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Lieblingskind ist kein Mythos

Lieblingskind ist kein Mythos
Zu einem ihrer Kinder haben Eltern scheinbar eine engere Bindung. © iStock

Studie belegt: Ja, Eltern haben Lieblingskinder!

Jetzt mal ehrlich antworten, liebe Mütter: Habt Ihr ein Lieblingskind? Ihr dürft das gern zugeben - bleibt ja unter uns. Und: Ihr seid nicht allein. Studien zufolge bevorzugen zwei Drittel aller Eltern ein bestimmtes Kind. Hauptsache ist doch, die anderen Kinder im Haus kriegen das nicht mit, oder?!

Von Merle Wuttke

"Mama, wen von uns magst du eigentlich am liebsten?" - diese Frage stellt mir eines meiner Kinder regelmäßig. Und mit schöner Regelmäßigkeit antworte ich darauf: "Ich habe euch alle genau gleich lieb." Und das empfinde ich auch tatsächlich so. Mein Sohn scheint es mir dennoch nicht zu glauben, sonst würde er ja nicht immer wieder danach fragen. Stellt sich für mich also die Frage: Habe ich vielleicht doch ein Lieblingskind? Bevorzuge ich möglicherweise unbewusst eines von ihnen? Laut einer Studie, in der Eltern dazu aufgefordert wurden, offen zu sagen, ob sie ein Kind lieber haben, gaben jedenfalls 65 Prozent der Mütter und 70 Prozent der Väter zu, dies zu tun. Bin ich etwa auch eine von ihnen?

Wenn ja, könnte ich mich damit trösten, dass es wohl in der Natur des Menschen liegt, ein bestimmtes Kind zu bevorzugen. Das ist sozusagen eine evolutionäre Mitgift. Wir wollen, dass unsere Gene sich durch Fortpflanzung möglichst weit verteilen, und diese Aufgabe trauen wir unbewusst dem Kind zu, das in unseren Augen die besten Voraussetzungen dafür mitbringt. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein: sein gutes Aussehen oder seine Klugheit - jedes Elternteil ermisst die angeblichen Fortpflanzungsvorteile des Kindes selbst, weshalb der Liebling der Mutter eben nicht der des Vaters sein muss.

Mittlere Kinder sind selten der Liebling

Die Chancen, dass es in einer Familie also zwei 'Lieblingskinder' gibt, stehen demnach also gar nicht schlecht. Schwierig wird es wohl nur ab einer Kinderschar von dreien. Mittlere Kinder werden nämlich am wenigsten bevorzugt (erwähnte ich, dass mein Sohn, der, der immer fragt, ebenfalls der Mittlere ist... ups!).

Die meisten Eltern, denen bewusst ist, dass sie eines der Geschwister lieber mögen, versuchen dies möglichst zu kaschieren. Und das ist auch gut so: Kinder, die spüren, dass andere bevorzugt werden, entwickeln ein geringeres Selbstbewusstsein oder eventuell später sogar einmal eine Depression. Auf jeden Fall hat man von diesem Gefühl sein Leben lang etwas. Meine Mutter etwa erinnert sich mit über 60 immer noch daran, wie ihr Bruder bei allen Dingen bevorzugt wurde, mehr Geschenke bekam, weniger ausgeschimpft wurde. Auch die Bindung unter den Geschwistern kann also durch eine offen zur Schau gestellte Bevorzugung leiden.

Nun ist es aber auch nicht so, dass das 'Glückskind' mit seiner Rolle perfekt durchs Leben kommt: Aufmerksamkeit und Großzügigkeit gewöhnt, hadern später viele der Lieblingskinder mit der harten Realität. Schließlich bekommen sie hier keine Vorschusslorbeeren, sondern müssen sich wie alle anderen erst einmal im Alltag, im Job, in der Lebensführung beweisen.

Aber um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Habe ich ein Lieblingskind? Ich denke nein. Ernsthaft. Sicher, das eine Kind steht mir manchmal näher als das andere. Aber das hat auch etwas mit seiner jeweiligen individuellen Entwicklungsphase zu tun. Und manche Dinge werden mich an meinem Ältesten mein Leben lang nerven, andere wiederum an meiner Jüngsten. Lieben tue ich sie alle gleich. Auch den Mittleren.

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