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Mediziner warnen vor Hüftdysplasie: Ist Pucken wirklich schädlich?

Glückliches Baby in einer rosa Decke eingewickelt.
Glückliches Baby: In der rosa Decke eingepuckt, sieht es ganz zufrieden aus. © Getty Images/iStockphoto, Mikolette

Hüftdysplasie bei Babys: Ist das Pucken schuld?

Plötzlich in der großen, kalten, freien Welt. Nach neun Monaten in Mamas Bauch muss es ein überwältigendes und zugleich auch ein erschreckendes Gefühl für das Neugeborene sein. Plötzlich kann es sich strecken und recken, in einer völlig neuen Umgebung. Das kann Babys auch schnell überfordern. Daher werden die Kleinen schon seit langer Zeit, in vielen Kulturkreisen, gepuckt. Jetzt warnen Mediziner, dass Pucken schädlich für das Baby ist. Kann das wirklich sein?

Pucken nennt man die Technik, bei der das Baby in ein Tuch eingewickelt wird. Die Kleinen sollen besser schlafen können, indem so die Sicherheit und Wärme der Gebärmutter nachempfunden wird. Durch eine eng umwickelte Decke fühlt sich das Baby geborgen.

Die ‘Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin‘ (Degum) warnt in einer aktuellen Pressemitteilung, Pucken beeinträchtige das natürliche Reifen der Hüfte von Säuglingen. “Beim klassischen Pucken werden die Beine in Streck­stellung aneinander gebunden“, erläutert Tamara Seidl von der Degum. Folge dessen kann eine Hüftdysplasie sein: Gelenkkopf und -pfanne passen dann nicht aufeinander.

Eine sekundäre Dysplasie, also eine Hüftfehlstellung, die nicht angeboren, sondern durch falsches Pucken entsteht, ist viel schwieriger zu therapieren. Einer angeborenen Dysplasie kann durch das Tragen von Spreizhosen entgegen gewirkt werden. Bei einer späteren Fehlstellung hilft oft nur noch eine Operation.

Stiftung Warentest: "Keine klaren Belege"

Stiftung Warentest kritisiert die Mitteilungen der ‘Degum‘, denn es mangele an eindeutigen Beweisen. Studien würden keineswegs die Theorie der Medizin belegen, dass eine später auftretende Dysplasie durch Pucken entsteht. Für das Aufkommen einer Hüftfehlstellung seien mehrere Faktoren verantwortlich:

- als Mädchen auf die Welt kommen (denn Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen)

- das zweitgeborene Kind zu sein

- die Geburt in einem ländlichen Krankenhaus

Die Expertinnen in der Praxis wissen: Pucken ist nicht falsch, wenn’s richtig gemacht wird

Hebammen lernen das richtige Pucken innerhalb ihrer Ausbildung. Die Hebamme Christiane Schwarz erläutert, dass das klassische, straffe Pucken hierzulande nicht gelehrt wird. “Es gibt zwei Techniken: mit und ohne eingewickelte Arme. Das Tuch oder die Decke wird locker um die Hüfte gelegt, damit die Kinder die Beine anhocken können. Pucken sollte niemals etwas Gewaltsames, sondern etwas Liebevolles sein. Mütter sollten den gesunden Menschenverstand anwenden und einfach gucken, wie es ihrem Kind damit geht“. Richtig angewandt ist das Pucken also unproblematisch. Und die Hebamme weiß aus Erfahrung: Mütter pucken ihr Kind eher zu locker als zu eng.

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