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Klamotten-Sharing: Und plötzlich passt das Kind in die Kleider der Mutter

Klamotten-Sharing
Klamotten-Sharing mit der Tochter © Denis Tabler - Fotolia

Niedlich war definitiv gestern

„Mamaaaa, darf ich deine Sneakers?“ - wenn ich diese Frage höre, zucke ich immer noch innerlich zusammen. Erstens wegen des hartnäckig fehlenden Hilfsverbs „haben“, das meine Kinder, wie anscheinend eine ganze Generation Heranwachsender, einfach vergessen haben, in Gebrauch zu nehmen. Und zweitens, weil ich immer noch Schwierigkeiten habe, zu glauben, dass meine Kleider jetzt tatsächlich meiner zwölfjährigen Tochter passen.

Von Alexandra Diemair

Wie kann es sein, dass sich mein süßes kleines Töchterlein, das doch gerade eben erst in viel zu großen High-Heels, die Gardine als Umhang um die Schultern geschwungen, durch die Wohnung gestöckelt ist, jetzt regelmäßig an meinem Kleiderschrank vergreift? Und das Schlimmste daran: In den unrechtmäßig geraubten Kleidern auch noch hübsch aussieht? Vorbei sind die Zeiten, in denen das Tragen der viel zu großen mütterlichen Klamotten beim betrachtenden Umfeld entzückende „Oh-wie niedlich“-Schreie hervorriefen.

Niedlich ist definitiv nicht mehr das Adjektiv, das einem beim Betrachten einfällt. Vielmehr hat man das Gefühl, die Kleider seien für meine Tochter oder beziehungsweise für eine derartige Spezies entworfen worden. Oder, wie ihre frustrierte Tante beim letzten Besuch meinte: „Jetzt weiß ich, wie der Pulli eigentlich aussehen soll“ und reflexhaft ihren halben Kleiderschrank an meine Tochter vererbte.

Und auch ich habe Schwierigkeiten, Kleidungsstücke, die meine Tochter getragen hat, selbst wieder anzuziehen. Nicht nur, weil ich kaum mehr Chancen dazu habe, da sich mein Kleiderschrank auf wundersame Weise stetig minimiert und einmal getragene Kleidungsstücke - „Ich leg‘s danach wieder in den Schrank, versprochen“- in den unendlichen Tiefen eines kaum zu überwindenden Kleiderbergs verschwinden und nur noch selten und dann mit Sicherheit aus Versehen, das Tageslicht wiedererblicken. Nein, Ich habe Schwierigkeiten bei der Vorstellung, dieselben Kleidungsstücke zu tragen wie eine Zwölfjährige. Irgendwie schlummert in mir drinnen das Gefühl, es müsse da in puncto Style irgendwelche Unterschiede, im besten Fall Entwicklungen geben.

Das Klamotten-Sharing-Modell hat seine Vorteile

Ich wollte nie die berufsjugendliche Mutter sein, die mit ihren Töchtern in die Disco geht und sich mit ihnen Wimpertusche und T-Shirt teilt. Was also tun? Mehr Jacket und Bluse und weniger Sneakers und T-Shirt wäre eine Möglichkeit. Ansonsten tröste ich mich mit dem Gedanken, dass mein unwissendes Töchterlein auf diese Weise von meinem reichhaltigen Style-Erfahrungsschatz profitieren kann. Machen wir uns nichts vor: Die Zeit, in der sich pubertierende Mädchen die eigene Mutter als Stylingvorbild nehmen, ist kurz. Modische Totalausfälle sind quasi vorprogrammiert. Außerdem ist das Klamotten-Sharing-Modell mit Tochter ein kostengünstiges Modell, da Kleidungsstücke nur einmal angeschafft und mehrfach getragen werden. Und mir immer wieder die Rechtfertigung geben, neue Kleidungsstücke zu kaufen. Lauter Vorteile also.

Und auch das Problem des Nicht-Loslassen-Könnens von Dingen verschwindet so fast von allein. Letztens las ich einen Artikel „7 Tipps, wie Sie Ihren Kleiderschrank entrümpeln können“. Im Wesentlichen ging es darum, Dinge, die man längere Zeit nicht getragen hat, auszusortieren, weil sie einem nicht so wichtig sind. Mein Tipp: Schaffen Sie sich eine Tochter an! Es kommt automatisch zu einer natürlichen Auslese, in denen nur die Dinge in Ihrem Kleiderschrank bleiben, die Sie auf gar keinen Fall teilen möchten und mit Zähnen und Krallen verteidigen.

Und so nicke ich mechanisch, wenn meine Tochter morgens um sieben vor mir steht und Halstücher, Strickjacken oder Longsleeves von mir fordert, und lasse sie bewaffnet mit meinen Umhängetaschen und Sneakers hinaus in die Welt ziehen. Ein bisschen wehmütig vielleicht, dass schon so viel Zeit vergangen ist, und mein kleines Mädchen schon so groß ist. Ein bisschen stolz auch, dass sie schon so groß ist. Und voller Liebe und Glück, wenn sie mir ihre Arme um den Hals schlingt und mich abküsst „Ich brauche mal schnell ganz viel Liebe“. Irgendwie bleiben sie immer klein. Auch wenn sie immer größer werden.

Nur ein Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf: Wie kann es sein, dass wir alle so sehr von den Bildern der Modeindustrie geprägt sind, dass wir Kleider an der kindlichen Figur einer Zwölfjährigen attraktiver und „richtiger“ finden, als an der unseren? Darüber muss ich mir definitiv noch ein paar Gedanken machen.

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