Mammographie in der Kritik: Zu viele falsche Befunde schüren unnötige Angst

21.07.14 13:47
Mammographie: Screening zur Brustkrebsvorsorge in der Kritik
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Größtes Problem der Mammographie: Überdiagnosen

Pro Jahr unterziehen sich in Deutschland 2,7 Millionen Frauen einer Mammographie. Brustkrebs soll dadurch früh erkannt werden. Die Untersuchung gerät jedoch immer mehr in die Kritik, Forscher gehen inzwischen davon aus, dass viele Frauen eine nicht gerechtfertigte Brustkrebs-Diagnose erhalten.

Von Christiane Mitatselis

Seit 2002 haben in Deutschland krankenversicherte Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf eine Mammografie. Es handelt sich um eine Röntgenuntersuchung der Brust, durch die Karzinome, also Krebsgeschwüre, so früh entdeckt werden sollen, dass die Aussichten auf vollständige Heilung groß sind. Die Krankenkassen geben pro Jahr 220 Millionen Euro für diese Untersuchungen aus.

Maßgeblich beteiligt an der Einführung dieses Programms war der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Selbst er ist inzwischen skeptisch. "Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz eher gegen das Screening", sagte er dem 'Spiegel'. Umstritten ist auch ein Informationsblatt, das Frauen der besagten Altersgruppe erhalten. Es sei ungenau und schwer verständlich ist, monieren die Kritiker. Es werde der Eindruck erweckt, die Mammografie sei eine vorbeugende Untersuchung, dabei gehe es um Früherkennung, also nicht um Vermeidung einer Krankheit.

Das größte Problem der Mammographie scheinen aber die so genannten Überdiagnosen zu sein. "Das Screening erkennt Tumore zu einem Zeitpunkt, an dem Ärzte deren Gefährlichkeit noch gar nicht einschätzen können", sagte Ingrid Mühlhauser, Hamburger Professorin für Gesundheitsforschung, im Interview mit der 'Brigitte'. "Auch winzige Verkalkungen führen mitunter zu Verdachtsbefunden, die unnötig Angst schüren und die Frauen psychisch belasten." Fünf bis zehn von hundert Frauen bekämen einen Verdachtsbefund, der weiter abgeklärt werden müsse. Oft stelle sich heraus, dass kein Brustkrebs vorliegt.

Im schlimmsten Fall wird der falsche Befund gar nicht aufgedeckt, das heißt: Eine gesunde Frau muss sich der Tortur einer Krebsbehandlung unterziehen – mit Chemotherapie und so weiter.

Screenings sind vor allem für Ärzte lukrativ

Wieder einmal zeigt sich, dass man auf keinen Fall alles tun sollte, was der Arzt empfiehlt – vor allem, wenn es sich um Behandlungen handelt, die lukrativ sind. Lange Zeit verschrieben Ärzte Frauen ab 40 Jahren bedenkenlos Hormontabletten, sie sollten Wechseljahrbeschwerden lindern – ohne Nebenwirkungen, versteht sich. Anfang des 21. Jahrhunderts gab es dann Studien, die zeigten, dass die Hormontabletten gefährlich sind, da sie das Schlaganfall-, Herzinfarkt-, Brustkrebs- und Thrombose-Risiko steigern.

Überhaupt werden in unserem Gesundheitssystem viele Menschen unnötig mit Pillen behandelt. Die Normalwerte für Blutzucker, Cholesterin und Blutdruck sind in den letzten Jahren von den Fachgesellschaften abgesenkt worden, so dass die Ärzte ihren Patienten mehr Pillen verordnen können. Die Pharmaindustrie versteht es, ihre Interessen durchzusetzen, ihre Lobbys sind stark. Unser Gesundheitssystem ist nicht unabhängig, es geht viel zu oft um Geld und Gewinne.

Patienten bleibt nichts anderes übrig, als diese Realität zu akzeptieren, kritisch zu sein und im Zweifelsfall verschiedene Meinungen einzuholen. Seit es das Internet gibt, ist das einfacher geworden. Einen guten, verantwortungsvollen Arzt erkennt man daran, dass er bereit ist, mit dem Patienten ausführlich über alle Facetten einer Behandlung zu sprechen. Tut ein Mediziner das nicht, blockt er Fragen womöglich mit dem Hinweis ab, dass er der Arzt sei und mehr wisse, so sollte man sofort flüchten – der Gesundheit zuliebe.

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