'Miss Muslim World': Scharia schlägt Stöckelschuh

Die Miss-Muslim-World muss vor allem fromm sein.
Die 'Miss-Muslem'-Kandidatinnen in Indonesien © dpa, Mast Irham

Indonesien: Miss-Muslim-Wahl mit Grips und Gebet

Schlau ist das neue „sexy“, das weiß inzwischen jede. Bei einer Miss-Wahl in Indonesien kommt noch eine Komponente dazu: Klug sollen die jungen Frauen sein, schön – und fromm.

Von Ursula Willimsky

Wir reden jetzt nicht von der zumindest im Austragungsland umstrittenen Miss-World-Wahl, sondern von der Wahl zur „Miss Muslim World“. Auch die findet derzeit in Indonesien statt. Auch da sind die Frauen sehr attraktiv. Aber sie sollen auch Grips und Frömmigkeit demonstrieren, weshalb man die Teilnehmerinnen auch öfter mal im Gebet oder mit einem dicken Buch auf dem Schoss statt einem Schminkpinsel in der Hand sieht.

Was man nicht sieht, sind nackte Beine oder unverhüllte Oberarme. Und Frisuren sieht man auch nicht – die stecken unter farbenfrohen Kopftüchern. Den Wettbewerb richtet die World-Muslimah-Stiftung aus, zum dritten Mal: "Wir wollen eine islamische Alternative zu den üblichen Miss-World- und Miss-Universe-Wettbewerben sein", sagt Gründerin Eka Shanty (eine ehemalige Fernsehmoderatorin, die ihren Job kündigte, weil sie nicht mit Kopftuch auftreten durfte).

Die Siegerin dieser Wahl bekommt 1.600 Euro, darf eine Pilgerreise nach Mekka machen und als Botschafterin der austragenden Stiftung Hilfsprojekte unterstützen. Das Ziel dahinter: „Miss Muslim World“ soll Frauen helfen, die in der muslimischen Welt Opfer von Konflikten oder Unterdrückung sind, sagt die Organisatorin.

Auf den ersten Blick mutet die Veranstaltung etwas seltsam an: Eine Miss-Wahl, die sich auch noch Miss-Wahl nennt, bei der es aber nicht um perfekte Körper geht. Sondern um Dinge wie Frömmigkeit und Verstand (die meisten Teilnehmerinnen sind Studentinnen, eine Umweltaktivistin ist dabei, und auch eine Dozentin, eine Ärztin, eine Managerin oder eine Architektin). Eine Miss-Wahl, bei der die Teilnehmerinnen sich statt zum Work-Out im knappsten Outfit zum Morgengebet versammeln. Eine Miss-Wahl, die alles sein will, bloß nicht so wie die westliche Körperzurschaustellung. Sich aber dennoch irgendwie derselben Instrumente bedient (nicht zu vergessen: Schön und jung sind auch hier die Teilnehmerinnen). Aber das soll eben nicht das Hauptkriterium sein.

Abgesehen von dem religiösen Aspekt: Wird in Indonesien etwa gerade so etwas wie ein Gegenentwurf zum Lookismus vorbereitet? Die Lookism-Bewegung setzt sich vor allem in den USA und Australien dafür ein, dass Menschen nicht wegen ihres Aussehens benachteiligt werden dürfen – und findet es, platt gesagt, gemein, dass kleine Dicke von Miss-Wahlen ausgeschlossen werden. Eine ihrer Stimmen in Deutschland heißt Marianne Burkert-Eulitz. Die Politikerin beklagte in einem Interview, dass „Jugendliche, die nicht groß und schlank sind, ausgegrenzt werden.“ Und das sei nicht mehr zeitgemäß. Wer noch nie groß und schlank war, wird hinzufügen müssen: Das war auch noch nie zeitgemäß, aber an den Miss-Wahlen hat es nichts geändert. Und auch nicht daran, dass Schöne gemeinhin mehr Erfolg haben.

Dabei wissen wir doch alle, dass wahre Schönheit von innen kommt Die inneren Werte zählen. Nicht das Kleid zählt, sondern das Mädchen, das in dem Kleid steckt, wie es die Organisatoren von Schönheitswettbewerben immer wieder fleißig betonen.

Zur Einstimmung auf das Thema haben wir uns ein paar Filmchen von Miss-Wahlen angesehen, unter anderem einen Bericht über die Wahl zur „Little Miss USA“. Achtjährige, die mit einem gekonnten Po-Kick die Wende auf der Bühne stackseln und mit dick getuschten Wimpern Rede und Antwort stehen, wenn es um den wichtigen Punkt „Personality“ ( siehe oben) geht. Tja, danach war es uns eigentlich nicht mehr möglich, einen Schönheitswettbewerb besonders kritisch zu hinterfragen, bei dem nicht der Körper, sondern der Kopf (oder auch das Herz) zählt.

Als gute Journalistinnen haben wir uns stattdessen auf die Suche nach einem etwaigen christlichen Gegenentwurf zur „Miss Muslim World“ gemacht. Und auf die Schnelle nichts gefunden. (Abgesehen von der Seite einer „Miss Bible Belt“ aus den USA, an deren Seriosität und auch an deren Geschlecht wir allerdings einige Zweifel hatten).

Aber es gibt anscheinend auch in Europa Miss-Wahlen, die in eine ähnliche Richtung denken wie „Miss Muslim“ (wobei natürlich alle Veranstalter betonen, dass es vor allem auf Ausstrahlung und Persönlichkeit ankommt). All die Wein-, Sauerkraut-, Apfel- oder Spargelköniginnen zum Beispiel. Die müssen in der Regel neben ihrer „Persönlichkeit“ auch immer Sachverstand mitbringen.

Oder eine Veranstaltungsreihe aus den Niederlanden: Miss IQ Ambassador. Zu gewinnen gibt es ein Fotoshooting. Eine Fernreise. Und die Ehre, als Botschafterin eines der Charity-Projekte des Veranstalters in einem Entwicklungsland zu besuchen und ihm so zu mehr Aufmerksamkeit (sprich: Spenden) zu verhelfen.

Großer Unterschied zu „Miss Muslim“: Die jungen Frauen, die hier antreten, wirken nicht, sagen wir mal, besonders fromm. Und gehorchen offensichtlich einer anderen Kleiderordnung als in Indonesien. Dort findet parallel zur Miss-Muslim-Wahl übrigens auch die Wahl der Miss World statt. Nach heftigen Protesten wurde die Bikini-Disziplin durch einen Contest in landestypischeren Wickelröcken ersetzt. Und das Finale wird nicht nahe der Hauptstadt ausgetragen, sondern auf dem stärker touristisch geprägten Bali (auf dem die Mehrheit der Bewohner Hindus und keine Moslems sind).

Unbestreitbarer Fakt aller Schönheits – oder Miss-Wettbewerbe bleibt aber, dass die Frauen außergewöhnlich sein müssen, egal, ob das jetzt Richtung lookism, oder IQ-ism (das Wort haben wir jetzt gerade erfunden) geht. Und Fakt bleibt deshalb wohl auch, dass wir dicken, kleinen Dummen, manchmal nicht ganz so Frommen mal wieder Durchschnitt, und damit chancenlos bleiben. Ist es Zeit für eine Anti-Durchschnitt-Diskriminierungs-Bewegung?

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