LIEBE LIEBE

Liebe hat viele Gesichter: Die Ehe ist nur eines davon

Birgit Ehrenberg
Birgit Ehrenberg

Es gibt nicht nur den einen richtigen Liebesweg

Die beste Freundin ist ein Segen für das ganze Leben, das weiß jede Frau. Sie kennt unsere wahren Wünsche und Sehnsüchte und steht uns bei, wenn das Leben uns das Glück manchmal verweigert. Meistens tickt eine gute Freundin ähnlich wie wir, vor allem, was ihre Vorstellungen von der Liebe angeht.

Es gibt aber auch den Fall, dass eine Freundin innerlich gänzlich anders aufgestellt ist hinsichtlich ihrer Liebestheorie. Dann wird es kompliziert. Ich kenne eine Frau, die würde durchs Feuer gehen für ihre Busenfreundin, diese würde das Gleiche für sie tun. Trotzdem liegen sich die beiden oft in den Haaren. Der Grund: Die eine Freundin hat die starke Tendenz, zu glauben, sie wisse, wo die alleinmachende Seligkeit in der Liebe liegt.

Sie hat alles daran gesetzt, einen Ehemann zu finden, bevor sie 30 ist. Das ist ihr Credo: Vor dem 30. Geburtstag muss eine Frau unter der Haube sein. Da kennt sie kein Erbarmen.

Und weil sie restlos davon überzeugt ist, dass nur dieser Weg funktioniert (sie selbst hat das Klassenziel erreicht, sie war mit 29 verheiratet) und alle anderen Liebeswege in die Irre führen, hält sie ihrer besten Freundin regelmäßig Vorträge über die Notwendigkeit einer pünktlichen Eheschließung. Die Freundin ist echt genervt, sie ist Single, sie träumt von einer schönen Beziehung, die Ehe allerdings ist nicht ihr Ding.

„Du musst Dir klare Ziele setzen, Dein Unterbewusstsein arbeitet darauf hin“, doziert die heitere Ehefrau, während ihre arme Single-Freundin gequält auf den Boden starrt, um nicht zu platzen. „Stell Dir vor, wie Du mit Deinem Traummann vor dem Altar stehst. Du musst das plastisch vor Dir sehen, Du musst es fühlen, Du musst den Duft des Brautstraußes quasi riechen. Dann wird das was!“

Die Ehe-Fanatikerin meint es natürlich gut, sie will, dass ihre Freundin nicht immer wieder an den „Falschen“ gerät, an einen, der bloß eine Affäre will oder noch weniger. Doch diese gutgemeinte Gehirnwäsche führt zu nichts, sie kann sogar die Freundschaft zerstören.

Gerade in der Liebe gibt es eben keine für jeden geltenden Liebesziele, die existieren ausschließlich in Hollywoodfilmen. Diese enden in der Regel mit einer Traumhochzeit - zuckersüß in weiß mit roten Rosen. Nach der Eheschließung ist für alle Zeiten alles in Butter, der Liebesharmonie-Drops ist gelutscht, das wird einem suggeriert.

Nicht jeder Liebesweg muss zur Ehe führen

Im wahren Leben wird aber jede zweite Ehe geschieden, deshalb möchten manche Menschen schlicht und ergreifend nicht heiraten. Sie gehen davon aus, dass die Ehe irgendetwas zerstören könnte am empfindlichen Stoff der Liebe.

Es sind auch viele Menschen unterwegs, die wollen die Liebe nicht suchen, sie meiden Internet-Dating, sie leben fröhlich allein vor sich hin und erwarten, dass ihnen irgendwann jemand zufällig über den Weg läuft. Auch diese lässige Haltung ist für die Frau, die die Eheschließung vor 30 für unabdingbar hält, ein echter Graus.

Sie ist einfach generell eine Person, die meint, sie müsse jeden Moment des Lebens im Griff haben. Wenn diese Einstellung für Zündstoff, für inspirierende Diskussionen, in einer Frauen-Freundschaft sorgt, ist das eine feine Sache. Solche Gespräche haben durchaus philosophische Qualität. Wie geht das Leben? Lebt man es selbst, kann man es steuern? Oder lebt es sich selbst, das Leben? Der Fragemodus lässt sich auf das Lieben übertragen: Ist Liebe machbar? Oder kommt sie, wenn sie kommt, auch wenn man weit über 30 ist...

Ich freue mich über jedes tiefe Gespräch unter Freundinnen über die Liebe, das bringt uns weiter. Doch ich warne ausdrücklich vor jeder Art von besserwisserischer Mission. Für die Beziehung zur besten Freundin, für die freundschaftliche Liebe, gilt, was auch für die Liebe zwischen Mann und Frau gilt: Der Respekt vor dem So-Sein des Gegenübers macht die Liebe leicht und beständig.

In dem Sinne: Alles Liebe, Eure Birgit

Anzeige