LIEBE LIEBE

Kompromissbereitschaft der Schlüssel zum harmonischen Sexualleben?

Birgit Ehrenberg kennt sich in Sachen Liebe aus
Birgit Ehrenberg ist die Liebesexpertin

Wenn Liebe zur Geschäftssache wird

Wie die Soziologin Eva Illouz in ihrem bemerkenswerten Buch „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ dargelegt hat, legen wir an die Liebe leider viel zu oft marktwirtschaftliche Kriterien an. Wir schauen zum Beispiel streng darauf, dass wir uns nicht verausgaben in einer Beziehung, dass wir zurückkriegen, was wir investiert haben. Quid pro Quo – heißt die Devise: Gib Du mir, was ich Dir gebe. Und dieses ökonomische Prinzip gilt vor allem für die Sexualität. Wir erwarten, dass unser Partner genauso oft oder genauso wenig Sex will, wie wir selbst. Klappt das, so der Common Sense, ist das für die Beziehungsharmonie die halbe Miete.

Tausende von Artikeln und Büchern mühen sich mit diesem Thema ab, bieten Tipps und Tricks dafür, wie aus sexunlustigen Menschen sexhungrige werden und aus sexhungrigen Menschen welche mit einem „gemäßigten“ sexuellen Appetit. In diesen Texten kursieren Zahlen darüber, wie viel Sex angemessen ist, von zwei Mal in der Woche ist meistens die Rede. Das sorgt schon für ordentlich Zündstoff in all den Beziehungen, wo die Menschen nicht in dieser Frequenz zusammenkommen. Kaum jemand hinterfragt die Seriosität dieser Zahlen.

Ich werde heute einen Schlussstrich unter all das Geschreibsel ziehen und mit der Wahrheit herausrücken. Die lautet: Auch innerhalb einer wunderbaren Liebesgeschichte ist es denkbar, dass die daran beteiligten Menschen vielleicht sogar sexuell bestens miteinander klarkommen, sie aber zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Häufigkeit Lust haben. Und das tut einer großen Liebe keinen Abbruch!

Die Liebe und der Frieden in einer Beziehung wird vielmehr davon bedroht, dass überall steht, dass sie bedroht ist, wenn nicht beide Partner stets zur selben Zeit und am selben Ort und auf dieselbe Weise miteinander verkehren wollen. Das wird den Leuten also ordentlich eingetrichtert, dass sie Grund zur Klage haben.

Sexuelle Kompromisse führen zu einer harmonischen Beziehung

Diese Form der Manipulation hat traurige Folgen, sie führt zu schweren Zerwürfnissen innerhalb einer Beziehung, das ist wie ein schleichendes Gift. Man kann sich wirklich einiges von der Liebe wünschen, man kann sich sogar wünschen, dass man eben diese Kongruenz findet, was das Sexuelle angeht. Aber wenn man endlich jemandem begegnet ist, den man liebt, mit dem man glücklich ist, dann muss ein Ungleichgewicht im Begehren kein Drama darstellen.

Alles hängt davon ab, wie man damit umgeht. Ich kenne einen Mann, einen weisen Mann, der hat eine Frau, die zum Beispiel wenig Lust hat. Wenn sie welche hat, kommt es zu wirklich erfüllenden Nächten voller Leidenschaft. Der Mann hat zu mir gesagt, dass es schließlich auch hätte geschehen können, dass die Frau auf Grund einer Krankheit wenig oder gar keine Lust mehr hat. In diesem Fall würde er sich auch keine andere Partnerin nehmen. Er liebt seine Frau, wie sie ist. Für ihn ist ihre sexuelle Ausrichtung eine Eigenschaft unter vielen. Er liebt sie, und er ist auf Grund dieser Gefühle bereit, Kompromisse einzugehen.

So einfach ist das. Wir würden wahrscheinlich alle von uns sagen, dass wir zu Kompromissen bereit sind, wenn wir lieben. Aber: Wir sprechen oder meinen in der Regel Petitessen... Herumliegende Socken, die Tendenz zur Unpünktlichkeit, die Neigung, den Jahrestag der Beziehung zu vergessen etc.

Wer ist bereit, sexuell Kompromisse zu machen? Da wähnen sich die meisten Frauen und Männer im Selbstbedienungsladen der Liebe und schreien nach Lieferung der Ware. Ich empfehle, sich die Worte des weisen Mannes zu Gemüte zu führen. Prüft Euch, ob Ihr bereit seid, jemanden derart ernsthaft zu lieben, dass ihr ihn in seinem So-Sein annehmt, auch und gerade sexuell.

Das ist wahre und tiefe Liebe - und zugleich ist es Liebe leicht gemacht.

In dem Sinne, alles Liebe, Eure Birgit

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