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Legasthenie: Lese- und Rechtschreibschwäche

Legasthenie: Lese- und Rechtschreibschwäche
Der Kampf mit dem Buchstabenchaos © dpa, Felix Heyder

Symptome einer Lernstörung

Die kleinen Startschwierigkeiten der Grundschüler beim Lesen und Schreiben bringen Eltern häufig zum Schmunzeln. Es ist ja auch putzig, wenn die Kleinen die „Giraffe“ anfangs als „Gierafe“ in ihre Schreibhefte kritzeln - oder so manchen Begriff beim Lesen falsch betonen. Ein Warnsignal ist jedoch, wenn fast jedes geschriebene Wort auch nach intensiver Übung Fehler enthält und Texte absolut unverständlich vorgetragen werden. Eltern sollten dann unbedingt abklären lassen: Leidet das Kind unter Legasthenie?

Von Doreen Wagner

Legasthenie bezeichnet eine Lernstörung, die sich durch ausprägte Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und/oder der Rechtschreibung äußert. Die Symptome dieser Störung sind auffällig und gravierend:

Betroffene Kinder

... lesen sehr langsam, stockend und fehlerhaft

... erfinden passende Wörter, anstatt zu lesen

... haben große Schwierigkeiten, einzelne Laute miteinander zu verbinden

... können das Gelesene schlecht erinnern und verstehen

... verwechseln beim Schreiben Buchstaben, die ähnlich aussehen (z. B. p und q) oder ähnlich klingen (z. B. t und d)

... lassen in Wörtern Buchstaben einfach weg, fügen überflüssige hinzu oder vertauschen deren Reihenfolge

... machen viele Fehler beim Abschreiben von Texten

... haben eine unleserliche Handschrift und schreiben nicht auf einer Linie

All diese Probleme führen dazu, dass legasthene Kinder miserable Noten mit nach Hause bringen – vor allem in den sprachlichen Fächern wie Deutsch und Englisch. Mit Faulheit oder mangelnden geistigen Fähigkeiten hat dies jedoch rein gar nichts zu tun: „Die betroffenen Schüler geben sich meist besonders viel Mühe und sind in der Regel normal, manchmal sogar überdurchschnittlich intelligent“, erklärt Melanie Rausch, Pädagogische Leiterin des Nachhilfeservice tutoria.

Die Ursachen für Legasthenie sind wesentlich vielfältiger und komplexer. Unter anderem spielen Probleme bei der Wahrnehmungsverarbeitung eine wichtige Rolle: So können Legastheniker Wörter zwar sehen und hören. Deren Bedeutung erkennen sie jedoch nicht – oder nur mit einer großen Zeitverzögerung und Verzerrung. Forschungsergebnisse weisen zudem darauf hin, dass die Veranlagung für eine Legasthenie erblich ist. Sie kann also von den Eltern an die Kinder weitergeben werden.

Diagnose und Hilfsmaßnahmen

Wird eine Legasthenie nicht erkannt oder im Unterricht nicht berücksichtigt, muss das betroffene Kind mit ständigen Misserfolgen kämpfen - vor allem den schlechten Noten. Dies führt häufig dazu, dass Eltern und Lehrer mit Vorwürfen reagieren und die Mitschüler das Kind ausgrenzen. Zieht sich diese Situation über einen längeren Zeitraum hin, können zur Legasthenie zusätzliche behandlungsbedürftige Folgeprobleme hinzukommen:

Verlust des Selbstwertgefühls

Gefühl des Versagens

Schul- und Prüfungsangst

Traurigkeit, depressive Verstimmung

Konzentrationsprobleme

Motivationsverlust

allgemeines Leistungsversagen

Hausaufgabenkonflikte

sozialer Rückzug, Einsamkeit

Aggressivität

Grundsätzlich ist Legasthenie nicht heilbar und beeinflusst daher die gesamte Schullaufbahn. Umso wichtiger ist es also, die Legasthenie frühzeitig zu erkennen und entsprechende Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Dem Schüler bleibt dadurch ein Großteil des Leidensdrucks erspart. Unterstützung bieten beispielsweise speziell für Legastheniker entwickelte Therapien sowie der Nachteilsausgleich. Dieser gewährt betroffenen Schülern unter anderem mehr Zeit für die Bearbeitung von Tests. Eltern sollten hierbei beachten, dass dieser Ausgleich in den Bundesländern unterschiedlich geregelt ist.

Laut dem Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie können sich Eltern für die Diagnose einer Legasthenie an Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder Diplom-Psychologen wenden. „Lese- und Rechtschreibtests werden teilweise auch in den Schulen durchgeführt, größtenteils aber in speziellen Beratungsstellen oder den schulpsychologischen Diensten.“ Über diese Fachleute erhalten Eltern auch Informationen zu geeigneten Therapien und Therapeuten.

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