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Leben ohne Sex: Ist keinen Sex zu haben wirklich der größere Skandal?

Abstinenz der größere Schock?
Autorin wählt bewusst Abstinenz © picture alliance / Bildagentur-o

Autorin schockt mit Buch über ihr Leben ohne Sex

Achtung - Frankreich hat einen neuen Sexskandal! Was ist passiert? Wilde Orgien unterm Eiffelturm? Hat man den Präsidenten mit einer Prostituierten oder mehreren, weiblich, männlich, alles durcheinander, erwischt? Ach was - all dies wäre den Franzosen allenfalls ein müdes „Voila, c’est la vie!“ wert. Viel schlimmer finden viele das Geständnis der Französin Sophie Fontanel, die zugibt: „Ich hatte zwölf Jahre keinen Sex!“ Erstaunlich, dass so eine vermeintlich harmlose Beichte für so viel Aufruhr sorgt. Was steckt wirklich dahinter? Warum ist Sex für uns so wichtig?

Von Dagmar Baumgarten

Ist schon komisch, dass in Zeiten, wo wir uns völlig selbstverständlich durch irgendwelche Feuchtgebiete wühlen, ausgerechnet so eine trockene Abstinenz-Beichte zum Skandal wird. Niemand ist noch über irgendwelche skurrilen Praktiken erstaunt, bei denen Staubsauger, Kerzen oder gefriergetrocknete Disteln die Hauptrolle spielen. Sexunfälle sind mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass sie bei der Feuerwehr schon lapidar als „Shades of Grey“- Einsätze abgestempelt werden. Aber wenn jemand, ein Nicht-Sex-Geständnis abliefert, stockt plötzlich vielen der Atem. Das darf nicht sein! Wer in unserer Gesellschaft keinen Geschlechtsverkehr hat, hat offensichtlich ein ernstes Problem.

Früher diente Sex einfach nur der Fortpflanzung. Zugegeben, das ist auch nicht besonders romantisch. Aber an dem Aufschrei und an der Verstörung, die jemand auslöst, der zugibt lieber keinen, als schlechten Sex zu haben, merkt man mal, welche Stellung in unserem Leben mittlerweile die Verrenkungen im Bett haben. Sex ist zum Gradmesser geworden, wie frei, schön, beliebt, und vor allem glücklich wir sind.

„Ich sexe, also bin ich!“ scheint für viele eine Lebensphilosophie geworden zu sein. Niemals würden wir übers Gehalt so freizügig reden wie über unser Intimleben!

Sex wird mittlerweile viel zu ernst genommen

Unterstützt wird das Ganze von windigen Geschäftsleuten und einer Industrie, die sich an unserer Sex-Hörigkeit gesund stoßen will. Es gibt tausende Studien darüber, wie wichtig Sex für unsere Beziehung, unsere Gesundheit, aber vor allem für unser Seelenheil ist. Zahlreiche Experten und solche, die es gerne wären, verdienen sich dumm und dämlich, indem sie uns genau erklären, warum, wie oft und in welchen Stellungen wir Sex haben müssen, um ein erfülltes Leben zu haben. Selbstverständlich gibt es dafür Millionen Anleitungen, inklusive kurioser Kurse in Swingerclubs.

Passend dazu ist auch eine neue britische Studie, die sagt, dass ohne regelmäßige Orgasmen auch keine Partnerschaft möglich ist. „Wenn ich nicht komme, kannst Du gehen!“, scheint der neueste Schrei unter Liebenden zu sein! Tatsächlich ist für viele der sexuelle Höhepunkt mittlerweile das wichtigste Kriterium für die Qualität einer Beziehung! Wehe dem, bei dem Stress, Müdigkeit oder sonst was auf die Libido schlägt. Wenn er oder sie keinen Beziehungs-Tiefschlag erleiden will, muss der Höhepunkt vorgetäuscht werden. Das macht angeblich nicht nur jede zweite Frau, sondern sogar mittlerweile jeder vierte Mann.

Schade, dass wir Sex mittlerweile so ernst nehmen, dass er manche dominiert statt sie zu bereichern. So toll echte Leidenschaft ist, so abturnend ist es doch eigentlich, wenn wir uns krampfhaft bemühen, uns von einer Ekstase in die nächste zu stöhnen. Vielleicht brauchen wir mal wieder eine sexuelle Revolution! Die uns vom Sex-Diktat befreit! Vielleicht würde uns auch etwas Abstinenz mal ganz gut tun, um mit etwas Abstand zu erkennen, was wir eigentlich selbst wollen und was uns wirklich in unserer Beziehung wichtig ist. Es müssen ja nicht gleich zwölf Jahre sein!

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