Merkel lenkt ein: Gauck wird Präsident

Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident

Der Wunschkandidat der Bevölkerung wird Bundespräsident: Joachim Gauck wird als Nachfolger von Christian Wulff ins Schloss Bellevue einziehen. Kanzlerin Angela Merkel gab nach einem stundenlangen dramatischen Ringen ihren Widerstand gegen den Favoriten von SPD und Grünen auf. Sie wendete damit in höchster Not einen drohenden Koalitionsbruch ab. Die FDP hatte überraschend Gauck unterstützt und das schwarz-gelbe Bündnis zeitweise in eine schwere Krise gestürzt.

Die Kanzlerin springt über ihren Schatten und akzeptiert Joachim Gauck als Präsidenten. Ein Eingeständnis, 2010 mit Wulff auf den Falschen gesetzt zu haben.
Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident – gegen den Willen von Kanzlerin Angela Merkel. © dpa, Britta Pedersen

Gauck, Gründungschef der Stasiunterlagen-Behörde, der in einem ersten Anlauf um das höchste Amt im Staate 2010 Wulff unterlegen war, kann sich nun auf eine breite Unterstützung in der Bundesversammlung stützen. Damit werden bald zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates stehen.

Merkel bezeichnete bei einem gemeinsamen Auftritt der Parteichefs den 72-jährigen früheren DDR-Bürgerrechtler als "wahren Demokratielehrer", der wichtige Impulse für Globalisierung, die Lösung der Schuldenkrise und mehr Demokratie geben könne. Der sichtlich bewegte Gauck kündigte an, er wolle den Deutschen vermitteln, dass sie "in einem guten Land leben, das sie lieben können". Gauck war in Umfragen klarer Favorit der Bürger. Rund jeder Zweite hält ihn für geeignet.

Auch für die User von RTLaktuell.de ist Gauck der Wunschkandidat: 47 Prozent hatten sich in unserem Voting für ihn ausgesprochen. Auf Ursula von der Leyen entfielen 11 Prozent. Thomas de Maiziere, Klaus Töpfer, Wolfgang Schäuble und Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle erreichten zusammen 13 Prozent. 29 Prozent der Abstimmenden gaben an, sie wünschten einen "anderen Kandidaten".

Gauck sagte, er sei kein "Supermann" und nicht ohne Fehler. Er müsse sich die Vorschusslorbeeren erst verdienen. Er sei überwältig und verwirrt. Der Anruf der Kanzlerin habe ihn im Taxi erreicht, sagte der Pastor. Bei der Annahme der Kandidatur für das Staatsoberhaupt habe ihm unglaublich geholfen, dass die Koalition, SPD und Grüne sich zusammengefunden hätten. An Merkel persönlich gerichtet sagte Gauck, das Wichtigste für ihn sei immer gewesen, dass sie ihm Vertrauen und Hochachtung gezollt habe.

Will die Linke einen eigenen Kandidaten stellen?

Zuvor stand die Koalition am Rande eines Scheiterns. Merkel hatte innerhalb der Unionsspitze deutlich gemacht, dass sie Gauck nicht unterstützen wolle. Schon 2010 hatte die Kanzlerin ihn verhindert und auf Wulff gesetzt. Die FDP-Spitze hielt aber an Gauck fest. Damit hätte die Union in der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, keinen eigenen Kandidaten durchbringen können.

SPD-Chef Sigmar Gabriel meinte: "Ende gut, alles gut." Gauck könne die Kluft zwischen Bürgern und politischer Klasse schließen. CSU-Chef bezeichnete die Kür Gaucks als gute Entscheidung für Deutschland: "Sie haben das Vertrauen der CSU und der Bayern." FDB-Chef Rösler betonte, Gauck könne verlorenes Vertrauen in das Bundespräsidentenamt zurückgeben. Grünen-Chefin Claudia Roth sprach von einem historischen Moment. Gauck könne in Zeiten von Rechtsterror in Deutschland viel bewegen: "Joachim Gauck ist jemand, der Demokratie wieder Glanz verleihen kann."

Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, sagte: "Die FDP ist erstaunlicherweise nicht umgefallen - dafür aber die Kanzlerin". Sie kritisierte, dass sich die Bundeskanzlerin erst sehr spät für Gauck entschied. "Das hatte einen einzigen Grund: Frau Merkel hätte eingestehen müssen, dass sie vor zwei Jahren einen Fehler gemacht hat. Am Ende musste sie eingestehen", sagte Nahles. Zudem kritisierte sie, dass die Bundeskanzlerin Die Linke nicht in die Kandidatenkür eingebunden hatte.

Die Linke erwägt, unterdessen einen eigenen Kandidaten gegen Gauck für die Bundespräsidentenwahl aufzustellen. Die Entscheidung darüber werde am Donnerstag bei einem Treffen des Bundesvorstands mit Spitzenvertretern der Landesverbände fallen, sagte Parteichefin Gesine Lötzsch.

Den Kandidaten von Union, FDP, SPD und Grünen lehnt die Linke-Spitze klar ab. Gauck sei ein "Kandidat der kalten Herzen", sagte Lötzsch. Die Linke kritisiert vor allem die Positionen Gaucks bei den Themen Integration, Finanzkrise und Afghanistan-Einsatz.

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