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"Lauft zuhause nur nackt herum!": So räumt eine Mutter mit falschen Schönheits-Idealen auf

Eine Mutter küsst ihr Kind
Das Verhältnis zum Kind stärken - unsere Autorin findet: Das geht auch ohne dauer-Nacktheit!

Femen-Extrem im Kinderzimmer

Lauft zuhause nackt herum und zeigt euren Kindern und Ehemännern eure Körper! Constance Hall fordert genau das auf ihrem Facebook-Account. Was zu einer ziemlich aufgeregten Diskussion in Netz geführt hat, denn hier kollidiert ja die Freude am eigenen Körper mit Schamgefühl. Hall geht es darum, sich von Zwängen zu befreien – aber eben nicht im FKK-Sinne, sondern im Kampf gegen vorherrschende Schönheitsideale: Indem sie Mama ungefiltert in all ihrer Pracht sehen, sollen Jungs und Mädchen lernen, dass Frauenkörper in der Wirklichkeit nicht so perfekt sind wie auf Fotos oder im Fernsehen. So sieht sie es als Mutter und Bloggerin. Aber dafür gleich permanent alle Hüllen weglassen?

Von Ursula Willimsky

Es macht ja durchaus einen Unterschied, ob da ein kleiner Nackedei durch die Küche hüpft oder Mama splitterfasernackt die Kartoffeln schält. Letzteres zeugt zwar von einem sehr positiven eigenen Körperbild. Was ja an sich nicht schlecht ist. Aber muss man die Botschaft, dass Frauenkörper wie Frauenkörper aussehen und nicht wie ein Photoshop-Produkt wirklich gleich in der Femen-Extrem-Version ins Kinderzimmer posaunen?

Immerhin bleiben Kinder ja nicht ewig niedliche unschuldige kleine Wesen, sondern wachsen sich recht schnell zu jemandem aus, der einen eigenen Kopf, eigene Empfindungen und ein eigenes Schamgefühl hat. Und ob 5-Jährige oder gar 13-Jährige es wirklich so toll finden, wenn sie ihre Mutter zuhause stets nur im Evakostüm sehen? Ab einem gewissen Alter sehnt sich so manches Kind/so mancher Jugendliche da wahrscheinlich in die guten alten Zeiten der Kittelschürze zurück.

Man kann das Schamgefühl anderer ja auch durchaus durch das eigene Verhalten verletzen – auch wenn man ansonsten alles korrekt macht und immer anklopft, bevor man ins Kinderzimmer geht und nicht mehr ins Bad stürmt, wenn das Kind unter der Dusche steht. Irgendwann entwickeln Kinder ihr ureigenes Gefühl dafür, dass Nacktsein auch ein gewisses intimes Moment in sich trägt. Selbst in Haushalten, in denen mit Nacktheit locker umgegangen wird und die Kinder Vater oder Mutter auch mal ohne Bekleidung sehen.

Die Fähigkeit, sich für etwas zu schämen, ist im Menschen angelegt. Aber wofür er sich schämt – das ist auch anerzogen. In Ländern, in denen schon Babys nur mit Badeanzug am Strand herumtollen, werden die Kinder – was das Thema Scham in Hinblick auf Nacktheit anbelangt – vermutlich andres reagieren als in Gegenden, wo sie im Sommer ganz selbstverständlich ein paar Jahre lang nackt herumlaufen.

Jetzt kann man natürlich ganz im Sinne von Constance Hall

argumentieren, dass es ganz viele Menschen gibt, bei denen das Thema Nacktheit im Beisein von Kindern überhaupt keine Rolle spielt. Zum Beispiel bei Urwald-Bewohnern. Da tragen die Kinder ja auch – soweit uns bekannt ist – keine nennenswerten psychischen Schäden davon, weil sie ihre Eltern nie in Jeans und T-Shirt sehen. Wohl wahr.

Man kann seinen Körper auch in Klamotten lieben

Andererseits leben sie eben auch in einer anderen Gesellschaftsform, in der andere Normen gelten – und in der, das muss fairerweise vermutlich auch erwähnt werden – niemand auf die Idee kommt, dass normal entwickelte Körperteile wie Bauch, Po oder Schenkel ein Problem darstellen könnten. In diesem Sinne 1:0 für die Bloggerin.

Mit ihrem Einsatz will sie dafür sorgen, dass die Definition dessen, was Schönheit ist, sich in der nächsten Generation radikal ändern wird. Weg mit diesem ganzen unrealistischen Idol-Kram – her mit echten Vorbildern. Inklusive „Dehnungsstreifen, Körperbehaarung, hängenden oder auch winzigen Brüsten, Lachfalten, dickem Bauch, Orangenhaut“. Die Welt, so glaubt sie, „wartet verzweifelt auf euer Schönheitsbild“. 2:0 für Constance Hall. Was den Inhalt ihrer Mission anbelangt, geben wir ihr völlig Recht.

Aber wenn wir jetzt beurteilen sollen, wie wir ihre Methode finden, da halten wir uns doch lieber bedeckt. Denn: Man kann seine Kleider durchaus anlassen und dennoch zeigen, dass die öffentlich hochstilisierte Schönheit nicht die einzig wahre Schönheit ist. Indem man zum Beispiel auf seine eigene Wortwahl achtet. Oder indem man andere Menschen – vor allem Frauen – nicht erst nach ihrem Äußeren beurteilt (Stichwort: Von der hässlichen, dicken Kuh lass ich mir gar nichts sagen).

Ein positives Körpergefühl kann man auch damit vermitteln, dass man eben nicht jeder neuen Diät hinterherhechelt und ständig nur mürrisch vorm Spiegel steht und an den vermeintlichen Problemzonen herumzupft. Dass Mamas Oberschenkel eine andere Form haben als die Schenkel von Heidi Klum sieht man ja auch, wenn sie in Jeans stecken. Wichtiger als der Umfang ist doch wohl die Frage, ob dieser Unterschied überhaupt zu einem Problem-Thema gemacht wird.

Dass man schön ist, so wie man ist, und dass man andere schön findet, so wie sie sind, kann man auf tausenderlei Arten zeigen. Hauptsache, man selbst und auch das Umfeld fühlt sich wohl mit der Art, mit der man es zeigt.

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