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Magersucht und Sport: Erst schlank, dann krank

Sport und Magersucht
Magersucht und Sport: Zu hohe Leistungsorientierung kann dem Körper auch schaden © Randy Plett

Exzessiver Sport führt bei Vielen zu Essstörungen

Sie sind diszipliniert, kämpferisch, erfolgreich - und sie sind schlank, sehr schlank sogar. Gerade die Leichtathletinnen aus den Lauf- und Sprungdisziplinen lassen viele Frauen vor Neid erblassen: Sehnige Körper, hübsche Gesichter, lange, schlanke Beine und ein fester, flacher Bauch. Viel Training steckt in diesen Körpern - und ein eiserner Kampf gegen sich selbst.

Von Nora Hespers

Ein solcher Athletenkörper ist ein absolutes Ideal, bei dessen Anblick sich selbst normal Schlanke wie ein aufgedunsenes Puddingteilchen fühlen. Und schnell drängt sich die Frage auf: Kann man auf normalem Weg so dünn werden? Ein Beispiel ist die deutsche Hochspringerin Ariane Friedrich. Ihr Wettkampfgewicht gibt sie mit 57 Kilo bei einer Körpergröße von 1,79 m an. Um fernab jeder Diskussion um Ess-Störungen eines von vorn herein klarzustellen: Ariane Friedrich hat - medizinisch gesehen - Untergewicht. Denn der normale BMI (Body Mass Index) für eine 25-Jährige liegt bei 20 – 25. Um den zu erreichen, müsste die Athletin satte sieben Kilo zunehmen.

Die aufgekommene Diskussion um eine mögliche Ess-Störung versucht die Spitzenathletin auf ihrer Homepage im Keim zu ersticken. Und da ohne Beweise niemand anzuklagen ist, sollten wir es auch dabei belassen. Das Thema aber bleibt: Gerade unter Sportlerinnen sind Ess-Störungen wie Bulimie und Magersucht weit verbreitet. So gibt es Schätzungen, dass 25 Prozent aller Leistungssportlerinnen an einer Form von Ess-Störung leiden. In Sportarten mit hohem ästhetischem Anspruch an den Körper – wie beispielsweise Ballett, Leistungsturnen und Rhythmische Sportgymnastik – kann der Anteil auf 60 Prozent steigen. Dabei wird eine mögliche Erkrankung oft verharmlost.

Bewusstes vs. zwanghaftes Essverhalten

In jeder Sportart, in der ein geringeres Körpergewicht einen Leistungsvorteil verspricht, ist das Thema Ernährung ein wahrer Drahtseilakt. Nicht immer gehen alle Beteiligten sensibel damit um. Am allerwenigsten die Sportler selbst. Dabei ist es ganz egal, ob man sich im Spitzensport oder im ganz normalen Breitensport bewegt. Wer ein Ziel hat und genügend Ehrgeiz, der wird versuchen, das Beste aus sich herauszuholen. Und dann ist es unwichtig, ob es sich um die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen handelt oder um die neue persönliche Bestzeit beim nächsten heimischen Straßenlauf. Jeder Hobbysportler weiß, dass Ernährung und Leistung ganz eng miteinander verknüpft sind. Wer kann, wird versuchen, an eben dieser Stellschraube zu drehen.

Anorexia athletica: "Harmlose" Magersucht?

Waage
Wenn der Gang zur Waage zur Sucht wird © Kzenon - Fotolia

Es ergibt sich also zwangsläufig, dass Sportler sich mit dem Thema Ernährung stärker auseinandersetzen als viele andere Menschen. Wichtig dabei ist, die Balance zwischen einem bewussten und einem zwanghaften Essverhalten zu halten. Doch das gelingt Sportlern nicht immer: Die erfolgreiche Gewichtsabnahme und die damit verbundene Leistungssteigerung werden stattdessen noch gefördert. Das kann durch das Lob von Trainern und anderen wichtigen Bezugspersonen sein. Aber auch durch einen Trainer gesetzte Gewichtsgrenzen: „Ich nehme dich nur mit zum Wettkampf, wenn du nicht mehr als xy Kilo wiegst.“

Für die sportbedingte Form der Magersucht gibt es sogar einen eigenen Namen: Die Anorexia athletica. Im Gegensatz zur Anorexia nervosa, die in der Hauptsache bei jungen Mädchen im Teenageralter diagnostiziert wird, gilt die Anorexia athletica nicht als eigenständige Krankheit. Immerhin wird aber eingestanden, dass sie eine Art Vorstufe zur Anorexia nervosa sein kann.  Der Unterschied der beiden Magersuchtsformen ist ihr Ursprung. Während die eine auf psychische Probleme zurückzuführen ist, hat die andere ihren Beginn in dem Wunsch, abzunehmen um eine bessere sportliche Leistung zu erzielen. Aber auch Ehrgeiz kann krankhafte Züge annehmen. Gepaart mit einer Ess-Störung eine tödliche Kombination.

Ess-Störungen: Ein zermürbender Kampf

Magersucht
Essstörungen können im schlimmsten Fall tödlich enden © picture-alliance/ dpa, Abaca Motte 132646

Der Weg zurück zu einem normalen Essverhalten ist hart. Denn selbst wenn Magersucht und Bulimie nicht tödlich enden, sind oft bleibende Schäden zu befürchten. Gerade Frauen leiden massiv unter den Langzeitfolgen.

Unterernährung in der Pubertät führt zu einer Verzögerung der körperlichen Entwicklung. Der Hormonhaushalt wird empfindlich gestört. Dadurch bleibt nicht nur die Menstruation aus. Auch wichtige, hormongesteuerte Stoffwechselvorgänge können nicht stattfinden. Dazu gehört der durch Östrogenmangel bedingte Abbau von Kalzium in den Knochen. Was viele Frauen erst in nach den Wechseljahren fürchten müssen, trifft hier schon junge Mädchen: Osteoporose. Die mangelnde Stabilität der Knochen führt in Kombination mit der hohen Beanspruchung durch den Sport zu Ermüdungsbrüchen. Auch die nervliche Belastungsfähigkeit wird durch Mangelernährung beeinträchtigt. Das im Sport so wichtige Verarbeiten von Niederlagen und Rückschlägen kann nicht mehr bewältigt werden. Depressionen sind die Folge.

Wie erkenne ich ein gestörtes Essverhalten?

Nicht jeder, der Sport treibt, ist automatisch gefährdet, magersüchtig zu werden. Trotzdem sollten Sie sich genau beobachten. Fragen Sie sich, wie viel eine Gewichtsabnahme an Leistungsgewinn bringen könnte. Lassen Sie sich unbedingt von einem Arzt untersuchen und vermeiden Sie einseitige Ernährung aus Angst vor Kalorien. Der Körper eines erwachsenen Menschen setzt am Tag durchschnittlich 1.800 kcal (bei Frauen, bei Männern sind es 2.000 kcal) um. Wer Sport treibt, braucht entsprechend mehr. Machen Sie sich bewusst, dass nicht jedes Gramm weniger einen Effekt auf die Leistungsfähigkeit hat. Hungern Sie nicht. Essen Sie stattdessen vollwertige Nahrungsmittel. Am besten arbeiten Sie zusammen mit einem dafür ausgebildeten Trainer oder Sporternährungsberater einen Ernährungsplan aus.

Wenn Sie aber bemerken, dass sich Ihr gesamtes Denken nur noch um Essen und Kalorien dreht, ist das ein deutliches Zeichen für eine beginnende oder vorhandene Ess-Störung. Auch zwanghaftes Verhalten, um kleine Sünden des Alltags zu vermeiden oder durch Sport „wieder gut zu machen“ ist ein eindeutiges Signal. Können Sie derartige Verhaltensmuster bei sich entdecken, sollten Sie einen Arzt zu Rate ziehen. Kein Titel, keine Bestzeit und keine Medaille dieser Welt sind es wert, für sie zu sterben.

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