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Lügen als Erziehungsmethode: Fast alle Eltern belügen ihre Kinder

Sind kleine Notlügen bei der Erziehung okay?
Sind kleine Notlügen bei der Erziehung okay? "Heute hat der Spielplatz zu!" 00:02:06
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Kindermund tut Wahrheit kund - aber Eltern lügen wie gedruckt

Kinder lügen ja öfter mal. Behaupten, sie hätten die Zähne geputzt oder keine Süßigkeiten genascht. Wer erwischt wird, darf sich dann eine Standpauke abholen – von wegen „Man darf nicht lügen“, „Du musst mir immer die Wahrheit sagen“ und so. Dabei lügen Erwachsene offenbar noch häufiger, als die Kleinen. Und zwar ausgerechnet vor ihren eigenen Kindern.

Lügen bei der Erziehung - Ist das erlaubt?
Lügen Sie bei der Erziehung? © Anja Greiner Adam

Von Merle Wuttke

„Da hast Du aber ein schönes Bild gemalt“, „Ich habe früher immer gemacht, was meine Mama wollte“ oder „Wenn Du nicht lieb bist, kommt der Nikolaus mit der Rute“ – wer Kinder hat, kennt solche Sprüche. Und wer ehrlich ist, gibt zu: „Ja, auch ich habe schon mal den ein oder anderen solchen Satz vor meinen Kindern fallen gelassen.“ Keine Sorge, Sie brauchen sich nicht zu schämen – denn damit gehören Sie zu der Mehrheit der Erziehungsberechtigten, die aus der Not heraus, aus Bequemlichkeit oder weil ihnen einfach gerade keine bessere Lösung einfällt, zu der Lüge als Erziehungsmittel greifen. US-Psychologen fanden in einer Studie mit amerikanischen und chinesischen Eltern jedenfalls heraus, dass der laxe elterliche Umgang mit der Wahrheit durchaus Methode hat. Sechs „Hauptlügen“ konnten die Forscher festmachen: Märchenlügen, Geldlügen, Lob-Lügen, Ernährungslügen, „Wenn-dann“-Lügen und „Allein lassen-Lügen“. Okay, erwischt!

Das Ganze ist natürlich schon ein wenig peinlich, schließlich will man den Kindern ja beibringen, die Wahrheit und „nichts als die Wahrheit“ zu sagen... Tja, Eltern und die gute alte Doppelmoral.

Lügen als Erziehungsmethode?

Wobei man zu ihrer Verteidigung sagen muss: Manchmal hilft wirklich nichts anderes. Oder zumindest nicht so effektiv. Habe ich persönlich gerade erst wieder in der Weihnachtszeit erlebt – die Nerven der Kinder vibrieren schon vor dem 1. Dezember und die Aufregung steigert sich täglich so dermaßen, dass man es ab spätestens dem dritten Advent mit einem fünfjährigen Nervenbündel zu tun hat. Um die Zeit bis Heiligabend durchzustehen, muss man da zwangsläufig zur verbalen Keule ausholen („Das Christkind sieht alles, und wenn Du so weiter machst, bringt es keine Geschenke“). Natürlich helfen solche Ansagen nur kurzfristig, aber – es hilft. Auch ein „Wenn Du Dich nicht sofort anziehst, gehst Du allein in die Kita“ wirkt immer wieder erstaunlich gut – na ja, zumindest bei einem zweijährigen Trotzkopf. Denn eines steht fest: Die eigene Hilflosigkeit in manchen erzieherischen Situationen kann man nur bei Kindern bis zu einem Alter von maximal acht Jahren mit einer klitzekleinen Lüge überspielen, danach durchschaut der Nachwuchs alles. Oder versuchen Sie mal einem Drittklässler mit den Worten „Die Frau am Nebentisch wird böse, wenn Du weiter so schmatzt“ zu kommen – da lacht der höchstens und antwortet: „Super, das will ich sehen!“

Ja, die Lüge als Erziehungsmethode sollte immer mit Vorsicht und nicht zu häufig angewendet werden, sonst verliert sie ihre „Glaubwürdigkeit“. Leider lässt sie sich als pädagogisches Mittel verführerisch leicht anwenden, weshalb Eltern – chronisch ratlos wie man renitente Kinder mit anderen Methoden zu mehr Kooperation bewegen kann – einfach zu gern darauf zurückgreifen. So lange die Lügnerei nicht ausufert wie bei einem Fünftel der befragten chinesischen Eltern, die ihren Kinder schon mal den Tod androhen („Wenn Du dich nicht benimmst, werfen wir Dich den Fischen zum Fraß vor“), schadet so ein bisschen Flunkerei aber auch doch niemanden, oder? Zumal das Ganze ja oft auch das Selbstbewusstsein des Kindes stärkt: „Du hast aber toll Flöte gespielt!“ (und ich jetzt einen Hörsturz).

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