Lügen, Schummeln oder die Wahrheit sagen: Wie ehrlich sollen wir sein?

Notlügen
Was darf man sagen? Was nicht? © picture alliance / Bildagentur-o

Lügen tun nicht immer weh

Jeder Mensch, der mit anderen in Verbindung steht, lügt. Und zwar täglich. Es fängt schon damit an, dass man die Frage "Wie geht’s“ mit "gut!“ beantwortet, obwohl man sich in Wahrheit deprimiert ist. Oder dass man so tut, als freue man sich über ein Geschenk, mit dem in Wirklichkeit überhaupt nichts anfangen kann. Wieviel Ehrlichkeit ist sozial verträglich? Wann sind Lügen erlaubt, und wann werden sie zum Problem?

Von Christiane Mitatselis

Währt ehrlich am längsten, wie es in einem Sprichwort heißt? Und haben Lügen kurze Beine? Oder ist der Ehrliche doch eher der Dumme? Die Antwort findet sich in der Mitte. In unzähligen soziologischen und psychologischen Studien ist gezeigt worden, dass Menschen im sozialen Gefüge ohne Lügen nicht auskommen. Die Angaben über die tägliche Lügen-Häufigkeit schwanken zwischen 50 bis 100. Australische Forscher haben gerade die am häufigsten gebrauchten Lügen zusammengestellt – getrennt nach Männern und Frauen.

In beiden Fällen führt die Floskel "I am fine“ (Mir geht’s gut) die Liste an. Wozu auch hier die Wahrheit sagen? Man will Arbeitskollegen oder sonstige flüchtige Bekannte nicht mit Problemen konfrontieren, mit denen sie nichts zu tun haben. Umgekehrt verhält es sich genauso. Auf die Frage "wie geht’s“, möchte man nicht hören: "Schlecht, denn mein Mann geht fremd, meine Kinder nerven und außerdem habe ich schon wieder mein Konto überzogen.“ Derart intime Probleme bespricht man mit engen Freunden und bindet sie nicht Unbeteiligten auf die Nase. Ein "alles okay“ ist hier keine böse Lüge, sondern eine Form der Höflichkeit und Rücksichtnahme.

Notlügen: Uneigennützigen Schummeleien sind nicht verwerflich.

Es gibt etliche andere Situationen, in denen man seinen Mitmenschen die pure Wahrheit besser nicht vor den Kopf knallt – ein gutes Beispiel: Eine Freundin präsentiert glücklich ein neues Kleid, das ihr nicht gut steht, und will wissen, wie man es findet. Nur ein dummer, sozialer Trampel antwortet: "Furchtbar, es macht dick und sieht schrecklich aus.“ Eine kluge, rücksichtsvolle Freundin findet eine diplomatische Antwort, etwa: "Schön, aber andere Kleider stehen dir noch besser.“ Und wenn sie das nächste Mal mit der Freundin einkaufen geht, versucht sie mit ihr zusammen ein passenderes Teil auszuwählen. Solche uneigennützigen Schummeleien sind nicht verwerflich, denn man erspart anderen Enttäuschungen und tut ihnen nicht weh.

Eine brisantes Thema sind Lügen in der Partnerschaft. Kleine Wohlfühl-Unwahrheiten sind auch hier nicht verkehrt, zum Beispiel ein "du siehst gut aus“, auch wenn der Partner dunkle Ringe unter den Augen hat. Lügt man aber gezielt, um grundsätzliche Kontroversen zu vermeiden, begibt man sich auf gefährliches Terrain. Wer zum Beispiel Sporttermine erfindet, um abends mal ohne den eifersüchtigen, besitzergreifenden Partner ausgehen zu dürfen, hat mehrere Probleme: Erstens ist er zu feige und/oder bequem, um einen Konflikt auszufechten. Und zweitens kann er beim Lügen ertappt werden – was in der Regel zu noch größeren Konflikten führt.

Man sollte sich also bewusst machen, warum man die Unwahrheit sagt und welche Konsequenzen die Lügen haben. Geht es darum, anderen Enttäuschungen zu ersparen, sie nicht zu entmutigen, dann sind Lügen sozialer Kitt. Machen sie das Zusammenleben aber komplizierter und können sie andere verletzen, sollte man sie vermeiden.

Anzeige