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Kleine Jungs brauchen Superhelden!

Kleine Jungs brauchen Superhelden!

Der Tag, an dem 'Speidermint' kam

Wann sind die Helden in das Leben meines Sohnes getreten? Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber erinnere mich dunkel an den ersten. "Speidermint" kam zu uns, da war mein Kleiner gerade drei. Und es sollten noch viele weitere starke, große, böse, gute, bewaffnete, Superkräfte besitzende Männer folgen.

Von Britta Dorn

"Wünsch' ich mir, wünsch' ich mir, wünsch' ich mir auch, hab' ich schon, wünsch' ich mir. Bääh, wünsch' ich mir nicht, ist für Mädchen" - ein Monolog, der in regelmäßigen Abständen aus dem Kinderzimmer tönt. Mein Vierjähriger sitzt dann auf dem Boden und sichtet seinen aktuellen Lego-Katalog. An den rosafarbenen Seiten angekommen, macht sich Entsetzen bei ihm breit. Sein Mund verzieht sich allerdings ganz schnell zu einem breiten Grinsen, als er bei den Star-Wars-Seiten ankommt. "Boah, guck mal Mama, da ist Darsss Veida, und der da ist Ennekinn und guck mal, da ist ja auch noch der Skeiworker! Der ist der Coolste, den will ich haben!" Mein Hinweis, dass Anakin und Skywalker mitnichten zwei Personen seien, wird vehement abgewiesen, mit dem Vermerk, ich hätte keine Ahnung. Er schon, er ist immerhin passionierter Star-Boars-Fan.

Ok, Jungs brauchen Helden, das sehe ich ja ein. Und es ist ja auch toll, wenn Dinge die absolute Begeisterung bei meinem Sohn auslösen. Ich sträube mich also nicht und kaufe bereitwillig qualitativ minderwertige, sicherlich nicht fair gehandelte und leider auch größtenteils unglaublich hässliche Merchandising-Produkte für meinen kleinen Superman. Schlafanzüge, T-Shirts, Laserschwerter. Die Sachen schleppt er dann, stolz wie Bolle, in den Kindergarten und ist dort dann für einen Tag selbst der Superheld. Der Kindergarten ist der Herd, die Quelle dieses Heldentums. Da versucht man in den ersten drei Jahren, so unspezifisch wie möglich zu erziehen - aber mit dem Kindergarten ist das schlagartig vorbei. Jungen spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen.

Und daran sind mitnichten die Erzieherinnen schuld - das regeln die Kinder schon alleine unter sich. "Ich brauch was Cooles an mir dran, vorher geh' ich nicht los", posaunte mein Sohn neulich, als wir morgens zum Kindergarten starten wollten. Verzweifelt suchte er seinen kleinen Darth-Vader-Schlüsselanhänger, um ihn sich an die Gürtelschlaufe zu klemmen. Mein "Aber du brauchst nichts Cooles, du BIST ein cooler Junge, auch ohne deinen Anhänger" wurde stur ignoriert, so dass wir irgendwann beide auf dem Boden herumkrochen, um unter dem Bett nach dem kleinen schwarzen Männchen suchen.

Ein Rollenklischee lässt grüßen

Mein Mann findet das alles völlig super, immerhin kann er durch unseren Sohn seine eigenen Kindheitsträume leben. Der neue Lego-Ninja-Turtle-Bausatz bringt seine Augen fast noch mehr zum Leuchten, als die des Kleinen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir insgeheim ein kleines, ruhiges, rotbäckiges Mädchen wünsche. Das liebevoll die Möbel in seinem Puppenhaus zurechtrückt. Aber dann hüpfen vor meinem inneren Auge plötzlich Hello Kitty, Prinzessin Lillifee und Filly Pferdchen auf und ab und ich besinne mich umgehend. Denn Mädchen sind um keinen Deut besser.

Aber zu denken gibt es mir schon, wenn ich mit meinem Sohn einen Kinoabend mache und er sich nicht wie sonst 'Cars' oder 'Feuerwehrmann Sam', sondern 'Bibi und Tina' wünscht, weil "die Marlene und die Nina das im Kindergarten immer spielen, aber ich darf da nie mitmachen, weil ich ja ein Junge bin". Oder wenn die Tochter meiner Freundin sehnsüchtig den raufenden Jungen hinterherschaut und liebend gern mitmachen würde - so wie früher, sich mit ihren fünf Jahren aber irgendwie fehl am Platze fühlt. Die Rollenklischees sitzen tief, fressen sich rein in die kleinen Köpfe, auch 2014 noch.

Aber glücklicherweise gibt es kleine Fluchten. Wie die Spielecke in unserem Lieblingsbuchladen. Darin verschwindet mein Sohn für Stunden, denn in ihr liegt, prachtvoll und rosa glänzend: Das Duplo-Prinzessinnenschloss! Voller Hingabe wird das Ding aufgebaut, bewundert und bespielt. Herzallerliebst sind auch unsere mittlerweile regelmäßigen 'Bibi und Tina'-Abende. Mein Sohn liebt sie, ich langweile mich zu Tode - jeder, der diese grenzdebile Mädchen-reiten-auf-Pferden-Serie kennt, weiß warum. Manchmal schiebe ich mir, wenn mein Sohn dann im Bett ist, die 'Cars'-DVD in den Player und schaue mir den kompletten Film alleine an. Einfach nur zum Kompensieren.

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