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Konkurrenz unter Geschwistern: Wie lebt es sich im Schatten des Erfolgreicheren?

Abgrenzung zum Erstgeborenen aus Protest?

So sieht er also aus, der kleine Bruder von Everybodys Darling Jennifer Aniston: Wenige, dafür staubige Klamotten. Jede Menge Tattoos. Schwarze Punkfrisur. Anscheinend ist dem 23-Jährigen ein perfekter Gegenentwurf zum Sauberfräulein-Image seiner großen Schwester gelungen.

Konkurrenz unter Geschwistern: Wie lebt es sich im Schatten des Erfolgreicheren?
Konkurrenz unter Geschwistern: Was, wenn einer erfolgreicher ist?

Von Ursula Willimsky

Das erste Mal seit fast zehn Jahren sind wieder Fotos von AJ aufgetaucht (die letzten gab es, als er im zarten Alter von 14 eine Filmpremiere seiner Schwester besuchte; die neuen zeigen ihn bei einem Festival). AJ lebt ein völlig anderes Leben als Jennifer: Statt Villa ein Van, mit dem er sich zwischen Surf-Spots und Festivals herumtreiben lässt. Und richtig Karriere hat er bisher auch nicht gemacht. Ein Klassiker der Geschwister-Paarungen: Erfolgreiche "Große", nicht ganz so erfolgreiche „Kleine“. Wie sehr bestimmen Geschwisterliebe und Geschwisterrivalität eigentlich unser Leben?

Viele Forscher sagen: Immens. Für manche gelten Bruder und Schwester sogar als noch prägender als es die Eltern sind. Irgendwie nachvollziehbar: Die Geschwister sind es ja, die einem den Legoturm mit Absicht zertrümmern und einen später mit einem "bo eyh, bist du fett, willst du wirklich tanzen gehen?" in die Jugenddisco entlassen. Sie wissen eben, wo's besonders wehtut.

Aber sie spüren auch, wo's besonders schön wird, wenn man gemeinsam das Süßigkeiten-Depot ganz oben links im Hängeschrank plündert oder stundenlang eine Welt aus Playmos baut. Oder sich später gegenüber dem Vater ein Alibi gibt, wenn´s drum geht, dass das Mädchen, mit dem dieser unmögliche Kerl aus der Siedlung unterwegs war, haargenau so aussah wie die eigene Tochter. Zwischen Geschwistern ist also alles möglich von abgrundtiefem Hass bis tiefster Liebe. Manchmal wechseln diese Gefühle im Sekundentakt. Unsere erste On-Off-Beziehung mit einem winzigen Unterschied zu späteren Liebesbeziehungen: Bruder und Schwester kriegt man nicht mehr los. Selbst wenn man nicht mehr mit ihnen redet, sind sie im Herzen und in der Erinnerung präsent. Und tyrannisieren oder begleiten uns munter durch unser Erwachsenenleben.

Gerade für die Spätergeborenen bleiben eigentlich nur zwei Alternativen: Entweder man eifert dem Älteren nach. Bei den Schumis war das wohl so, bei den Olsens ohnehin. Ben und Meret Becker haben dieselbe Begabung und denselben Beruf. Die Hemsworth-Brüder. Die Spears-Schwester. Fast alle Jacksons, und und und … Manche kleinere Geschwister setzen aber eher auf ganze bewusste Abgrenzung. Jennifer Garner zum Beispiel hat nur mit Ballet und Theater angefangen, weil ihre große Schwester das eben nicht machte. Bei manchen Kindern geht der Wunsch, anders zu sein als der große Bruder sogar soweit, dass sie schlechte Noten in Kauf nehmen - Hauptsache nicht so sein, wie der Kerl, mit dem man andauernd verglichen wird.

Geschwister konkurrieren um Anerkennung

Elterliche Liebe ist eine begrenzte Ressource. Kinder konkurrieren um diesen Wertstoff - und manchmal sehen sie eben die beste Erfolgschance für sich darin, in eine ganz andere Schublade zu schlüpfen. Manche Studien glauben, dass Erstgeborene bessere Chancen haben, im Leben erfolgreich zu werden: Angeblich sind zum Beispiel 78 Prozent aller Führungskräfte Erstgeborene. Häufig haben sie sogar - wie ungerecht! - ein paar Intelligenzpunkte mehr. Sie haben - so die Theorie - früh gelernt, allein Aufmerksamkeit zu bekommen und danach auch gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Oft gelten sie als die Disziplinierten und Strebsamen. Aber auch als die Kämpfer: Ihr Job ist es ja, auszuloten, wie lange man samstags wegbleiben darf. Die Jüngeren müssen diese Kämpfe nicht mehr ausfechten.

Und die Zweit-, Dritt- oder Viertgeborenen? Die suchen sich dann halt eine andere Nische - und gelten vielen als die experimentierfreudigeren. Die Großen wurden irgendwann durch die Ankunft eines kleinen schreienden Babys entthront. Das Baby muss irgendwann damit klarkommen, dass es in der Familie immer einen gibt, der schon lesen und Fahrrad fahren kann. Egal, was es macht: Da war schon immer einer, der es schon vorher gemacht hat. Außer, man macht etwas völlig anderes.

Kommen daher all die ungleichen Geschwisterpaare, deren Leben sich in ganz andere Richtungen entwickelt, obwohl sich ihr Genpool (bei Vollgeschwistern) im Durchschnitt zu 50 Prozent gleicht? Jennifer Anistons Halbbruder könnte so ein Beispiel sein für einen Nachgeborenen, der aus Trotz ganz anders wird: "Seit ich ein Teenager bin, werde ich auf sie angesprochen. It's been a pain in my ass since years." (Wer will, darf sich diesen Teil des Statements gerne ins Deutsche übersetzen, wir lassen ihn einfach mal so stehen).

In der der Geschichte und im Showbiz wimmelt es nur so von ungleichen Geschwister-Paaren.

Fangen wir bei der großen Politik an: Was dem Ex-Kanzler Gerhard Schröder sein Hartz-IV-Bruder Lothar war (der inzwischen in Rente ist), so etwas Ähnliches ist für US-Präsident Obama vielleicht sein Bruder George. Er lebt in einem Slum, wurde schon einmal wegen Drogenbesitzes aufgegriffen. Jimmy Carters Bruder galt als Lebemann mit eigener Biermarke (Billy Beer), arbeitete später als Öl-Lobbyist für Lybien. Bill Clintons Halbbruder geriet unter anderem wegen Alkohols am Steuer in die Schlagzeilen. Tja, und Neil Bush (noch ein kleiner Bruder) unterhielt die Nation unter anderem mit ein paar Finanzskandalen und der einer Affäre mit einer käuflichen Schönheit.

Alles kleine Brüder (oft Halbbrüder), die vielleicht ja nur deshalb ins Rampenlicht kamen, weil ihre großen Brüder da schon längst waren. Und für die sich deshalb ungeahnte Möglichkeiten auftaten: Entweder, um im Fahrwasser des Großen Karriere zu machen. Oder wahlweise sich oder die Geschwister zu blamieren.

Oder ihnen - auch gerne genommen - öffentlich den Erfolg, sagen wir mal, nicht ganz so zu gönnen. Kevin Spacey zum Beispiel hat einen Bruder, der sich lange Jahre als Rod-Stewart-Imitator durchschlug und jetzt angeblich irgendwo in Schottland in einer Hütte lebt. "Ich bin Kevin Spaceys Bruder. Ob es ihm passt oder nicht" sollte der Titel eines groß angekündigten Enthüllungsbuches lauten. "Ich glaube, ich bin ihm peinlich". Das wiederum hat nicht Spaceys Bruder gesagt, sondern der Bruder von Elton John. Auch er lebt in einer Art Baracke, ist arbeitslos, und sagt über den Glamour-Star Dinge wie "Als Elton erfolgreich wurde, ließ er uns zurück wie lästiges Gepäck." Geschwisterneid geht aber auch prima zwischen Bruder und Schwester: "Sie ist eine undankbare Natter" wird der Bruder von Julia Roberts oft zitiert. Er verschaffte ihr nämlich die Rolle als "Pretty Woman", und sie - so interpretieren wir seinen Satz - hat sich anscheinend nicht gebührend dankbar gezeigt.

Und wer kennt nicht selbst Geschwister, bei denen das Leben nicht ganz gerecht zu sein scheint: Der eine ein zielstrebiger, erfolgreicher Geschäftsmann. Und der andere? Ist schon zum dritten Mal mit einer Geschäftsidee baden gegangen. Die eine: berufstätig, dazu auch noch verheiratet mit reizenden Kindern. Die andere? Immer noch auf der Suche.

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