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Liz Mohn: "Wir müssen das Gold in den Köpfen nutzen"

Liz Mohn spricht im Interview über die Situation von Frauen in Unternehmen
Liz Mohn spricht im Interview über die Situation von Frauen in Unternehmen © picture alliance / dpa, Matthias Benirschke

Liz Mohn: "Erste Rush Hour von Müttern beginnt um 6 Uhr morgens"

Liz Mohn ist eine der mächtigsten Frauen Deutschlands: Sie steht an der Spitze des Medienunternehmens Bertelsmann. Sie ist Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) sowie stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung. Sie engagiert sich politisch wie firmenintern für die Förderung von Frauen.

Sie machen sich für die berufliche Förderung von Frauen stark. Warum brauchen topausgebildete, intelligente Frauen heute noch Förderung? Setzen sie sich nicht selber durch?

Liz Mohn: Heute begegnen uns viele selbstbewusste, erfolgreiche Frauen - privat und beruflich. Aus meiner eigenen Lebenserfahrung weiß ich aber auch, dass es für Frauen nicht immer einfach ist, alles zu verbinden: den Beruf, die Kindererziehung, den Partner, den Haushalt … und dabei am besten noch gut auszusehen. Der Weg ist aber nicht mehr umzukehren: Frauen sind eine große Bereicherung für unsere Wirtschaft. Ihre sozialen Kompetenzen, ihre Kreativität und Organisationsfähigkeit sind unverzichtbar.

Was macht es Frauen heute schwer, die Karriereleiter trotz ihrer guten Voraussetzungen hochzuklettern?

Liz Mohn: Viele Frauen sind exzellent qualifiziert. Sie bringen die sozialen und emotionalen Kompetenzen für die Arbeitswelt von morgen mit und stehen ihren männlichen Kollegen bei Identifikation, Loyalität, Organisationstalent und Einsatzbereitschaft in nichts nach! In vielen Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung kämpfen sie allerdings immer noch um Anerkennung, insbesondere wenn es um Führungspositionen geht.

Wie sieht Frauenförderung bei Ihnen im Unternehmen aus? Wo werden Frauen konkret unterstützt?

Liz Mohn: Es gilt für Gesellschaft und Wirtschaft, das "Gold in den Köpfen der Menschen" zu nutzen! Man braucht neugierige, engagierte und motivierte Mitarbeiter, Männer wie Frauen, um auf globale Herausforderungen zu reagieren. Um die Situation zu verbessern, habe ich mit der Bertelsmann Stiftung im 2009 eine Akademie für weibliche Führungskräfte, die 'Business Women School', ins Leben gerufen. Das Angebot erfreut sich reger Nachfrage! Ziel des Projektes ist es, Frauen konkret und praxisnah in ihrer Karriere- und Lebensplanung zu unterstützen. Das geschieht dadurch, dass die Teilnehmerinnen unterschiedliche Unternehmenskulturen kennenlernen, das eigene Führungsverständnis reflektieren und individuelle Handlungskonzepte erarbeiten. Bei Bertelsmann selbst haben wir in den vergangenen Monaten viel getan, um Frauen in Führungspositionen zu fördern.

Wenn es um das Thema Frauenförderung geht, geht es auch immer um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vor welchen Herausforderungen stehen moderne Unternehmen? Was sollten sie in diesem Sektor leisten?

Liz Mohn Nach einer aktuellen Umfrage sind 90 Prozent der Befragten unzufrieden mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Menschen erfahren zwischen 30 bis 40 Jahren die "Rush Hour des Lebens": Karriere, Partner, Kinder, Hausbau. Oft erlebe ich aber, dass die erste Rush Hour bei Müttern morgens schon um 6.00 beginnt. Mir liegen die regionalen Initiativen, gerade im Mittelstand, sehr am Herzen. So haben wir grade mit der Bertelsmann Stiftung ein Qualitätssiegel für familienfreundliche mittelständische Unternehmen im Münsterland entwickelt.

Und bei dieser ganzen Diskussion: Wo bleiben die Männer? Was können Unternehmen tun, damit in punkto Vereinbarkeit von Beruf und Familie Gleichberechtigung vorherrscht?

Liz Mohn: Das Selbstbewusstsein und die neue Rolle der Frau machen es Männern nicht einfach: Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung wünschen sich zwar 90 Prozent eine Familie – aber 75 Prozent sehen sich noch im Allein-Ernährer-Modell.

Liz Mohn: "Wir haben viel erreicht, wenn auch noch viel zu tun ist"

Sie haben schon in verschiedenen Politik -Projekten mit Renate Schmidt, Ursula von der Leyen und Kristina Schröder zusammengearbeitet: Haben Sie das Gefühl, dass es in der Politik in diesem Punkt voran geht? Welche Ergebnisse erwarten Sie in naher Zukunft?

Liz Mohn: Die Förderung von Frauen in ihrer Karriereplanung ist besonders wichtig. Seit 2006 arbeite ich - zunächst mit Renate Schmidt, dann mit Frau von der Leyen und Frau Schröder - an diesem Thema. Ist uns eigentlich bewusst, dass vor knapp 50 Jahren Frauen nicht einmal ein eigenes Konto führen durften und bis 1977 den Mann um eine Arbeitserlaubnis fragen mussten? Wir haben schon viel erreicht, wenn auch noch viel zu tun ist.

Sie sagen: "Die Zukunft ist weiblich" – warum sind Sie davon überzeugt?

Liz Mohn Mit viel Hochachtung sehe ich, wie viele Frauen in Führungspositionen mit ihrer Kreativität und Leistungsstärke zunehmend das Rückgrat unserer Gesellschaft und Wirtschaft bilden. Diese positive Bilanz ziehe ich aus vielen persönlichen Begegnungen mit erfolgreichen Frauen aus aller Welt aber auch aus meiner jahrzehntelangen Berufserfahrung.

Bitte ergänzen Sie den folgenden Satz: In einer idealen (Berufs-)welt …

Liz Mohn Gerade in der heutigen Zeit ist es notwendig, über die Werte und den Umgang im Unternehmen nachzudenken. Mit anderen Worten: Die Gestaltung der Unternehmenskultur wird zur Führungstechnik der Zukunft – Gesellschaftliche Verantwortung und unternehmerische Leistung bilden in gleicher Weise Anforderungen an die Führung! Eigenschaften wie Gradlinigkeit, Ehrlichkeit, Disziplin, Bescheidenheit, Glaubwürdigkeit sind gefordert – und keine Eitelkeiten.

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