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Mein Leben als Hure - Teil 2: Sonja (26)

Prostitution: Mit Baby anschaffen
Mein Leben als Hure: Sonja ging schwanger anschaffen © dpa, Marijan Murat

Mein Leben als Hure: Mit Baby im Bauch anschaffen gegangen

Die junge hübsche Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt, und in die Sonne blinzelt, sieht glücklich aus. Im Wagen liegt ihr 8 Monate altes Söhnchen Niklas. Er ist der ganze Stolz seiner Mutter.

Von Kerstin Kraska-Lüdecke

Man sieht es Sonja nicht an, dass sie noch vor wenigen Monaten als Prostituierte ihr Geld verdient hat. Allerdings hat die Essenerin sehr schnell gemerkt, das das horizontale Gewerbe nichts für sie ist. Sie arbeitete nur wenige Monate in dem Job, dann gab sie auf, denn damals war sie bereits mit Niklas schwanger...

Vorher lebte Sonja im Ruhrpott, kassierte Hartz IV: "Das war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel," erzählte sie. Sie war damals öfter mit einer alten Schulfreundin zusammen, die im Gegensatz zu Sonja immer genug Geld hatte. "Das war mir dann manchmal peinlich, dass Petra immer bezahlt hat.," so die arbeitslose Sonja. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und fragte Petra, woher dann all das Geld käme. Petra zögerte einen Moment und erzählte ihr dann die Wahrheit: Sie hatte ein Appartement in der Stadt, arbeitete dort als Hure. Sonja war interessiert, fragte immer mehr: "Für eine halbe Stunde mussten die Männer 50 Euro zahlen, für eine Stunde 100 Euro und für einen Dreier sogar 150 Euro für die halbe Stunde," so Sonja. Das klang verlockend.

Kurz zuvor hatte Sonja ihren neuen Freund kennengelernt, einen Italiener. Salvatore bekam mit, wovon die Freundinnen sprachen, und versuchte, Sonja den Plan auszureden. Doch dann wurde Sonja schwanger und Salvatore arbeitslos. Das junge Paar stand fast mittellos da, und sie erwarteten noch ein Baby! Nun änderte Salvatore seine Meinung, und er drängte Sonja nahezu, die "Sache mit der Prostitution" einmal auszuprobieren.

Die junge Schwangere mietete sich also im Appartement neben ihrer Freundin ein, und schon bald stand der erste Freier vor der Tür: "Bei meinem 'Ersten' habe ich nur gedacht: Augen zu, Arsch zusammen - und durch", berichtete Sonja später. Hinterher, so erinnert sie sich, habe sie sich "ganz schrecklich" gefühlt. Dazu kam, dass sie schon schwanger war und der ganze Körper viel empfindlicher als sonst. "Vor den Männern, die da angetrabt kamen, habe ich mich richtig geekelt!"

Lange hielt Sonja ihren neuen Job nicht durch: Nach zweieinhalb Monaten und einem Dutzend Männer beschloss sie, wieder aufzuhören. "Meine Freundin Petra ist ein ganz anderer Mensch als ich, viel tougher. Die konnte das gut wegstecken. Ich bin aber ein anderer Typ als sie. Als ich dann den Entschluss gefasst hatte, aufzuhören, dachte ich nur ständig: Gottseidank!"

Prostitution: 50 Euro für die halbe Stunde

Das Baby von Sonja ist mittlerweile ihr größter Sonnenschein, von Salvatore ist sie getrennt, hat einen neuen Freund und neue Pläne: "Am liebsten möchte ich als Friseurin arbeiten, oder als Nageldesignerin", sagt die selbstbewusste junge Frau. Ihre Zeit als Hure war nur eine Episode in ihrem Leben - und die ist nun für immer abgehakt.

Die frühesten Belege über den Beruf der Prostituierten stammen aus dem Altertum. So gab es zum Beispiel schon vor mehr als 3000 Jahren die sogenannte 'Tempelprostitution': Frauen haben damals sexuelle Handlungen als 'Geschenk' an den Tempel - oder vielmehr an die dort waltenden Priester - vollzogen.

Heute soll es in Deutschland geschätzte 400.000 Prostituierte geben, davon 95 Prozent weibliche und nur 5 Prozent männliche. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn neben einem Großteil organisierter Huren gibt es auch zahlreiche Gelegenheitsprostituierte, deren Anzahl nicht wirklich erfasst werden kann. Laut der offiziellen Prostituierten-Vertretung 'Hydra' und einiger Hilfsorganisationen, stammen weit mehr als die Hälfte aller Liebesdienerinnen in Deutschland aus dem Ausland, meistens aus Osteuropa. Weitere Schwerpunktländer, aus denen Frauen für den Erotikmarkt nach Deutschland geschleust werden, sind Thailand und Schwarzafrika.

Immerhin gibt es heute bereits mehrere Organisationen, in denen die Prostituierten sich organisieren und informieren können. Als erste deutsche Hilfsorganisation für Huren gründete sich 1980 'HYDRA' mit Sitz in Berlin. Das Symbol der ersten autonomen Hurenorganisation in Deutschland ist der Highheel-Schuh mit Schlangenkopf und Giftzahn. HYDRA ist eine Anlaufstelle für alle Belange der Prostituierten, und hilft in medizinischen, juristischen und sonstigen Fragen.

Die Gewerkschaft ver.di hat einen 'Arbeitskreis Prostitution' (Fachbereich 13, Besondere Dienstleistungen) eingerichtet, in dem es hauptsächlich um die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten geht. So wurde hier unter anderem ein Muster-Arbeitsvertrag ausgearbeitet. Es gibt auch einen Arbeitgeberverband im Bereich Prostitution, und zwar den Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V. Der Bochumer Verein 'Madonna e.V', hingegen hilft Prostituierten, die aussteigen wollen und vermittelt Umschulungen.

Seit Dezember 2001 ist das älteste Gewerbe durch das sogenannte Prostitutionsgesetz auch gesetzlich geregelt. Es handelt sich dabei um ein aus drei Paragraphen bestehendes Bundesgesetz, das die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung regelt. Dadurch verbesserte sich automatisch die soziale und rechtliche Stellung der Huren: Sie sind nun gesetzlich krankenversichert und können nach erbrachtem Liebesdienst das zuvor vereinbarte Honorar von ihrem Freier sogar einklagen.

Bücher zum Thema:

- "Das erste Mal und immer wieder. Die autobiografische Schilderung einer Prostituierten", von Lisa Moos, Goldmann Verlag

- "Ein Leben als Prostituierte", von Susanne D. Zytglogge

- "Die Wa(h)re Lust: Zuhälter, Prostituierte und Freier erzählen", von Marcel Feige, Schwarzkopf & Schwarzkopf

- "Und nach der Vorlesung ins Bordell: Bekenntnisse einer Kunststudentin", von Alexandra Aden

Filme zum Thema:

- "Pretty Woman" mit Julia Roberts

- "Das Mädchen Irma La Douce" mit Shirley McLaine

- "Belle de Jour" mit Cathérine Deneuve

- "Die flambierte Frau" mit Gudrun Landgrebe

- "Tokyo Dekadenz"

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