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Männer und Gefühle: Draußen Indianer, im Stadion Mädchen

Männer und Gefühle: Draußen Indianer, im Stadion Mädchen
Im Stadion verstecken Männer ihre Emotionen nicht, im Leben aber schon - warum? © dpa, Malte Christians

Studie zeigt: Männer sind viel emotionaler als Frauen

Wenn es einen tiefen See der Tränen gibt, dann plätschert der zurzeit in Brasilien. Dass Cristiano Ronaldo weint, damit hat man ja gerechnet. Der Portugiese bricht ja gerne und häufig in Tränen aus - egal, ob seine Mannschaft nun ein Spiel verliert oder er den Ballon d‘Or gewinnt. Aber auch andere Spieler zeigen Emotionen – bei der Hymne (Neymar), aus Stolz, es zur WM geschafft zu haben (Geoffroy Serey Dié), bei der Niederlage (zuviele, um sie zu nennen), aber auch beim Sieg - unvergessen die Tränen von Luis Suarez und von John Anthony Brooks, der den Sieg der US-Boys schluchzend an der Schulter eines Teamkollegen verarbeitete. Dazu kommen die heißen Tränen der Fans. Wenn man das alles so auf sich wirken lässt, könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass Männer weitaus emotionaler sind als Frauen. Und wenn man der Wissenschaft glauben darf, ist das auch so. Sogar außerhalb der Arenen.

Von Ursula Willimsky

Einziger Unterschied zwischen Fußball-Ausnahmezustand und echtem Leben: Im Stadion zeigen die Kerle ihre Emotionen. Im Alltag haben sie sie nur. Diese Erkenntnis verdanken wir einer neuen britischen Studie, die nachweist, dass Männer die wahren Gefühlsdusel sind. Zeig ihnen einen rührseligen Film – und schon werden sie hoffnungslos von Emotionen übermannt.

Die Versuchsanordnung war übersichtlich: 15 Vätern und 15 Müttern wurden Filme aus den Kategorien glücksgeschwängert, lustig, aufregend und herzerwärmend gezeigt. Weil man nicht auf Tränen warten wollte, bekamen die Probanden Sensoren an die Finger, die ihre physiologischen Reaktionen maßen. Männer und Frauen reagierten gleich – nur nicht beim super-sentimentalen Film (ein Soldat kommt nach dem Krieg nach Hause und schließt seine Tochter in die Arme): Da schnellten die Werte der Männer doppelt so hoch wie bei den Frauen. Kleine Anekdote am Rande: Bei der anschließenden Befragung wollte keiner der Männer zugeben, dass ihm der Film so richtig nahe ging. Nur die Frauen sprachen von ihren großen – oder wie wir ja jetzt wissen, vielleicht doch nicht so großen – Gefühlen.

"Draußen" werden die Gefühle aber meistens versteckt

Ja. Wieso nur ist das so? Wieso gibt’s draußen im Leben so viele Indianer, und drinnen im Stadion so viele Mädchen? Wieso scheuen sich so viele Männer davor, wie Ronaldo auch ihre weiche Seite zu zeigen? Der wurde schon als kleiner Junge von den Teamkameraden als Heulsuse getriezt, ist aber auch als Vollprofi seinem Semisoftie-Image treu geblieben und bekommt glasige Augen, wenn er einen Elfmeter verschießt.

Seine Heulquote liegt vermutlich deutlich über dem deutschen Durchschnitt. Hierzulande weint ein Mann 6- bis 17-Mal im Jahr, die Frauen bringen es auf 30- bis 64-Mal. Und die schluchzen auch noch, was die Herren in der Regel vermeiden. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (also die Gesellschaft für Augenheilkunde) fand zudem heraus, dass Frauen am ehesten weinen, wenn sie sich unzulänglich fühlen oder vor schwer lösbaren Konflikten stehen. Männer dagegen weinen aus Mitgefühl oder wenn die eigene Beziehung gescheitert ist. Das erklärt viel, aber nicht, weshalb sie fast nur im Fußballstadion mal so richtig die Tränen raus lassen.

Dem Fußball wird ja gerne nachgesagt, dass er Emotionen weckt. Aber möglicherweise verhält es sich einen Hauch anders: Die Emotionen sind schon da und lauern wie ein Tiger im Zoo darauf, endlich aus dem Gitterkäfig ausbrechen zu können. Und wenn dann der Müller ein Tor schießt – dann öffnet der innere Tränenwärter das Türchen, beziehungsweise die Schleuse.

Vielleicht macht es der Schutz der Masse: Wo man auch einfach mal so den Tribünennachbarn umarmen darf, kann man auch getrost und hemmungslos Gefühle zeigen. Vor allem, wenn unten auf dem Rasen und nebenan auf den Schalen viele, viele Männer es genauso machen. Wenn man so darüber nachdenkt, könnte das sogar ein wunderbarer neuer Erziehungsansatz werden für all die, die zu Hause aus einem ruppigen Teenager einen „neuen Mann“ formen wollen: „Junge, jetzt reiß dich mal zusammen und benimm dich wie ein knallharter Fußball-Profi! Komm zu Mama und heul dich mal so richtig aus!“ Mit einem schicken Namen – „Das Ronaldo-Prinzip in der modernen Erziehung“ oder so – könnte das funktionieren.

Allerdings muss man damit früh anfangen: Wenn Hänschen nicht weint, weint Hans nimmermehr. Mit 13 ist nämlich für gewöhnlich Schluss mit Heulen. Von oben zitierten Augenärzten wissen wir, dass Jungs bis zu diesem Alter genauso oft schniefen und schluchzen wie Mädchen. Erst danach machen sie ihre Tränenkanäle dicht und wollen nicht mehr so recht zeigen, dass und welche Emotionen sie haben.

Bis auf wenige Ausnahme-Situationen natürlich. Die nächste könnte für uns am Donnerstag kommen: Ein paar männliche Freudentränen, die aufs weiße Trikot kullern, würden wir bei der Gelegenheit alle gerne sehen.

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