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Liebe in den Zeiten der Arbeitslosigkeit

Liebe und Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit hat einen Einfluss auf die Liebe und die Partnerschaft

Verändert Arbeitslosigkeit die Liebe?

"Jetzt sitz' ich halt den ganzen Tag vorm Fernseher, trink' Bier und verprügel' meine Kinder." Nach einer kleinen Kunstpause lässt Ulli ein dreckiges, sarkastische Lachen folgen. Schon klar: Der 37-Jährige Speditionskaufmann hat nur einen Witz gemacht.

Von Ursula Willimsky

Zum Lachen ist ihm aber eigentlich nicht zumute. Denn Ulli ist seit Kurzem arbeitslos. Den Job hat er ohne jede Vorwarnung verloren. Er ist hochqualifiziert, war seit Jahren in dem Betrieb und als zweifacher Familienvater, so dachte er zumindest, auch im sozialen Ranking so eingestuft, dass sein Arbeitsplatz relativ sicher ist.

Und nun sitzt er zuhause. Finanziell ist die Familie im ersten Jahr ja noch abgesichert – was danach kommt? Darüber macht er sich noch keine Gedanken. Oder besser gesagt: Er ist sich sicher, dass er innerhalb eines Jahres wieder einen Job finden wird. Die ganz existentielle Angst hat ihn und seine Familie noch nicht erfasst. Aber dafür gibt es schon andere Probleme.

Liebe und Arbeitslosigkeit: Das bisschen Haushalt ...

Und von diesen Problemen – erzählt besser seine Frau Sonja. Bisher war der Alltag des Paares in einer ganz klassischen Rollenverteilung strukturiert: Ulli war für's Geldverdienen zuständig, Sonja für Haushalt und die beiden kleinen Kinder. Gemeinsame Zeit gab's am Wochenende und im Urlaub. "Gerade den Urlaub mit ihm hab ich immer sehr genossen", erzählt Sonja, "da hatten wir unendlich Zeit für einander. Aber jetzt ist er da – und ist doch nicht da."

Am Anfang der Arbeitslosigkeit dachte die 34-Jährige, dass nun die Last des Haushaltes und der Kinderbetreuung auf zwei Leute verteilt werden könnte, solange, bis Ulli wieder einen Job hat. "Aber das klappt gar nicht. Er hat wahnsinnig viel zu regeln. Außerdem hat ihm der Outsourcing-Mensch gesagt, dass Bewerben ein 8-Stunden-Job ist – und weil Ulli schnell wieder Arbeit haben will, investiert er sehr viel Zeit in Bewerbungen und Jobsuche. Ich kann ihn nicht so einspannen, wie ich das gerne hätte." Dass ihr Mann arbeitslos ist und trotzdem einen derart beschäftigten Eindruck macht, wurmt Sonja. Aber sie akzeptiert es.

Verhandeln, Verhandeln, Verhandeln

Liebe in den Zeiten der Arbeitslosigkeit
Reden Sie miteinander © gpointstudio - Fotolia, Anna Bizon

Wer macht ab jetzt was? Wie viel Zeit sollte er als Arbeitsloser für Haushalt und Co. opfern? Welche Bereiche ab jetzt zusätzlich erledigen? Damit sich bei der Frau nicht das Gefühl breit macht, dass er gar nichts tut – und sie alles machen muss? Diese Fragen, sagt die Kölner Therapeutin Inge Mühlberger, klären sich nicht "irgendwie von selber". Diese Fragen sollten in klaren, sachlichen Verhandlungen geklärt werden. "Ab jetzt bringst Du die Kinder in den Kindergarten und machst die Einkäufe, und ich bin für Wäsche und Ordnung zuständig" – so könnte eine Lösung aussehen. Dann bleibt immer noch Zeit für Bewerbungen – aber bei der Frau schleicht sich nicht das Gefühl ein, dass er gar nichts tut – und sie alles machen muss.

Die Zeit ohne Job birgt ein großes Gefährdungspotential für die Liebe: "Bei einer Krankheit schließt man sich eher zusammen, im Sinn von: Wir schaffen das. Bei der Arbeitslosigkeit – können sich dagegen schnell Fronten in einer Beziehung bilden."

Um die wieder aufzuweichen, hilft nur reden, reden, reden. Und: Abgeben. "Das ist ja ein ganz klassischer Fehler, den viele Frauen machen: Erst wollen sie, dass der Mann ihnen was im Haushalt abnimmt – und er macht das ja meistens auch gerne. Aber sobald er etwas macht – kommt die Frau daher und verbessert ihn. Solange, bis er keine Lust mehr hat", sagt Mühlberger, "wenn man als Frau will, dass der arbeitslose Ehegatte sich zuhause tatsächlich engagiert – dann muss man ihn auch lassen. Und zwar so, wie er es für richtig hält". Das heißt: Klare Aufgabenbereiche verteilen – in denen dann Mann oder Frau aber auch ganz klar entscheiden, wie's läuft (ein Verhalten, nebenher bemerkt, das jeder Partnerschaft gut tut.)

Neue Rituale müssen her

Ulli und Sonja bemühen sich immerhin, an Ullis Arbeitslosigkeit auch ein paar positive Seiten zu entdecken: "Heute haben wir richtig lange geschlafen – und uns mit dem Frühstück Zeit gelassen, das war schon schön, so ganz ohne Termindruck". Naja – ein gemeinsames Frühstück ist ja jetzt nicht so der Knaller, denken Sie? Weit gefehlt, genau das ist einer der Wege, um eine Partnerschaft auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit am Laufen zu halten.

Soziologin Inge Mühlberger, die in ihrer Kölner Praxis viele Paare in Krisensituationen berät, sagt: "Mit der Arbeitslosigkeit fällt ja nicht nur Geld weg – sondern die ganze Routine, die sich um einen Job herum rankt. Aber diese Routine ist auch das Skelett, das einer Beziehung Halt gibt. Wenn die Routine wegfällt – muss ein Paar sich neue, eigene Rituale schaffen, die es stärken und die ihm Sicherheit geben. Ein regelmäßiges gemeinsames Frühstück kann so ein Ritual sein, auf das man sich freut und das man zelebriert." So ein Frühstück ist auch eine gute Gelegenheit, über Ziele zu sprechen. Denn aus der Psychologie weiß man: Alles, was ausgesprochen und formuliert wurde, lässt sich leichter realisieren, als Entschlüsse, die man nur im Inneren gefasst hat.

Ein paar Butterstullen am Morgen reichen aber natürlich nicht, um die Zeit der Arbeitslosigkeit ohne Krisen zu überstehen. Auch in der Ehe von Gertrud und Michael hat es tüchtig gekracht, als er seinen Job verloren hatte. Getrud, eine 41-Jährige Bankerin, ist eher der Typ Karrierefrau. Sie hat bald nach der Geburt ihrer Tochter wieder gearbeitet, und als ihr Mann seinen Job verlor, ganz selbstverständlich die Familie allein ernährt. Das Geld – war kein Thema. Seine Gemütsverfassung – schon eher. "Mit jeder Absage, die im Briefkasten liegt, wird Michael resignierter und dünnhäutiger. Ich versuche dann, ihn aufzubauen. Aber mit jedem Monat wurde ich ungeduldiger – und fordernder: Jetzt tu doch noch mal das, schau da nochmal nach…"

Bitte keine Vorwürfe

Dieses Verhalten kann nach hinten losgehen. Inge Mühlberger: "Sobald die Ehefrau anfängt, von ihm massiv zu fordern, dass er bestimmte Dinge tun soll – übernimmt sie für ihn Verantwortung. Aber der Ehemann ist ja kein kleines Kind mehr, sondern ein gleichwertiger Partner. Er muss sich bewerben, er muss handeln, er trägt die Verantwortung für seine Jobsuche, nicht 'Mutti'." Auf zu häufige Forderungen reagiert er dann oft mit totalem Rückzug. Sein Selbstwertgefühl ist ohnehin angeknackst – besonders, wenn die finanzielle Decke der Familie immer dünner wird. Spätestens dann müssen alle Karten auf den Tisch: "Ohne Vorwürfe, möglichst sachlich die Lage klären: Was können wir uns ab jetzt noch leisten? Worauf können wir verzichten? Worauf müssen wir verzichten?"

Als Ehefrau kann man den arbeitssuchenden Partner ermutigen, zu ihm halten. Vorwürfe machen meist keinen Sinn. Denn es steht ja nicht allein in seiner Macht, wieder eine Stelle zu finden. Würde es das – hätte er ja seinen alten Job nie verloren.

Von Ursula Willimsky

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