Mehr Demokratie an deutschen Schulen: Marina Weisband startet Projekt 'aula'

Schule
Schüler ab der fünften Klasse bis zum Abitur sollen ihr schulisches Umfeld aktiv mitgestalten. © dpa, Marijan Murat

"Schüler sollen Dinge positiv verändern, nicht nur meckern"

"Viele haben das Gefühl, Politik kann gar nicht mehr aktiv etwas bewirken oder ist durchgehend korrupt", sagt Marina Weisband. Die Diagnose der Ex-Piratin ist deutlich an Polemik, Fremdenfeindlichkeit und Populismus ablesbar: Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig. Sie haben nicht gelernt, ihre eigene Umgebung mitzugestalten. Klar, dass dabei auch das tiefgreifende Verständnis für Politik und Gesellschaft auf der Strecke bleibt. Weisband will das ändern. Dazu hat sie ein Projekt ins Leben gerufen, das den Menschen helfen soll, ihre Rolle in der Gesellschaft zu definieren. Und das beginnt in der Schule.

Von Elisabeth Maifeld

Mitbestimmung. Das ist der Schlüsselbegriff für das Projekt 'aula – Schule gemeinsam gestalten'. Ab diesem Sommer können Schüler von der fünften Klasse bis zum Abitur an vier Projekt-Schulen erfahren was es heißt, Demokratie zu leben. "Ich möchte Schülern ermöglichen, zu begreifen, dass sie Macht haben, Dinge positiv zu verändern und nicht nur zu pöbeln und zu meckern", erklärt Weisband mit Blick auf die Verantwortung, die die Schüler gleichzeitig übernehmen.

Bei 'aula' gestalten die Schüler ihr eigenes Umfeld. Sie sammeln und diskutieren ihre Wünsche und Vorschläge auf einer schulinternen Online-Plattform. Anschließend setzen sie nach einem Mehrheitssystem die populärsten Vorschläge eigenverantwortlich um. Dabei ziehen alle am gleichen Strang: Auch die Lehrer, Schulleitung und Elternvertreter sind durch einen Rahmenvertrag verpflichtet, die Umsetzung der Ideen zu unterstützen. "Am Ende muss es eine spürbare Veränderung geben", betont Weisband. Kompetenzen wie argumentieren, Kompromisse schließen, taktisch abstimmen und wählen werden quasi nebenbei durch das Projekt erlernt. Und die Schüler sind nicht mehr nur "Konsumenten", wie Weisband bewusst macht, sondern sie werden zu "aktiven Gestaltern".

"Toiletten sind an deutschen Schulen ein Politikum"

Schule in Freiburg
'aula'-Projektleiterin Marina Weisband ist zu Besuch in der Pestalozzi Realschule in Freiburg. Hier stellt sie Schülern und Lehrern ihr Pilotprojekt vor. (Foto: Marina Weisband)

Noch vor der eigentlichen Pilotphase hat sich Projektleiterin Weisband an zwei Schulen in Berlin und Münster umgehört, was die Teenager bewegt. Dabei gab es die eine oder andere Überraschung. "Wenn Schüler konkret angesprochen werden, was sie verändern wollen, dann ist die erste Antwort stets konservativ: saubere Toiletten mit mehr Toilettenpapier. Oder dass sie in der Pause drinnen bleiben möchten", sagt sie. Sobald man allerdings kreativ mit ihnen arbeite, reflektierten sie ihre Wünsche – einfachste Übungen wie Gedankenspiele genügten: "Einige sagten beispielsweise, sie wollten ihre Schulturnhalle Flüchtlingen zur Verfügung stellen."

In der ersten, 'wilden' Phase ist noch jede Idee erlaubt, doch später zählen Mehrheiten. Jeder Schüler hat eine Stimme, diese darf er auch an einen anderen Schüler übertragen. Das ist wie im richtigen Leben – erst bei der Klassensprecherwahl, später bei der Parlamentswahl. Besonders wichtig sei, so Weisband, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Fähigkeiten reflektieren. Außerdem verdeutliche es die Verantwortung, wenn die eigene Stimme auf einen Dritten übertragen wird. Weil die Stimme jederzeit zurückgefordert werden und jeder Teilnehmer sich immer auch direkt für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse einsetzen kann, sei diese Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie "eine Art Einstiegsdroge" für demokratische Teilhabe, findet Weisband und verweist damit auch auf ihre Erfahrungen in der Parteiarbeit.

Das Prinzip der sogenannten 'liquid democracy', der Übertragbarkeit von Stimmen beim Votum über einzelne Themen, funktioniere problemlos mit allen Altersgruppen. "Das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Stimme, die ich delegiere, ist wichtig. Das entspricht ja der Partei, die ich später wähle", so Weisband. Schließlich bereite das Projekt, das auch von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt wird, die Schüler konkret auf ihre Rolle in der Demokratie vor. Dort würde eher selten Sachkompetenz in Frage gestellt. Es gehe eher um die urpolitischen Fragen: Wem vertraue ich? Wen halte ich für kompetent?

Aktuell melden sich für das 'aula'-Projekt vermehrt Schulen mit hohem Ausländeranteil. Projektleiterin Weisband ist es aber wichtig, dass alle Schulformen und jedes Bundesland abgedeckt sind, "damit niemand später sagen kann, das funktioniert bei uns nicht". Die Pilotphase startet zum Schuljahr 2016/17, später sollen alle Begleitmaterialien – von der Online-Plattform bis hin zu dem Begleitheft mit genauen Anleitungen und didaktischen Anregungen – bundesweit für alle Schulen frei zugänglich sein. Ganz nach dem Motto: "Jede Stimme wird gehört". Denn jeder kann eigene Entscheidungen treffen und dabei Demokratie praktisch erlernen.

Anzeige