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Mein Kind ist tot: Hilfe zur Trauerbewältigung

Mein Kind ist tot: Hilfe zur Trauerbewältigung
Mein Kind ist tot: So kann Hilfe zur Trauerbewältigung aussehen © picture-alliance / Markus C. Hur, Markus C. Hurek

Wenn das eigene Kind für immer geht

Wenn das eigene Kind für immer geht - gibt es keine Worte, um zu beschreiben, was in den Eltern vor sich geht. Trauer, Wut über das Schicksal, Einsamkeit - leere Worthüllen für etwas Unbegreifliches. Schock und Verzweiflung fressen sich in die Seele, nisten sich dort ein. Ursula Willimsky sprach mit Edith Droste, der Leiterin der Akademie des Deutschen Kinderhospizvereins, über die Trauer verwaister Eltern.

Von Ursula Willimsky

Edith Droste kennt durch ihre Arbeit viele verwaiste Eltern. Vor allem Eltern, die ihr Kind nicht durch einen plötzlichen Unglücksfall verloren, sondern durch lange Krankheit. Der Hospizverein begleitet diese Eltern. "Im Nachhinein ist für die meisten Väter und Mütter der Zeitpunkt der Diagnose der tiefste Schock. Wenn sie erfahren, dass ihr Sohn, dass ihre Tochter eine lebensverkürzende Krankheit hat, wird jegliche Ratio außer Kraft gesetzt." Wie soll man auch mit dem Verstand begreifen, mit Vernunft reagieren, wenn einem das eigene Kind vor der Zeit genommen wird? Es beginnt ein langer, schmerzvoller Prozess des Abschiednehmens, in den die Eltern, aber auch die Kinder hineinwachsen.

Es gehe darum, so Droste, dem kranken Kind zu vermitteln, dass die Eltern da sind, dass die Eltern immer an der Seite des Kindes stehen. Wenn ein kleiner Junge bisher immer so viel Spaß daran hatte, den Lichtschalter an- und auszuknipsen - und plötzlich kann er das wegen seiner Krankheit nicht mehr, dann müssen die Eltern ihm signalisieren: "Wir stehen zu dir und bei dir - auch wenn Du vielleicht ein paar deiner Fähigkeiten verlierst."

Die Situation zu beschönigen - "das wird schon wieder, bald bist Du wieder gesund" - hilft den Kindern dagegen wenig, gibt die Expertin zu bedenken: "Kinder spüren ja, dass etwas nicht stimmt. Sie sehen die Angst in den Augen ihrer Eltern. Wenn die Eltern sie in so einer Situation anlügen - spüren Kinder auch die Lüge. Und entziehen schlimmstenfalls den Eltern ihr Vertrauen." Deshalb sei es wichtig, mit todkranken Kindern offen zu reden - aber nicht schonungslos. "Wie viel Wahrheit will das Kind jetzt hören? Man sollte das Kind immer da abholen, wo es sich selbst gerade befindet und auf dieser Ebene mit ihm reden. Behutsam!" Auf Krebs-Stationen gibt es Fünfjährige, die über ihren nahen Tod sprechen wollen, es gibt Kinder, die das nicht wollen oder können. Beides muss man respektieren.

Genauso muss man aber auch respektieren, dass auch ein todkrankes Kind - ein Kind ist. Ein Kind, das Freunde haben will, das seinen Geburtstag feiern will und auch mal Lust auf einen Ausflug in den Zoo hat. "Nur noch in Watte gepackt zu werden, darauf hat kein Kind Lust. Im Rahmen des Möglichen muss man ein normales Leben führen. Den ganzen Tag nur Trauer und Wut, das halten ja auch die Eltern nicht durch", sagt die Expertin.

Trauer ist keine Krankheit

Irgendwann bleibt ein Platz am Abendbrottisch für immer frei. Vielleicht hat ein Unfall das Kind aus dem Leben gerissen, vielleicht eine lange Krankheit. Vielleicht führte es schon längst ein eigenes Leben, vielleicht hat es noch Geschwister, die zur Schule gehen. Sicher bleiben Eltern zurück, die trauern. Eltern, die den Tod ihres Kindes miterleben mussten. Eltern, die mit den tiefsten Gefühlen, die ein Mensch haben kann, konfrontiert werden.

"In dieser Situation können sich Eltern Hilfe von außen holen", sagt Droste. Eine Therapie helfe manchen, sei aber nicht unbedingt nötig: Trauer sei keine Krankheit, Eltern seien oft in der Lage, diese starken Gefühle allein auszuhalten. Aber jeder habe seinen eigenen Weg. Mütter formulieren liebevolle Traueranzeigen, Väter schreinern die Särge für ihre Kinder. Manche Väter weinen, andere gehen auf eine Bergtour und kommen dort vielleicht mit dem Freund ins Gespräch. Viele Frauen suchen die Selbsterfahrung. Ganz wichtig sei allerdings, die Trauer zuzulassen - auf die individuell richtige Art. Und auf die individuell richtige Dauer. "Der Spruch von dem einen Jahreslauf, nach dem die Trauer zu Ende sei - ist sehr gefährlich", diese Erfahrung hat Droste gemacht, denn er versuche, die Eltern unter Druck zu setzen im Sinne von: "Jetzt wird es aber Zeit, dass ihr wieder ins normale Leben zurückkehrt." Jede Mutter, jeder Vater brauche seine Zeit, um über den Verlust hinwegzukommen. Und diese Zeit - muss auch das Umfeld ihnen lassen.

Unterstützende Begleitung ist wichtig

Viele verwaiste Eltern vereinsamen. Ihr soziales Umfeld wird kleiner. "Da gibt es die Nachbarin, die plötzlich nicht mehr auf einen Tratsch stehen bleibt, weil sie nicht weiß, wie sie mit dem Thema umgehen soll. Oder die beste Freundin, die Angst hat, Wunden aufzureißen und die Familie deshalb lieber in Ruhe lässt. Das macht den Eltern die Trauer schwer." Angehörige, Freunde und Bekannte sollten stattdessen immer signalisieren: Wir stehen euch bei, wir begleiten euch, mit uns könnt ihr reden, wir hören euch zu. Und wir gestehen euch euer Tempo, eure Art des Abschiednehmens zu. Vielen Eltern schließen sich auch einer Selbsthilfegruppe an - in Deutschland die bekannteste: "Verwaiste Eltern" (www.deutscher-kinderhospizverein.de). Aus dem Austausch mit anderen in ähnlicher Situation schöpfen sie Kraft, ihren eigenen Weg der Trauer zu gehen. Auch der Deutscher Kinderhospizverein (www.deutscher-kinderhospizverein.de) bietet begleitende Seminare an.

Wenn auch nach dem fünften Todestag das Kinderzimmer noch unverändert bleibt, braucht das die Mutter eben genau so. Niemand sollte sich hier, so die Expertin, ein Urteil anmaßen oder mit guten Ratschlägen versuchen, zu helfen. Es gehe darum, zu begleiten, nicht zu führen: "Je mehr unterstützende Begleitung die Eltern spüren, desto leichter können sie vielleicht loslassen." Vielen Eltern hilft es auch, mit Ritualen die Erinnerung an das gestorbene Kind aufrechtzuerhalten, indem sie zum Beispiel am Geburtstag des Kindes einen besonders schönen Blumenstrauß ins ehemalige Kinderzimmer oder ans Grab stellen.

Nicht nur die Eltern verlieren einen geliebten Menschen - häufig gibt es ja auch noch Geschwister, die plötzlich ohne Schwester, ohne Bruder leben müssen. Auch sie dürfen in ihrer Verzweiflung nicht alleine gelassen werden. Oft rückt die Familie nach dem Tod eines Kindes enger zusammen, zieht sich für eine Weile zurück, trauert gemeinsam. Doch für die verwaisten Geschwister muss das Leben weitergehen. "Manchmal hören wir, dass die Lehrer in der Schule gar nicht wissen, dass das Kind ein Geschwister verloren hat", sagt Droste. Doch gerade das Umfeld der Kinder müsse miteinbezogen werden - und unterstützende Hilfe geben. Das Thema Tod und Trauer solle auch im Unterricht aufgegriffen werden, damit das Kind Gelegenheit hat, darüber zu sprechen. Die Signale des Kindes müssen auch hier gehört werden: Braucht es vielleicht Hilfe, eine Bezugsperson noch außerhalb der Familie? Außerdem sollte es nicht noch zusätzlich Druck bekommen, wenn die Noten schlechter werden: Wenn die Lehrer nicht Bescheid wissen, werden sie einen Leistungsabfall vielleicht als Lernverweigerung deuten - und sehen nicht, dass das Kind trauert. Um einen geliebten Menschen, der ihm viel zu früh genommen wurde.

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