"Mein Kind schlägt mich": Zwei Familien packen aus

Aggressive Kinder: Ein Tabuthema

Die Aggression der eigenen Kinder ist ein Thema, über das normalerweise niemand gerne spricht. Es gibt Kinder, die ihre Emotionen so schlecht im Griff haben, dass sie regelmäßig auf ihre Eltern losgehen, sie mit Gegenständen bewerfen und sogar schlagen. Zwei englische Familien haben mit uns darüber gesprochen.

"Mein Kind schlägt mich": Zwei Familien packen aus
Der 9-jährige J-J schlägt seine Mutter regelmäßig.

"Er hat versucht, mich zu töten - mitten in der Nacht" sagt Bobbi, Mutter des neunjährigen J-J. Die Frau hat Angst vor ihrem Sohn. "Er lässt sich überhaupt nicht mehr beruhigen, man kann nicht mehr vernünftig mit ihm reden", erzählt sie. Auch im Fall des 14-jährigen Brett und seiner Mutter Lynne sieht die Situation nicht besser aus: Der Teenager hat seine Mutter einmal so fest gewürgt, dass diese das Bewusstsein verlor. Doch dabei blieb es nicht: "Er hat versucht, mich ins Schaufenster zu schubsen oder die Treppe runter. Ich glaube, er könnte uns umbringen, da bin ich ganz ehrlich. Ich muss mich vor ihm schützen, ich werde das nicht weiter ertragen, diese Schläge und Tritte. Man sollte ihn hindern, man muss ihn daran hindern".

J-J aus Southampton in England ist neun Jahre alt und eigentlich wie jeder andere Junge in seinem Alter - allerdings nur so lange, bis er auf seine Mutter Bobbi trifft. "Manchmal schreie ich sie an, beschimpfe sie mit gemeinen Namen. Ich kann Menschen wirklich sehr weh tun", erzählt der Junge. Das bestätigt auch seine Mutter: "J-J hat das schlimmste Verhalten, das ich jemals bei einem Kind gesehen habe. Wenn man sich diesen kleinen Jungen anguckt, dann sieht er so normal aus, aber in seinem Kopf geht so viel vor sich. Wenn man so lange mit so einem Verhalten klar kommen muss, dann wird man irgendwann immun dagegen".

Konflikte wie diese gibt es in immer mehr Familien in England. Nur die wenigsten wollen oder können es zugeben. Das weiß auch die Familienbetreuerin Islay Downey: "Häusliche Gewalt unter Kinder gegen ihre Eltern ist ein sehr verstecktes Problem. Der Grund dafür ist, dass sich die Eltern schämen. Man fühlt sich schuldig und stellt sich die Frage: Wie kann mein Kind nur so gewalttätig gegen mich sein und wie kann ich jemandem davon erzählen?".

"Mein Kind schlägt mich": Oft sind Verhaltensstörungen schuld

Warum der 14-jährige Brett immer gewalttätiger wurde, versuchen Jayne und Vicky herauszufinden, die bei einem Wohlfahrtsverband arbeiten. Seit Brett sechs Jahre alt ist, wurde er immer aggressiver. Zudem leidet er an einer Seh- und Hörschwäche. Die Sozialarbeiterinnen hoffen, dass Brett und Lynne ein Anti-Aggressionsplan helfen kann: Brett soll seiner Mutter anhand eines Ampel-Systems zeigen, wann er wütend ist. Sie weiß dann: Für die nächsten 30 Minuten muss sie ihn in Ruhe lassen. So kann er Zeit finden, um sich zu beruhigen.

"Eltern glauben, sie müssten in der Lage sein, solche Situationen zu meistern. Das ist ein Irrglaube. Davon muss man sich verabschieden. Man muss sich ehrlich eingestehen, unter welchem Stress Eltern stehen. Ein Kind braucht Grenzen und Konsequenzen, aber als Eltern muss man das umsetzen - auf eine liebevolle Art und Weise. Man braucht ein Gleichgewicht zwischen Liebe geben und Grenzen aufzeigen", erklärt Islay Downey.

Auch Mutter Bobbi scheitert regelmäßig an dieser Balance. Sie hat ihren Sohn J-J wegen seines Verhaltens testen lassen. Der Neunjährige leidet an gleich mehreren Verhaltensstörungen, darunter ADHS und eine Trotz-Störung. Seit ein paar Monaten darf J-J nicht mehr in seine Schule, weil er auch dort zu aggressiv wurde und sogar Mitschüler schlug. Seither sitzen Bobbi und J-J also fast rund um die Uhr aufeinander.

Brett und Lynne haben entschieden, sich mehr Freiraum zu geben. Zweimal die Woche ist der 14-Jährige jetzt bei einer Wohngemeinschaft der Wohlfahrt, wo er übernachten kann. "Ich glaube, meine Mami und ich stehen immer kurz vor einem Krach. Ich nerve sie die ganze Zeit", sagt Brett. "Ja, ich bin ehrlich, ich will Zeit für mich. Ich will mir keine Gedanken um ihn machen, nicht um andere - um nichts. Heute nach dem Abendessen heißt das für mich: abschalten."

Lynne sagt: Trotz allem liebe sie ihren Sohn, sie könne es eben nur schwer zeigen. Dabei wären Liebe und Verständnis für den 14-Jährigen mit seinen Einschränkungen enorm wichtig.

Mehr Freiraum und Vertrauen, weniger zwanghaftes Kontrollieren - das entschärft Situationen, sagen Familienbetreuer. In Gesprächen mit J-Js Mutter Bobbi kam heraus: Auch sie leidet an einer Verhaltensstörung, einem Kontrollwahn. "Bobbi ist eine fantastische Mutter, sie kümmert sich so sehr um ihre Kinder. Sie wägt aber auch jedes Risiko ab", merkt auch die Familienbetreuerin Islay Downey.

Ein halbes Jahr später treffen wir die Familien wieder. Für Bretts Übernachtungen hat die Wohlfahrt kein Geld mehr. Er ist wieder zuhause. J-J dagegen hat eine neue Schule gefunden. Seitdem seine Mutter ihn weniger kontrolliert, ist er viel entspannter geworden. Lynne und Bobbi hoffen, dass sie mit ihrer Geschichte auch andere ermutigen, offen über dieses Tabuthema zu sprechen.

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