kinder, die die Ferien in dem Heim auf Ameland verbrachten. Medienberichten zufolge hätten viele Eltern erst aus der Zeitung von den Übergriffen erfahren und daraufhin Zeugenaussagen ihrer Kinder angeboten. So hätten die Kinder auch im familiären Kreis über die sexuellen Übergriffe geschwiegen. Gerade unter diesem Aspekt, dem Aspekt des Schweigens und Verschweigens, erscheinen die Tipps, die Gleißner und Braun geben, besonders wichtig - zielen sie beide doch immer wieder auf offene, vertrauensvolle Kommunikation ab. Gisela Braun: "Nur wenn die Erwachsenen über diese Dinge sprechen, werden auch die Kinder darüber sprechen." Äußerst wichtig ist ihr dabei die Tatsache, dass man den Kindern auf jeden Fall glauben sollte, "auch wenn es um Menschen geht, die man selbst schätzt und respektiert."

Mit diesen Tipps schützen Sie Ihr Kind

Missbrauch im Ferienlager: Wie schütze ich mein Kind?

Nun kann man Kinder natürlich nicht im Turbo-Verfahren kurz vor einem Ferienlager stark gegen Missbrauch machen. Stattdessen müssen Eltern sich im Alltag mit diesem Thema auseinandersetzen. Elke Gleißner nennt einige wichtige Präventions-Punkte, denn "Schutz vor sexuellem Missbrauch ist eine Erziehungshaltung, die Kinder für alle Bereiche des Lebens stärkt." Sie hat sieben Punkte erarbeitet, mit denen Eltern ihren Kindern helfen können, stark zu werden:

1. Förderung des Selbstbewusstseins - auch gegenüber Erwachsenen.

2. Vertrauen in die eigenen Gefühle, die "innere Stimme" stärken.

3. Körperliche Abgrenzung des Kindes unterstützen. Ein "Nein", ich will jetzt nicht kuscheln, sofort akzeptieren, zum Beispiel.

4. Räumliche Grenzen und die Privatsphäre respektieren.

5. Zeit für ein Gespräch in angstfreier Atmosphäre.

6. Sexualität als natürliches Thema behandeln.

7. Über Missbrauch reden - aber dabei keine Ängste schüren, sondern Selbstvertrauen und Fähigkeiten mobilisieren.

All dies sollte Teil der Alltagserziehung sein, denn es hat nachhaltige Wirkung, bestärkt auch Gisela Braun. "Missbrauch findet oft im nahen sozialen Umfeld statt - Pastoren, Lehrer, Trainer." Braun erachtet es deshalb als wichtig, dass der Verband oder Verein, dem sich ein Kind anschließt, sich mit dem Thema sexueller Missbrauch aktiv auseinandersetzt; Eltern sollten da ruhig nachhaken. Fortbildungen für die Betreuer gehören dazu, oder auch ein Verhaltenskodex, den jeder kennt.

Bei Ausflügen mit vielen Kindern - wie auf Ameland - könnte, so ihr Vorschlag, eine Vertrauensperson ausgewählt werden. "Auch das wäre ein eindeutiges Signal an die Kinder: Hier kannst du dich anvertrauen, hier kannst du alles erzählen, auch wenn es dir unangenehm ist, darüber zu sprechen. Der oder die kennt sich aus." Außerdem rät sie Eltern, ihrem Kind immer wieder zu sagen, dass es sich Hilfe suchen kann und sollte. Kommunikation, das selbstverständliche Sprechen über Gefühle und Erlebtes, sollte zum Alltag gehören. Und Kinder und Eltern sollten Regeln kennen und auch beachten.

Regeln für Kinder und Eltern aufstellen

Dazu Elke Gleißner: "Jeder muss wissen, wo der andere erreichbar ist. Und das Kind sollte wissen, an wen es sich wenden kann." Dazu kommen klare Verhaltensregeln wie die, dass man Erwachsene immer siezt. Dass Geschenke von Fremden (zum Beispiel Getränke) nur mit Einwilligung von Mama oder Papa angenommen werden dürfen. Und dass das Kind nie mit einem Fremden mitgeht oder ins Auto steigt. Auch hier ist, so Gleißner, die Vorbildfunktion gefragt: Umkehrt dürften die Eltern auch nie vom Auto aus ein Kind ansprechen. Außerdem rät sie Eltern, gerade bei Institutionen auch mal unangemeldet vorbeizuschauen. Und generell sollten Eltern die Verabredungen eines Kindes mit Jugendlichen oder Erwachsenen kritisch sehen - und sich darum bemühen, die Freunde und Eltern der Freunde kennenzulernen.

Alle diese Punkte, Tipps und Regeln haben ein Ziel: Die Kinder stark zu machen und zu schützen, damit sie gute Chancen haben, eine glückliche Kindheit zu erleben.

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