Menschen als Versuchskaninchen - West-Pharmafirmen ließen in der DDR testen

Völlig ahnungslos: Patienten wurden nicht über die Risiken aufgeklärt

Die Vorstellung ist so grausam, dass man sie kaum für möglich hält. Menschen, die ohne ihr Wissen in Krankenhäusern zu Versuchskaninchen werden. Aber es ist ein realer Alptraum: In der DDR wurden eiskalt Menschenleben gefährdet, weil Pharmaunternehmen und Mediziner Arzneimittel erforschen wollten. Wir haben die Opfer getroffen und erfahren, wie ihre Geschichten bis heute vertuscht werden sollen.

Hubert Bruchmüller litt mit 30 Jahren an Herzflimmern. Sein Hausarzt riet ihm damals zu einem ganz besonderen Medikament. „Der hat gesagt: Sie können ein besonderes Medikament bekommen. Klar macht das Hoffnung“, so der damals ahnungslose Patient. Bruchmüller hört auf seinen Arzt und geht zur Lungenklinik Lostau. Dort bekommt er damals das neue Herzmedikament und wird stationär regelmäßig Belastungstests unterzogen. Er hat Glück, dass er heute noch am Leben ist. Viele der Patienten, die damals an der Studie teilnahmen, starben während der Einnahme der Medikamente. Erst nach der Wende erfährt er, dass er Teil einer Studie war.

Unterlagen zu Studien laut Kliniken nicht mehr aufzufinden

Auch Brigitte Heinisch kann noch immer kaum fassen, was ihr widerfahren ist. 1988 wird sie im sechsten Monat schwanger an die Charité überwiesen – angeblich besteht die Gefahr einer Frühgeburt. Man verspricht der werdenden Mutter Hilfe. Dreimal täglich soll Brigitte Heinisch bis zur Geburt ein Medikament nehmen. Sie vertraut den Ärzten.

Doch als an der geborenen Tochter später eine Behinderung diagnostiziert wird, wird sie stutzig. Brigitte Heinisch hat ein Medikament bekommen, das eigentlich für Alzheimererkrankungen eingesetzt wird und das Gehirn beeinflusst. Ihr wurde schriftlich bestätigt, dass es an der Charité eine Forschungsgruppe gab, die sich mit Tests an Schwangeren bedienen durfte – um zu forschen, ob das Mittel das Wachstum vom ungeborenen Kind beschleunigt.

Brigitte und ihr ungeborenes Baby im Bauch wurden zu Versuchskaninchen. Ihre Tochter ist heute zu 50 Prozent schwerbehindert und leidet am Asperger-Syndrom. Die Unterlagen in der Klinik sind heute nicht mehr aufzufinden.

Brigitte Heinisch wird nicht aufgeben – sie will so lange kämpfen, bis Pharmaunternehmen und Krankenhäuser vollständig aufklären.

Anzeige