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Langzeitfolgen einer Vergewaltigung: Schmerzen an Körper und Seele

Langzeitfolgen einer Vergewaltigung
Nach Vergewaltigungen können noch Jahre später Schmerzen auftreten © Berchtesgaden - Fotolia

Schmerzen nach Vergewaltigung: Oft wird der Zusammenhang nicht hergestellt

Eine Vergewaltigung stellt für jede betroffene Frau ein traumatisches Erlebnis dar und kann sowohl schwere psychische wie körperliche Folgen nach sich ziehen. So können nach einer Vergewaltigung noch Jahre später Schmerzen auftreten – auch in Körperbereichen, die nichts mit der Gewalt zu tun hatten. Das Problem ist, dass der Zusammenhang mit dem vorangegangenen Verbrechen häufig unerkannt bleibt, und die Patientinnen oftmals jahrelang unter den Schmerzen leiden. Im schlimmsten Fall drohen sinnlose Operationen.

Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Universität in North Carolina bestätigt das Phänomen, wie der „Spiegel“ berichtet: Eine Vergewaltigung löst häufig Schmerzen in Körperbereichen aus, denen nicht direkt Gewalt angetan wurde. Laut den Ergebnissen der Studie litten rund 60 Prozent der 74 Studienteilnehmerinnen drei Monate nach der Vergewaltigung unter neu aufgetretenen Schmerzen in mindestens einer Körperregion - am häufigsten an Kopf, Nacken, Rücken oder im Bauch. Damit bestätigt die Studie nur, was Experten wie Ulrich Egle, ärztlicher Direktor der Psychosomatischen Fachklinik in Gengenbach, schon lange vermuteten.

Woher kommen die Schmerzen? Unterschiedliche Erklärungsansätze

Für das Auftreten dieser Schmerzen gibt es verschiedene Erklärungsansätze: Der Körper steht nach der Vergewaltigung unter Dauerstress und schüttet ständig Stresshormone und Botenstoffe aus. Die Betroffene nimmt dadurch Reize von Haut, Muskeln oder anderen Stellen im Körper als Schmerzen wahr, obwohl diese normalerweise keine Schmerzen auslösen würden.

Die Beschwerden können aber auch ein Zeichen dafür sein, dass die Frau Situationen aus der Kindheit, in denen sie sich ohnmächtig oder hilflos fühlte, nicht richtig verarbeitet hat. Durch das Trauma Vergewaltigung wird das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht wieder aktiviert und Schmerzen, die möglicherweise in der Kindheit zugefügt wurden, treten wieder zu Tage.

Auf die dritte Erklärung für die Schmerzen kamen kalifornische Wissenschaftler vor zehn Jahren. Sie stellten fest, dass ein Hirnbereich, der sogenannte Gyrus cinguli, aktiviert wird, wenn sich Menschen ausgegrenzt fühlen. Die Nervenzellen in diesem Gebiet reagieren aber auch auf Schmerzreize. Das Hirn hat Schwierigkeiten zu unterscheiden, ob es das Ausgrenzungsgefühl ist oder Schmerzen sind. So nehmen manche Schmerzen wahr, obwohl sie sich eigentlich ausgegrenzt fühlen.

Georgios Kokinogenis, Oberarzt in der Psychosomatik an der Uniklinik in Bern bestätigt entsprechende Erfahrungen. Die Demütigung bei einer Vergewaltigung und das Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein setze Prozesse in Gang, die ohne jede Gewebeschädigung chronische Schmerzen auslösen können, so Kokinogenis. Er wünscht sich, jeder Mediziner, der eine Frau nach einer Vergewaltigung behandelt, würde nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Seele beachten. "Das könnte vielen Frauen jahrelange Schmerzen und unnötige Therapien ersparen."

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