LIEBE LIEBE

Liebesleid: Gibt es Liebe ohne Schmerz?

Liebesleid: Gibt es Liebe ohne Schmerz?
Es geht selten ohne Leid

Auch schwierige Lieben sind schön!

Wenn ich versuche, auf den Punkt zu bringen, worum es in all den unzähligen Liebesratgebern geht, die die Bücherregale dieser Welt bevölkern, komme ich auf zwei Punkte: 1. Wie finde ich die große Liebe? 2. Wie geht mir das möglichst leicht von der Hand? Nächster Schritt: Wie lässt sich garantieren, dass der, den ich liebe, meine Gefühle eins zu eins zurückliebt? Weiter: Zu mir kommt und bei mir bleibt. Ende! Happy End!

Es geht also darum, Leid zu vermeiden, es auszuschließen als sei es die Pest der Liebe.

Das ist ein frommer und nachvollziehbarer Wunsch. Aber: Werfen wir einmal einen Blick in eine andere Art von Büchern, die uns fasziniert. Bedeutende Liebesromane. In diesen wird enorm gelitten. Ja, die Liebe steht proportional zum Leid. Je "mehr" Liebe (Liebe ist nicht messbar), desto massiver der Kummer um diese Liebe.

Denken wir an "Romeo und Julia". Das Stück kennt jeder. Die Liebe dieses Paares sprengte alles. Auch das Leben selbst. Sie reicht bis in den Tod hinein.

Ich bin auf der einen Seite gern behilflich, wenn jemand Liebekummer hat, und unterstütze Menschen dabei, den Kummer zu überwinden. Ich rate keinem, sich selbst zu ruinieren. Doch tief im Inneren weiß ich, dass natürlich gegen eine Riesenliebe nichts zu machen ist. Liebt man zum Beispiel einen gebundenen Menschen, liebt der einen sogar zurück, will oder kann sich nicht trennen, leidet man wie ein Hund.

Da heilen keine Pillen, da heilen keine guten Worte. Das geht dann einfach so lange, wie es geht. Und manchmal hört es auf. Manchmal nicht. Mit manchen Lieben schlägt man sich ein Leben lang herum. Freud und Leid dicht beiander. Denn auch schwierige Lieben sind schön!

Liebesleid: Zum Lieben gehört Mut

So zu lieben, dazu gehört Mut. Und es gehört Mut dazu, im 21. Jahrhundert, wo alle denken, alles sei machbar in der Liebe, als sei Liebe ein Selbstbedienungsladen des Glücks, einen Roman zu schreiben, wo der Held fast zu Grunde geht an seiner Liebe. Genau das geschieht in dem herrlichen Roman "Untitled" (Kiepenheuer & Witsch) von Joachim Bessing.

Der Roman erinnert mich an die "Leiden des jungen Werther" von Goethe. Ein junger Mann trifft eine kluge und schöne Frau, sie ist vergeben. Er verliebt sich, sie sich genauso heftig. Doch sie kann nicht raus aus ihrer Ehe. Punkt. Es liegt nicht daran, dass sie ihren Verehrer nicht genug liebt. Es geht einfach nicht. Ehen sind bisweilen so. Auch das will keiner hören. Dass nicht jede Ehe auflösbar ist, "nur" weil man (noch) einen anderen liebt. Was macht der herrliche Liebende in "Untitled"? Kauft er sich einen Psycho-Ratgeber? Nein, er liebt einfach weiter. Mal dramatisch, mal heiter, mal hoffnungsvoll, mal düster. Mal mit Selbstmordgedanken, mal ohne. Er scheut nichts. Er sucht keinen Liebes-Knopf zum Abstellen.

Für mich war das Lesens des Romans eine Wohltat. Endlich sagt es mal einer, dachte ich. Er sagt es mit einer enormen Sprachgewalt ganz altmodisch und ganz modern: Liebe ist nicht nicht für einen Apfel und ein Ei zu haben. Kleine Liebeleien vielleicht. Monumentale Lieben haben einen Auftrag. Sie sagen: "Runter vom Sofa! Rein ins Leben!"

Wenn man das erst einmal auf den Grund seines Herzens hat sacken lassen, dann erleichtert einem das das schwerste Lieben. Weil man sich nicht mehr wehrt. Das ist der Trick. Wehrlosigkeit, Hingabe, kein Kampf.

Weil man nichts mehr darauf gibt, was Ratgeber und Therapeuten und Hans und Franz sagen. Dass man sich selbst nicht genug liebt und einen an der Waffel hat, wenn man sich derart in die Liebe wirft, schmeißt, ohne Netz und doppelten Boden.

Stattdessen findet man sich als Liebender mit dieser Liebe einfach ab und ist mit sich im Reinen. Man hat keine Angst vor dem Guten!

Man ragt heraus aus dem Meer der Menschen, die Liebe nur flach erleben wollen oder können. Ohne Tiefe. Man ist eine Oase in der Wüste der Gefühlsverflachung. Man ist nicht gescheitert, im Gegenteil: Man kann was!

Am Ende hat man sich nicht verloren, sondern gefunden! Liebe als Seinsweise. Für manche ist Sport oder Uhren sammeln der Mittelpunkt ihres Lebens, für andere die Liebe. In der ein "Ich" erst ein Ich wird durch ein "Wir". Ob das "Wir" gelebt werden kann oder nicht.

Der letzte Satz des Romans ist grandios: "Ich bin so froh, dass Du dich gefunden hast", sagt Julia, die Frau, die der Held liebt und die ihn liebt, aber verheiratet ist.

Er sagt: "Ja. In Dir."

So geht Liebe.

Eure Birgit

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