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Lieblingskind: Mutterliebe immer gerecht verteilen - geht das überhaupt?

Lieblingskind: Mutterliebe immer gerecht verteilen - geht das überhaupt?

Gleiche Liebe für alle: Warum das bei mehreren Kindern schwierig werden kann

Es grenzt schon fast an ein Tabu-Thema: Wenn man Eltern von mindestens zwei Kindern fragt, ob sie alle ihre Sprösslinge völlig gleich lieb haben, lautet die Antwort fast immer, wie aus der Pistole geschossen, "Natürlich!" Was für eine Frage. Am besten stellt man sie gar nicht erst.

Bei meinem letzten Klassentreffen unterhielt ich mich mit einem meiner ehemaligen Klassenkameraden (zugegebenermaßen nach dem ein oder anderen berauschenden Kaltgetränk) über Kinder und Elternschaft und erlebte eine Überraschung: Völlig ungefragt schnitt er das Thema an. Ihn als mehrfacher Vater schien diese Frage der Gleichbehandlung tatsächlich sehr zu beschäftigen - er hat nämlich (neben Söhnen, die er sehr liebt und auf die er sehr stolz ist) eine kleine Tochter. Und die sei, so sehr er sich dagegen auch versuche zu wehren, seine kleine Prinzessin. Was er gegen die Söhne locker erziehungsmäßig durchsetze, fiele ihm bei seinem Töchterchen fürchterlich schwer. Er fragte mich, ob ich solche Situationen bei meinen beiden Kindern auch kennen würde, oder ob er deswegen womöglich ein schlechter Vater sei. Gerührt von seiner Offenheit, antwortete ich spontan mit "Ja, ich kenne das" und "Nein, du bist deswegen kein schlechter Vater".

In der Tat kenne ich solche verwirrenden Empfindungen und auch das dazugehörige schlechte Gewissen. Liebe ich meinen Sohn und meine Tochter wirklich vollkommen gleich? Und behandle ich sie auch so? Sicher versuche ich ständig darauf zu achten, aber schon durch den Altersunterschied (mein Sohn ist 7, meine Tochter 12) gestaltet sich das als schwierig: Was ich von meiner Tochter erwarte, kann ich natürlich noch nicht in gleichem Maße von meinem Sohn erwarten. Wenn ich ihn bitte, die Spülmaschine einzuräumen, und sehe, wie mühsam er zerbechliche Teller Richtung Maschine balanciert, eine Soßentröpfchen-Spur hinter sich herziehend - dann mache ich es lieber selbst. Natürlich beschwert sich meine Tochter dann manchmal: "Der kann auch mal was machen!" Womit sie natürlich absolut recht hat.

Die beiden sind aber nicht nur unterschiedlichen Alters und Geschlechts, sie haben auch noch völlig unterschiedliche Charaktäre. Während meine Tochter schon sehr früh sehr selbstständig war, ist mein Sohnemann eher bequem. Ein gewisser Ergeiz, sich Socken und Schuhe vielleicht mal selbst anzuziehen ist ihm völlig fremd. Dafür gibt´s doch Mama! Meiner Tochter dagegen durfte ich damals gar nicht mehr helfen, sich anzuziehen - so ungefähr ab ihrem zweiten Lebensjahr.

Aber abgesehen von Gleichbehandlung im Alltag: Wie sieht es denn mit den Emotionen aus? Empfinde ich für meinen Sohn anders oder mehr als für meine Tochter? Die Antwort lautet: mehr nein, anders ja. Manchmal ist es irritierend, aber vielleicht auch natürlich. Aber ich mache mir beispielsweise mehr Sorgen darüber, dass meinem Sohn etwas Schlimmes passieren könnte, als meiner Tocher. Was natürlich daran liegen mag, dass meine Tochter schon besser auf sich selbst aufpassen kann - und ich ihr dahingehend auch vertraue. Sie ist meine "Große", die ihren Kram schon beachtlich gut im Griff hat und auf die ich auch sehr stolz bin. Mein Sohn ist der "Kleine", der noch sehr verträumt und verspielt ist und mich mit seinen großen blauen Augen mit den langen Wimpern und seinem Cindy-Crawford-Schönheitsfleck an der Oberlippe anschaut, nachdem er gerade meine Anweisung, seine Buntstifte vom Küchenboden aufzuheben, mal wieder ignoriert hat. Und ich muss dann wieder gegen mein mütterliches Entzücken ankämpfen und ihn trotzdem anmotzen.

"Favoritism": Das Lieblingskind in der Geschwisterforschung

Neulich erfuhr ich durch einen Artikel im Internet, dass die Forschung das Thema Geschwister längst entdeckt hat: Unter dem englischen Begriff "Favoritism" hat es sich offensichtlich zu einem ernst zu nehmenden Forschungsprojekt entwickelt. Der deutsche Geschwisterforscher Professor Dr. Hartmut Kasten erklärt, dass elterliche Liebe fast nie gerecht verteilt werden könne - was den Eltern manchmal gar nicht so bewusst sei. Bis zu einem gewissen Grad sei das auch völlig normal, erst wenn sich dauerhaft ein "Lieblingskind" etabliert, würde das Phänomen problematisch.

Die Angst, die eigene Mutter- (oder Vater-)Liebe ungerecht zu verteilen, scheint verbreitet zu sein. Ich kenne Mütter, die bis dato nur ein Kind haben und sogar Bedenken haben, ein zweites Kind zu bekommen, nur weil sie unsicher sind, ihm genauso viel Liebe geben zu können, wie dem ersten.

Mag sein, dass meine beiden Kinder völlig verschieden sind, was Alter, Geschlecht und Charakter angeht und dass damit schon mal eine gewisse Ungleichbehandlung einhergeht - aber damit muss ja nicht zwangsläufig eine Wertung verbunden sein. Stolz bin ich auf beide - und bei meiner Tochter versuche ich eben nicht zu vergessen, dass sie bei aller Selbstständigkeit und Reife doch noch ein Kind ist, das seine Kuscheleinheiten braucht. Und bei meinem Sohn, dass trotz seiner hübschen Augen ruhig mal gefordert werden darf.

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