Medikamententests in Indien: Skandal um illegale Studien

Medikamententests in Indien: Skandal um illegale Studien
© dpa, Divyakant Solanki

Medikamententests in Indien beuten Arme aus

Ein Säugling bekommt eine Schutzimpfung. Kurz darauf wird er todkrank. Was die Mutter nicht wusste: An ihrem Baby wurde ein Medikament getestet. Ein trauriges Einzelschicksal? Nein, denn in Indien haben diese grausamen Menschenversuche angeblich Methode. Knapp 2.000 Menschen starben in den letzten Jahren, weil Pharmakonzerne sie als Probanden missbraucht haben sollen. Ein Riesenskandal, an dem wir alle angeblich mit Schuld haben.

Von Dagmar Baumgarten

Auch deutsche Konzerne sollen sich in Schwellenländern Menschen als Versuchsobjekte für Medikamenten-Studien suchen, die nicht richtig lesen können, und gar nicht wissen, welcher Gefahr sie sich aussetzen. Und der Grund ist angeblich, dass die Verbraucher ja nach immer billigeren Medikamenten schreien, berichten NEON-Reporter. Und weil der Forschungsaufwand ja so viel kostet, werden Nischen gesucht.

Besonders perfide und grausam wird es, wenn man nicht nur die Unwissenheit, sondern auch die Hoffnung der Menschen ausnutzt. Das hat die Firma 'Pfizer' in Nigeria gemacht. Bei einer Meningitis-Epidemie starben vor 16 Jahren mehrere tausend Menschen. Viele versuchten zu helfen. Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" flogen dorthin, um den Erkrankten zu helfen. Auch 'Pfizer' schickte ein paar Mitarbeiter in die Region, um die Kinder, die an der Hirnhautentzündung erkrankt waren, zu behandeln. Hört sich wie "Pharma ohne Grenzen" an. Und grenzenlos scheint deren Skrupellosigkeit auch gewesen zu sein. Denn sie sahen in den hilfsbedürftigen Kindern geeignete Studienobjekte, an denen sie ihr nicht zugelassenes Antibiotikum Trovan testen konnten. Von diesem Medikament versprachen sie sich jährliche Gewinne von über einer Milliarde US-Dollar!

Medikamententests in Indien bringen Geld

Drei Wochen lang führten sie die Studien durch, dann reisten sie ab. In dieser Zeit waren bereits elf der 200 behandelten Kinder gestorben. Viele andere erlitten lebenslange Schäden. Pfizer konnte im Nachhinein nicht nachweisen, dass die Eltern wirklich diesen Medikamentenversuchen zugestimmt haben. Sie wurden nicht darüber aufgeklärt, dass dies kein sicheres Medikament ist, was ihren Kindern hilft, sondern dass die jungen Patienten Pillen bekommen, von denen man erst noch sehen musste, was sie genau für eine Wirkung, und vor allem was sie für Nebenwirkungen haben können. Das Medikament Trovan ist übrigens auch heute nicht im Handel erhältlich.

Das bevorzugte Land für solche Menschenversuche ist heute ein Anderes - das Motiv bleibt dasselbe: Geld! Die pharmazeutische Industrie gehört zu den umsatzstärksten Industrien der Welt. Neue Medikamente versprechen Milliardengewinne. Aber neue Medikamente müssen getestet werden. Normalerweise aufwändig und langwierig. Und da erliegen angeblich immer wieder einige, auch namhafte Firmen der Versuchung, die Versuche für sich zu vereinfachen. Besonders verlockend ist dafür Indien. Wegen der niedrigen Kosten, der großen Masse an ProbandInnen und der laxen Aufsicht, stieg die Zahl der Studien in Indien in den vergangenen Jahren drastisch an. Im vergangenen Jahr wurden dort fast 2.000 Tests gemeldet. Die Testpersonen sind überwiegend extrem arm und analphabetisch; in vielen Fällen werden Einverständniserklärungen von Dritten unterzeichnet.

Offiziell wurden im vergangenen Jahr 22 Fälle tödlicher Nebenwirkungen bestätigt, darunter vier bei Studien für das Thrombosemittel Xarelto von 'Bayer'. Da die Daten auf Angaben der Pharmafirmen basieren und keine unabhängigen Kontrollen durchgeführt werden, dürften die tatsächlichen Zahlen weit höher liegen. Ist das der hohe Preis, den andere, ärmere Länder für unsere Gesundheit zahlen müssen? Das wird nämlich gerne von den Konzernen suggeriert. Aber ist es nicht vielmehr so, dass die Gier über das Gewissen siegt? Denn es handelt sich hier wie gesagt um ein Milliardengeschäft. Schwer vorstellbar, dass man da den Forschungsetat nicht so weit aufstocken könnte, dass man auf andere Mittel als Menschenversuche mit unwissenden Probanden zurückgreifen muss.

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