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Mein Leben als Baby-Bodyguard

Sebastian Priggemeier, Priggemeier, Teambilder Frauenzimmer
Sebastian Priggemeier © Stefan Neumann Fotografie

SIE sagt, ich sei paranoid - ICH bezeichne mich lieber als wachsam

"Ammenschlaf: Bezeichnung für eine temporäre Veränderung des Schlafverhaltens einer einen Säugling betreuenden Person. Kleinste Laute wecken sofort die in unmittelbarer Nähe schlafende Bezugsperson." So steht es im Lexikon der Biologie. Kenne ich. Habe ich. Dabei betrifft das Phänomen eigentlich fast ausschließlich Mütter. Bei uns ist es umgekehrt: Baby Lene hustet mitten in der Nacht - ich springe aus dem Bett, bereit zur spontanen Herz-Lungen-Wiederbelebung. Meine Frau Tini seufzt leise, dreht sich um und richtet ihr Kopfkissen. Schönen Dank auch.

Von Sebastian Priggemeier

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen Dinge wahrnehmen. SIE verteilt Zweige mit roten Beeren in der Wohnung und freut sich über die schöne Deko - ICH sehe hochgiftige Vogelbeeren, die das Baby sich sabbernd in den Mund stopft. IHR gefallen die neuen Mini-Holzklötzchen, MIR kommen die Dinger vor wie bunte Stöpsel für Kinderkehlen. SIE sagt, ich sei paranoid - ICH bezeichne mich lieber als wachsam und vorausschauend. Eigenschaften, die gute Personenschützer eben ausmachen. Helikopter-Daddy? Meinetwegen. Baby-Bodyguard trifft es aber besser. Jemand, der Gefahren erkennt, bevor sie entstehen.

Und ganz ehrlich, der Job ist echt anstrengend. Nicht körperlich, eher mental. Trotz totaler geistiger Unterforderung ständig hellwach zu sein, das ist die Herausforderung. Beim Bauklötzestapeln, beim Breianrühren. Die Lage kann schließlich von jetzt auf gleich kippen und lebensbedrohlich werden. Gerade noch kaut das Baby glucksend an einem Stück Leberwurstbrot herum, im nächsten Moment folgt bedrohliches Prusten, Atemnot - verschluckt. Alles schon passiert. Da heißt es cool bleiben.

Das Badezimmer - ein Ort der Baby-Verlockungen

Richtig riskant wird es in der Regel erst, wenn Lene plötzlich mit einem spitzen Schrei und flottem Tempo loskrabbelt, denn dann hat die Kleine ein Ziel vor Augen. Und zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit das Badezimmer - ein Ort der Verlockungen. Klar, schließlich gibt es da diese witzigen Dinger, die beim Draufbeißen so schön knistern (huch, eine offene Packung Tampons!), Fläschchen mit leuchtend-blauer Flüssigkeit (oh Gott, Nagellackentferner!) und allerhand glitzerndes Zeug (Finger WEG von der Nagelschere). Hilfe.

Am liebsten hätte ich für Lene eine dieser begehbaren Luftpolster-Plastikkugeln. Bitte für die nächsten 18 Jahre, ich bezahle auch im Voraus. Dabei ist mir eigentlich klar: Ich kann mein Baby nicht für immer vor der Welt beschützen. Und ganz tief in meinem neurotischen Gehirn ist mir auch bewusst, dass ich mich mit meinem Verhalten zum Affen mache. Selbst Menschen, die mich mögen, rollen schon mit den Augen, wenn ich wie Heidi Klums Leibwächter dem Baby folge und mit nervösem Blick das Umfeld checke. Fehlt nur noch der Security-Ohrstöpsel.

Meine Frau würde mir in solchen Situationen am liebsten komplett den Stecker ziehen. Das ist hart. Ganz schön schmal, der Grat zwischen Vorzeige-Vater und Vollpfosten. Am besten bestelle ich die begehbare Plastikkugel gleich ein paar Nummern größer - als Erwachsenen-Modell für mich, nicht für das Baby. Mit extra dicken Wänden. Dann klappt es auch wieder mit dem ungestörten Schlaf.

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