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Mein Leben als Hure - Teil 1: Conny (24)

Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt
Prostitution: Conny über ihr Leben als Hure © picture-alliance / dpa, Lehtikuva Jussi Nukari

Prostitution: Aus Geldnot zur Hure

Prostitution, auch das älteste Gewerbe der Welt genannt, ist heutzutage bei uns fast ein normaler Job: Die Huren organisieren sich gewerkschaftlich, haben Arbeitsverträge und Krankenversicherungen. Einmal ohne viele Umstände ins Rotlichtmilieu hineinschnuppern, das ist besonders für mittellose Frauen ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung verlockend. In der Hoffnung auf das schnelle Geld geraten so viele in die Erotik-Branche hinein. Drei Frauen, die dies erlebt haben, berichten über ihre Erfahrungen.

Von Kerstin Kraska-Lüdecke

Ihr Leben begann eigentlich ganz normal: Conny (24) wuchs in Brandenburg auf und machte dort eine Friseurlehre. Sonja (26) aus Essen war nach ihrem Hauptschulabschluss lange arbeitslos, lebte von Hartz IV. Melanie aus Hamburg (30) brauchte vor einigen Jahren dringend Geld und begann deshalb zunächst, vor einer Webcam zu strippen. Alle drei Frauen schlitterten in das horizontale Gewerbe hinein. Neben der akuten Geldnot war auch ein Teil Neugierde mit dabei, die sie ins Hurenmilieu trieb: "Gäste" empfangen für 100 Euro pro Stunde - das klang einfach. Man brauchte keine langwierige Ausbildung, kein schwieriges Bewerbungsgespräch. Alle drei Frauen dachten: Einen Versuch ist es wert! Die Erfahrungen, die sie machten, waren dagegen sehr unterschiedlich. Zwei von ihnen sind inzwischen ausgestiegen. Eine arbeitet heute noch als Hure.

Conny hat das härteste Schicksal von den dreien. Die junge Frau wuchs in einer wohlbehüteten Kleinstadt auf, besuchte die Hauptschule und schaffte sogar den Abschluss ohne Probleme. Da sie Interesse an Frisuren, Make-up und Mode hatte, begann sie eine Friseurlehre. Alles lief gut, aber dann lernte sie Tobias kennen. Er war etliche Jahre älter als Conny, ein "Mann von Welt", der sie in teure Discotheken mitnahm. Eines Tages eröffnete er seiner Freundin, dass er nach Berlin gehen wolle, und Conny sollte mitgehen. Ohne zu zögern schmiss die knapp 18-Jährige ihre Lehre und begleitete ihren Freund. Der Abstieg begann.

In Berlin war das Leben weniger geruhsam als in der Kleinstadt. Tobias führte Conny in Kreise ein, in denen man Drogen konsumierte, wie man Luft einatmete. Schnell wurde das junge Mädchen abhängig von Koks und Marihuana. Irgendwann setzt sie sich den ersten Schuss Heroin, einfach so, ohne viel nachzudenken. Sie geriet öfters mit dem Gesetz in Konflikt, Ärger mit der Polizei gehörte schon bald zu ihrem Alltag. Für Diebstähle und Schlägereien verurteilte man sie zu Sozialstunden. Einmal konnte sie eine Geldstrafe von mehreren Hundert Euro nichts bezahlen. Also wanderte sie für ein paar Wochen ins Gefängnis. Im Rückblick findet Conny die Zeit "im Bau" gar nicht mal so schlecht... Zu ihrer Familie, der Mutter und den Geschwistern, brach der Kontakt nun völlig ab.

Als sie aus dem Gefängnis rauskam, wusste sie zunächst nicht, was sie anfangen sollte. Mit Tobias war Schluss, und Conny stand mit nichts da. An eine Lehre oder daran, sich einen richtigen Job zu suchen, dachte sie nicht eine Minute lang. Also landete sie auf dem Straßenstrich. Das Leben auf der Strasse war hart, und Conny hatte oft Stress mit den Freiern. Da sie selbst klein und zart war, dachten viele Männer, dass sie sie leicht hereinlegen könnten, wenn es ans Bezahlen ging: "Manche Freier haben mich nicht ernst genommen und ausgelacht! Sie dachten, sie müssten nicht zahlen, weil ich klein bin und schwach aussehe. Und ich hatte damals keinen, der mich beschützte," erzählte Conny. Nicht selten wurde sie von brutalen Freiern sogar geschlagen. Dann hatte sie überall am Körper blaue Flecken, und konnte mehrere Tage lang nicht arbeiten gehen.

Conny (24): Drogen und Knast

Vor etwa zwei Jahren, Conny war gerade 22, lernte sie Robin kennen, ihren jetzigen Freund. Robin kommt selbst aus dem "Milieu" und hat auch schon einige Delikte als Kleinkrimineller begangen. Nach ein paar Monaten zogen die beiden zusammen in eine kleine Wohnung. Robin wollte nicht, dass seine Freundin weiter auf den Strich geht. "Obwohl er mich so kennen gelernt hat, fing es an, ihn zu stören," so Conny.

Natürlich war sie froh, dass sie nicht mehr an der Straße stehen musste. Die vielen Freier hat sie ohnehin nur ertragen, wenn sie vollgekokst war. Meistens nahm sie jedes Mal, bevor sie ihren Job antrat, soviel Drogen, dass sie von dem, was sie tat, kaum etwas mitbekam. Dafür, dass er sie von der Straße geholt hat, liebte Conny ihren Freund nur noch mehr. Eine Weile führen sie ein fast alltägliches Leben: Sie gingen manchmal Hand in Hand spazieren, kuschelten abends vor dem Fernseher, und Conny schlief selig in Robins Armen ein. Ihr Entschluss stand fest: "Ich will ein normales Leben, irgendwie zur Ruhe kommen. Auf den Strich gehe ich nie wieder!"

Doch was so hoffnungsvoll begann, hielt nicht lange: Im letzten Sommer wurde Conny schwanger. Kurz darauf wurde ihr Baby tot geboren. Ihre Vergangenheit und der exzessive Drogenkonsum hatten die junge Frau wieder eingeholt. Aber mit Robins Hilfe hofft sie, es zu schaffen: Clean werden, einen richtigen Job finden, nie wieder als Hure arbeiten...

Die frühesten Belege über den Beruf der Prostituierten stammen aus dem Altertum. So gab es zum Beispiel schon vor mehr als 3000 Jahren die sogenannte 'Tempelprostitution': Frauen haben damals sexuelle Handlungen als 'Geschenk' an den Tempel - oder vielmehr an die dort waltenden Priester - vollzogen.

Heute soll es in Deutschland geschätzte 400.000 Prostituierte geben, davon 95 Prozent weibliche und nur 5 Prozent männliche. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn neben einem Großteil organisierter Huren gibt es auch zahlreiche Gelegenheitsprostituierte, deren Anzahl nicht wirklich erfasst werden kann. Laut der offiziellen Prostituierten-Vertretung 'Hydra' und einiger Hilfsorganisationen, stammen weit mehr als die Hälfte aller Liebesdienerinnen in Deutschland aus dem Ausland, meistens aus Osteuropa. Weitere Schwerpunktländer, aus denen Frauen für den Erotikmarkt nach Deutschland geschleust werden, sind Thailand und Schwarzafrika.

Immerhin gibt es heute bereits mehrere Organisationen, in denen die Prostituierten sich organisieren und informieren können. Als erste deutsche Hilfsorganisation für Huren gründete sich 1980 'HYDRA' mit Sitz in Berlin. Das Symbol der ersten autonomen Hurenorganisation in Deutschland ist der Highheel-Schuh mit Schlangenkopf und Giftzahn. HYDRA ist eine Anlaufstelle für alle Belange der Prostituierten, und hilft in medizinischen, juristischen und sonstigen Fragen.

Die Gewerkschaft ver.di hat einen 'Arbeitskreis Prostitution' (Fachbereich 13, Besondere Dienstleistungen) eingerichtet, in dem es hauptsächlich um die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten geht. So wurde hier unter anderem ein Muster-Arbeitsvertrag ausgearbeitet. Es gibt auch einen Arbeitgeberverband im Bereich Prostitution, und zwar den Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V. Der Bochumer Verein 'Madonna e.V', hingegen hilft Prostituierten, die aussteigen wollen und vermittelt Umschulungen.

Seit Dezember 2001 ist das älteste Gewerbe durch das sogenannte Prostitutionsgesetz auch gesetzlich geregelt. Es handelt sich dabei um ein aus drei Paragraphen bestehendes Bundesgesetz, das die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung regelt. Dadurch verbesserte sich automatisch die soziale und rechtliche Stellung der Huren: Sie sind nun gesetzlich krankenversichert und können nach erbrachtem Liebesdienst das zuvor vereinbarte Honorar von ihrem Freier sogar einklagen.

Bücher zum Thema:

- "Das erste Mal und immer wieder. Die autobiografische Schilderung einer Prostituierten", von Lisa Moos, Goldmann Verlag

- "Ein Leben als Prostituierte", von Susanne D. Zytglogge

- "Die Wa(h)re Lust: Zuhälter, Prostituierte und Freier erzählen", von Marcel Feige, Schwarzkopf & Schwarzkopf

- "Und nach der Vorlesung ins Bordell: Bekenntnisse einer Kunststudentin", von Alexandra Aden

Filme zum Thema:

- "Pretty Woman" mit Julia Roberts

- "Das Mädchen Irma La Douce" mit Shirley McLaine

- "Belle de Jour" mit Cathérine Deneuve

- "Die flambierte Frau" mit Gudrun Landgrebe

- "Tokyo Dekadenz"

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