Korrespondentin in China: Zwischen Staatssicherheit und Umwelthorror

Für Ihre Arbeit in China wird RTL-Korrespondentin Pia Schrörs mit dem Marler Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International ausgezeichnet.
RTL-Korrespondentin Pia Schrörs wird für ihre Arbeit in China mit dem Marler Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International ausgezeichnet.

Ehrenpreis von Amnesty International

Seit 2007 ist Pia Schrörs RTL-Korrespondentin in China. In ihrem Berufsalltag erlebt sie die ganze Härte der Staatssicherheit und den chinesischen 'Umwelthorror' am eigenen Leib, dennoch kann sie sich keinen tolleren Job vorstellen. Für ihre Arbeit ist Pia Schrörs jetzt mit dem Ehrenpreis des 'Marler Fernsehpreis für Menschenrechte' von Amnesty International ausgezeichnet worden.

Frauenzimmer.de: Sie bekommen den Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International für Ihre China-Berichterstattung verliehen. Das ist großartig, wir gratulieren Ihnen. Ändert das etwas an Ihrer Arbeit?

Pia Schrörs: Nein. Ich werde natürlich genauso aus China berichten wie zuvor.

FZ: Außerdem sind Sie für den 'CNN Journalist Award' nominiert: Worum ging es in dem Stück 'Gestohlene Söhne', das im RTL-Nachtjournal ausgestrahlt wurde?

Pia Schrörs: In China gibt es das große Problem, dass Kinder, vor allem Jungen, verschwinden. Sie werden oft einfach von der Straße weggeklaut. Es gibt Anhaltspunkte, dass diese Kinder verkauft werden an kinderlose Ehepaare, die sich einen männlichen Erben wünschen. Durch die 1-Kind-Politik wollen viele Paare Jungen haben, Mädchen sind häufig weniger erwünscht. Hunderttausende von Kindern verschwinden in China. Zu diesem Thema haben wir dann die Reportage gedreht.

"Zensur nicht, aber Recherchen werden erschwert"

FZ:China ist nicht gerade als Garant für freie Meinungsäußerung bekannt: Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie? Sind Sie zum Beispiel von Zensur betroffen?

Pia Schrörs: Zensur gibt es für unsere Berichte nicht, da die Beiträge ja in Deutschland ausgestrahlt werden, aber unsere Recherche wird hier sehr erschwert. Die Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger, die Arbeit für uns ausländische Journalisten immer gefährlicher. Man muss davon ausgehen, dass unsere Telefone abgehört werden. In letzter Zeit wurden Kollegen zunehmend eingeschüchtert, vorübergehend festgenommen, verhört und teils sogar verprügelt. Häufig wird man von Beamten der Staatssicherheit an Recherchen gehindert, von Drehorten verscheucht, Interviewpartner eingeschüchtert.

FZ: Sie sind auch schon einmal festgesetzt worden. Was ist da passiert?

Pia Schrörs: Wir waren in der Provinz Guangdong unterwegs und wollten über eine illegale Mine für Seltene Erden berichten. Das ist ein sehr sensibles Thema in China. Wir hatten über Blogseiten Kontakt zu Dorfbewohnern aufgenommen, haben diese interviewt und sind dann einfach zur Mine gefahren. Als wir dort ankamen, wurden wir von dubiosen Männern verfolgt, die uns schließlich den Rückweg versperrten. Unser Auto wurde von zwei Baggern eingekesselt. Die Staatssicherheit arbeitet häufig so, sie stellen sich nicht vor, sind in zivil, oder schicken Lakaien. Dann kamen immer mehr Männer und schließlich Beamte der Lokalregierung, die uns auch den Fußweg versperrten. Die Atmosphäre wurde von Stunde zu Stunde unfreundlicher, der Ton immer schärfer. Man warf uns einmal vor, wir seien Spione, oder man hielt unsere Kamera für ein japanisches Maschinengewehr. Wir wurden fünf Stunden festgehalten. Wir hatten auch Kontakt zum chinesischen Außenministerium, aber die konnten oder wollten uns nicht helfen. Letztlich sind wir mit Hilfe der Deutschen Botschaft frei gelassen worden.

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Schrörs: "Es gibt viele Geschichten, die mich bewegen"

Pia Schrörs: Als Korrespondentin in China
Pia Schrörs: Als Korrespondentin in China

FZ: Die Arbeit als Reporterin oder als Reporter ist nicht immer ungefährlich, wie man an dieser Geschichte sieht. Haben Sie manchmal Angst, wenn Sie arbeiten?

Pia Schrörs: Angst habe ich bei meiner Arbeit eigentlich keine - obwohl ich sonst eher ein ängstlicher Mensch bin. Ich bin bisher noch nicht körperlich angegriffen worden, abgesehen von kleineren Handgreiflichkeiten. Bei dieser Geschichte war ich allerdings im 9. Monat schwanger, da hatte ich komischerweise die Sorge, dass man mir in den Bauch boxen könnte.

FZ: Welche Geschichte, die Sie recherchiert haben, hat Sie bisher am meisten berührt? Was werden Sie Ihr Leben lang nicht vergessen?

Pia Schrörs: Das ist schwer zu sagen, es gibt wirklich viele Geschichten, die mich bewegen. Eine ist sicherlich die, über die 'Gestohlenen Söhne'. Ich habe aber auch einmal eine Geschichte über eine schlimme Umweltverschmutzung in der Provinz Shanxi gedreht. Hier kommen aufgrund der Umweltbelastung überdurchschnittlich viele Kinder missgebildet zur Welt. Ich habe ein paar Tage diesen Umwelthorror am eigenen Leib erlebt und auch die Auswirkungen an mir gespürt.Viele Bewohner vor Ort haben nicht die Mittel, diese Gegend zu verlassen, sie sind der Umweltverschmutzung hoffnungslos ausgeliefert, das ist ein Tod auf Zeit, das hat mich sehr mitgenommen. Von dieser Umweltverschmutzung hat man in Deutschland keine Vorstellung.

FZ: Haben Sie es als Journalistin manchmal schwerer als Ihre männlichen Kollegen, in China zu arbeiten?

Pia Schrörs: Manchmal schon. Ich bin in der Regel mit zwei männlichen Kollegen unterwegs. Viele sind verwundert, wenn sie feststellen, dass ich der Chef im Team bin. Manchmal werde ich erst gar nicht ins Gespräch eingebunden. Auf der anderen Seite haben viele Chinesen großen Respekt vor Frauen in diesem Job und wenn sie ihre Scheu überwunden haben, behandeln sie mich vielleicht sogar mit etwas mehr Hochachtung. Aber an der Mine für Seltene Erden zum Beispiel hat es keinen Unterschied gemacht, dass ich eine Frau bin, selbst die Schwangerschaft spielte keine Rolle.

Chinesinnen suchen oft einen Versorger

FZ: Wie sieht es denn in China generell aus beim Thema Gleichberechtigung? Kann man es mit Deutschland vergleichen?

Pia Schrörs: Es ist schwierig, diese Frage ganz allgemein zu beantworten, weil es viele unterschiedliche Schichten gibt und es natürlich auch Unterschiede zwischen den Städtern und der Landbevölkerung gibt. Zum einen gibt es viele junge ehrgeizige, aufstrebende Chinesinnen, die in ihrem Job viel erreichen wollen. Auf der anderen Seite suchen viele Chinesinnen noch einen klassischen Versorger als Mann und legen da viel Wert auf Statussymbole. In einer chinesischen Verkuppelshow im Fernsehen hat mal eine Frau gesagt: "Lieber todunglücklich im BMW, als glücklich auf dem Fahrrad" – das spiegelt die Erwartungshaltung vieler Frauen hier wieder. Häufig hängen Frauen ihren Beruf zum Beispiel vom 1. Tag der Schwangerschaft an den Nagel.

FZ: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen einer typischen chinesischen Frau und einer typischen Deutschen?

Pia Schrörs: Das Selbstbewusstsein ist der größte Unterschied. Chinesinnen wird häufig von klein auf erzählt, dass sie hässlich und nichts wert sind. Aufgrund der 1-Kind-Politik sind Mädchen oft unerwünscht. Chinesen sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder sie im Alter versorgen, viele sind davon überzeugt, dass Jungen diese Pflicht besser erfüllen können.

FZ: Warum sind Sie als Korrespondentin nach China gegangen, was reizt Sie an diesem Land?

Pia Schrörs: Der Auslöser waren die Olympischen Spiele, die Idee hatte damals mein Lebensgefährte. Mich hat das Fremde gereizt und auch die Tatsache, dass es von RTL noch keinen Korrespondenten vor Ort gab – ganz banale Gründe also. Dass ich hier aber nach vier Jahren immer noch als Korrespondentin arbeite, dass ich es geschafft habe, China seit eben vier Jahren zu einer festen Größe im Nachrichtengeschäft der RTL Gruppe zu machen, habe ich mir nie erträumt.

FZ: Sprechen Sie eigentlich fließend Chinesisch?

Pia Schrörs: Ich spreche Chinesisch, habe zwei Jahre vorher angefangen, die Sprache zu lernen. Jedoch ist die Sprache so komplex, dass man immer das Gefühl hat, man steckt im Lernprozess. Lesen und Schreiben habe ich allerdings aufgegeben. In den Provinzen, wo Dialekt gesprochen wird, übersetzt mein Assistent. Aber auch wenn man Chinesisch spricht, wird man hier immer als Ausländer wahrgenommen, die Leute drehen sich oft nach wie vor auch auf der Straße nach einem um. Chinesen nennen uns immer waiguo ren – Ausländer.

FZ: Welche drei Dinge in China möchten Sie nicht mehr missen?

Pia Schrörs: Als allererstes meinen Job hier! Ich kann mir momentan nicht vorstellen, woanders so einen interessanten und herausfordernden Beruf zu finden. Und dann natürlich das grandiose chinesische Essen und dass man sich hier für wenig Geld Luxus wie Massagen oder Pediküren leisten kann.

FZ: Welche drei Dinge fehlen Ihnen aus Deutschland am meisten?

Pia Schrörs: Die gute Luft ist ganz weit oben auf meiner Liste, das macht hier das Leben nämlich besonders schwer, insbesondere jetzt mit einem Kind. Ich würde gerne einfach mal wieder vor die Tür gehen und joggen, aber das ist hier undenkbar.

Und ich würde mir wünschen, dass Recherchen hier einfach mal ein bisschen weniger nervenaufreibend sind, dass man einfach mal zum Telefon greifen kann und ein Interview oder eine Drehgenehmigung bekommt.

Was mir auch fehlt ist die Zuverlässigkeit von Waren und Dienstleistung. In China ist zwar vieles sehr viel billiger als in Deutschland, aber eben auch wesentlich kurzlebiger. Manchmal wünscht man sich, viel Geld auszugehen und dafür endlich mal Qualität zu erhalten.

FZ: Vielen Dank für das Gespräch.

(Interview: Esther Hörbelt)

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