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Latte Macchiato: Ein Kaffee für Weicheier und Großstadt-Mütter?

Kaffee-Kalorien: Wie dick macht Ihr Kaffee?
Kaffee-Kalorien: Wie dick macht Ihr Kaffee? Das leckere Getränk im Check 00:03:02
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Das "In"-Getränk der 90er Jahre

Soziologie-Professor Tilman Allert hat ein Buch verfasst, in dem er sich in Aufsätzen („soziologischen Miniaturen“) mit gesellschaftlichen Phänomenen befasst und sie ins Symbolische übersetzt. „Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge“ heißt das Werk. Es ist kein Wunder, dass der Autor den italienischen Kaffee mit sehr viel Milch als Namensgeber gewählt hat. Latte Macchiato steht für Großstadt-Bürger, die versuchen, sich als Freigeister zu tarnen. Und für Latte-Macchiato-Mütter, die sich in gentrifizierten Vierteln Angst und Schrecken verbreiten.

Latte Macchiato: Ein Kaffee für Weicheier und Großstadt-Mütter?
© picture-alliance/ dpa, Heiko Wolfraum

Von Christiane Mitatselis

In Spanien heißt das Getränk 'Leche Manchada', es bedeutet wie die italienische Bezeichnung 'Latte Macchiato' gefleckte Milch. Die spanische Variante wird in kleinen Gläsern serviert und sieht nicht so chic aus wie die italienische Version, die im großen Glas und mit Schaumkrone daherkommt. Mitte der 90er Jahre wurde der 'Latte' in Deutschland populär. Nur wenige italienische Bars boten ihn am Anfang an. Wer sich als wahrer Kenner italienischer Kultur hervortun wollte, der bestellte Latte Macchiato. Den Cappuccino kannte schließlich schon jeder.

Es kristallisierte sich eine neue Art des gut verdienenden Großstadt-Bürgertums heraus: Man kauft im Bioladen, man schätzt die guten Dinge von Manufaktum, man wählt Grün. Man wohnt als gefühlter Freigeist in ehemaligen Szenevierteln und sorgt dafür, dass die Mieten steigen und die weniger gut betuchte Ur-Bevölkerung vertrieben wird. Und man schwärmt für die Genüsse Italiens: Wein, selbst gemachte Pasta, Latte Macchiato.

Achtung, die Latte Macchiato-Mütter kommen

Dass der 'Latte' in Italien (genauso wie in Spanien) ein Weichei-Kaffee ist, der bevorzugt Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Herzproblemen gereicht wird, dürfte vielen seiner Fans nicht bekannt sein. Denn sonst würden ihn wohl weniger Großstadt-Männer mit Kennerblick bestellen. Tilman Allert ist der Ansicht, dass Erwachsene, die Latte Macchiato trinken, sich eher recht kindlich fühlten und nicht so ganz erwachsen sein wollen.

Sind Viertel wie der Berliner Prenzlauer Berg einmal gentrifiziert, machen sich die Latte-Macchiato-Mütter breit. Oft sind es studierte Kunstwissenschaftlerinnen, die geheiratet und sich bewusst entschieden haben, Mutter sein. Sie terrorisieren Café-Besitzer, indem sie in Kinderwagen-Kolonnen anrücken und Räume okkupieren. Bittet ein Kellner sie, ein wenig Platz für andere Gäste freizumachen, wird er als Kinderfeind tituliert. Gleichzeitig haben diese Mütter kein Problem damit, den ganzen Nachmittag bei einem Latte Macchiato zu verbringen. Und sie sind so sehr beseelt vom Muttersein, dass sie ihre Kinder öffentlich im Café stillen. Dass andere Gäste das nicht sehen wollen, ist ihnen egal.

Klingt nach Klischee, ist aber empirisch belegt. Vor ein paar Tagen noch musste die Autorin dieser Zeilen aus einem Café in der Kölner Südstadt fliehen, da das Mutter-Volk sich ohne Rücksicht auf Verluste breit machte. Und, ja: Die Damen bestellten Latte Macchiato.

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